Do., 23. November 2017
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Der Fluch des Nibelungen-Öls

Sinnenfrohe Festspiel-Agentenstory um die Aktualität des Imperialismus

Hält die Männerfreundschaft? Foto: Karolina Krüger

VON REGINA URBACH Aller guten Dinge sind drei. Das gilt auch für Ostermaiers krönenden Abschluss seiner Nibelungentrilogie „GLUT“. Aus beiden Vorjahresstücken fließt das Beste zusammen und wird zu einer ehrgeizigen Polit-Parabel mit immer wieder aufblitzender Klugheit, von Regisseur Nuran David Calis sinnenfroh inszeniert. Sofort ist man wieder mittendrin im Calis-Kosmos: Eine bunte, schräge Truppe findet sich ein vor der Bagdad-Bahn. Der Rhythmus des Vorjahres ist reifer geworden, bleibt aber magisch. Die phantastisch kostümierte Truppe agiert ständig auf der Bühne, bietet dem Blick stets auch Abschweifungen. Strukturiert werden die Szenen von den oft in die Handlung hineingezogenen Musikern. Wagner auf Arabisch – das passt zumindest im Kammermusikformat, wenn Stücke der Bhatti-Brüder aus Wagnermotiven entstehen.

Alles fügt Calis an seinen Platz: Musiker, Wüste, Gastlichkeit, Klassengesellschaft, eine Zugtoilette mit Glaswand, Nebelmaschine, Handkamera, kleine und große Bildschirme, gezielt eingesetzte Videoporträts. Diese zentralen Innenvisionen, wie in Trance, lassen Raum, sich schlagfertige Dialoge oder Widersprüchliches auf der Zunge zergehen zu lassen. Ein innovationsfreudiger Weg zu einem Theater-Kino-Zwittermedium ist in vollem Gange. Es sei empfohlen, den Text vorher zu lesen. Die Nibelungenbezüge werden fast zu plakativ in Erinnerung gebracht – bis auch sie im finalen Gemetzel ihren Platz finden. Das braucht beim Publikum manchmal Zeit zum Sacken, doch es zündet danach in vielfachen Diskussionen.

Man merkt den Schauspielern an, mit wie viel Spaß sie diese Aufführung erarbeitet haben, eine Orient-Party wartet an jeder Wüstenecke. Überragend gruselig geht David Bennent als „zum Vieh gewordener“ Waffenhändler unter die Haut. Wenn Wagners „Filmmusik“ übernimmt, entführt eine wirkgewaltige Nadja Michael (Walküre) zu Vollorchesterklang (Konserve) in die Götterdämmerung. Verstärkung erhält sie vom Tenor Bassem Alkkhouri (Wotan). Beklemmend aktuell wirkt Oscar Ortega Sanchez (Enver Shahin) als verfolgungsneurotischer Despot vom Bosporus. Einen wundervollen Buffo-Gegenpart mit Anklang an Mozarts „Entführung aus dem Serail“ setzt Georgios Tsivanoglou als Bahnschaffner Mehmet. Alexandra Kamp berührt als Brünhild, und Dennenesch Zoudé gibt dem versteinerten Gesicht Kriemhilds glaubwürdige menschliche Züge. Der als persischer Traumprinz gestylte Mehmet Kurtulus (Scheich Omar/ Etzel) sublimiert zur Idealfigur des souveränen, orientalischen Herrschers – wäre da nicht sein unheilbringender Nibelungenfluch auf den westlichen Imperialismus.

Und so kommt es, wie es kommen muss. Die Deutschen werden die Geister, die sie riefen, trotz mancher Chance nicht mehr los. Die Bestie Krieg tötet zuerst die Krieg spielenden Kinder – im Westen 1914 wie überall auf der Welt 2017. Das deutsche Wesen wird ultimativ und nach allen Regeln der Kunst durchdekliniert. Was macht die Deutschen aus? Welche Rolle spielt Deutschland in der Geschichte? Mehrfach müssen die Repräsentanten der Nationen im Zug für die Stereotypen ihrer Länder herhalten. Heio von Stetten gestaltet seinen Hauptmann Klein als nüchternen „Hagen der Ordnung“, Till Wonka den jüdischen Adjutanten Stern als überdreht deutschtümelnden Siegfried. Als Furie, Schicksalsgöttin und Kassandra spielt Valerie Koch alle dämonischen Facetten der Agentin Lady Adler-von Stahl aus. Wer denkt da nicht an Leni Riefenstahl? Zufällig besteht die UFA dieses Jahr seit 100 Jahren.

Frisch und frech, entschlackt von Verspieltheit und Zitierwut, ist die Sprache, spannend wie ein Agentenfilm die Handlung und wird in der zweiten Hälfte noch einmal gesteigert. Nur die Hälfte der Druckfassung kam auf die Bühne; Ostermaier nahm‘s gelassen. Fragen und Diskussionen wirft diese Parabel auf. Der Terror als Nibelungenfluch macht nachdenklich. Er ist dramaturgische Zuspitzung und passt zur Mahnung des Nahostexperten Michael Lüders vor aktueller westlicher Einmischung in Syrien – die in den Medien kaum zur Sprache kommt. Doch eine Schlussfolgerung, der Dschihadaufruf der Deutschen 1915 führte zwangsläufig zum Dschihadistenterror von heute, wäre zu einfach. Was ist mit all den im Nahen Osten wie anderswo gelebten, friedlichen Antworten auf den Imperialismus – weniger spektakulär, aber quantitativ überwiegend? In der engagierten Kunst fasziniert die Zwangsläufigkeit. Für die Politik wäre es gefährlich, sich von ihr lähmen zu lassen.

Geschrieben in: Worms und Ortsteile

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