Mo., 27. März 2017
Sie sind hier: Home » Worms und Ortsteile » „Dem Volk aufs Maul geschaut“
Von: 18. März 2017 weiterlesen →

„Dem Volk aufs Maul geschaut“

Fabeln und Märlein im Hause Luther fanden lebhaftes Interesse / Nächstes „Märchen unter dem Kronleuchter“ am 21. Juni

Martin Luther hat ein gewaltiges Werk geschaffen. Das große Luther-Jubiläum macht  dies zunehmend in immer mehr Bereichen deutlich, macht aber gleichzeitig auch den „privaten“ Luther interessant, den Menschen jenseits der Geisteskämpfe und Debatten, hinter den Bücherstapeln und Manuskripten. So stieß der Eröffnungsabend der Reihe „Märchen unter dem Kronleuchter“ für dieses Jahr im Runden Saal des Heylshofs jetzt auf lebhaftes Interesse. Thema. „Fabeln und Märlein im Hause Luther“.

Der Wormser Märchen- und Sagenkreis, der die genannte Reihe verantwortet, hatte mit Alfred Pointner nicht nur einen bekannt vorzüglichen Erzähler für die Gestaltung des Abends gewonnen, sondern auch einen Kulturhistoriker, der sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Reformationszeitalter beschäftigt. Gestützt auf umfassendes Wissen konnte er auf eine Reihe von Märchen verweisen, die der Reformator gekannt haben musste, weil sich Hinweise und Spuren von ihnen in dessen Briefen, Predigten oder Tischreden finden.  Zu diesen zählte das auch heute noch beliebte Märchen von Aschenputtel. Besonders spannend war es für die Zuhörer, wenn sie anhand zeitlich unterschiedlicher Fassungen verfolgen konnten, wie die Texte im Lauf der Jahrhunderte vom Zeitgeist unterschiedlich geprägt wurden oder einzelne Autoren versuchten, sie für verschiedene Zwecke umzuarbeiten.

Als Seelsorger war Luther an guten, knappen Beispielgeschichten interessiert. Die fand er vor allem in den Fabeln Äsops. Sie stellte er in ihrem Wert für die Hörer Psalmen und Propheten gleich. Auf der Veste Coburg hatte er während des Reichstags von Augsburg einige dieser Geschichten ins Deutsche übertragen. Leider konnte er seine damalige  Absicht, später einmal eine umfangreichere  Fabelsammlung herauszubringen, nicht verwirklichen.      

Wie sehr aber Luther auch als Übersetzer alter Fabeln „dem Volk aufs Maul schaute“,  machten die Originaltexte deutlich, die Pointner einschließlich der angekoppelten deftigen Nutzanwendungen erzählte bzw. von Therese Beck vorgelesen wurden. Da fehlte die bekannte Geschichte von der Stadt- und der Landmaus nicht, amüsierten sich die Hörer über den eitlen Professor, der sich vom Abdecker vorführen lassen musste und wurden recht nachdenklich über das Schicksal des gutmütigen Hofhundes, der sein Hundehaus zur Linderung einer augenblicklichen Notlage für kurze Zeit anderweitig zur Verfügung stellt  und dann trotz aller vorherigen Versprechen nicht zurück erhalten soll. „Täuscht euch nicht“, so der Kommentar des Reformators, „der Teufel kommt gerne, wenn man ihn zu Gast lädt, doch er geht nimmer.“

Der nächste Abend der Reihe „Märchen unter dem Kronleuchter“ findet am Mittwoch, dem 21. Juni, um 19.30 Uhr im Museum Heylshof statt. Thema: Blumenmärchen.

Geschrieben in: Worms und Ortsteile