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Die Türkei hat gewählt – unterschiedliches Echo in Worms

Der Nibelungen Kurier befragte türkischstämmige Mitbürger zu dem Ergebnis des Referendums

Ahmet Cengelköy lebt seit 1981 in Worms und engagiert sich für eine erfolgreiche Integration der Zuwanderer. Foto: Gernot Kirch

Ahmet Cengelköy lebt seit 1981 in Worms und engagiert sich für eine erfolgreiche Integration der Zuwanderer. Foto: Gernot Kirch

Von Gernot Kirch Die Türkei hat am 16. April über ihr zukünftiges Regierungssystem abgestimmt. Eine knappe Mehrheit von 51,4 Prozent votierte mit „Ja“ für die neue Präsidialverfassung wie sie Präsident Recep Tayip Erdogan befürwortet. 48,6 Prozent sagten „Nein“ und lehnten eine Änderung ab. Insgesamt lag die Wahlbeteiligung bei 84 Prozent. In Deutschland waren rund 1,4 Millionen Türken stimmberechtigt. Die Wahlbeteiligung lag hier jedoch nur bei nur 46 Prozent. Das Resultat der Türken in Deutschland war allerdings eindeutig, mit 63 Prozent sagten fast zwei Drittel „Ja“ zur Verfassungsänderung. In Deutschland konnten die Wahlberechtigten in 13 Konsulaten ihre Stimme abgeben. Das von Worms aus nächstgelegene Konsulat war jenes in Mainz. Dort votierten 64,5 Prozent mit „Ja“ und nur 35,5 Prozent sagten „Nein.“

Viele Staaten haben Präsidialverfassung

Der Nibelungen Kurier sprach mit zwei türkischstämmigen Mitbürgern aus der Nibelungenstadt. Ahmet Cengelköy ist 1959 in der Türkei geboren und lebt bereits seit 1963 in Deutschland. Ahmet Cengelköy nahm an der Abstimmung teil. Auf die Frage nach der relativ geringen Wahlbeteiligung in Deutschland sagte er, dass es etwa für Wahlberechtigte aus Worms ziemlich kompliziert gewesen sei, so hätten sie nach Mainz oder Karlsruhe fahren müssen. Einen Riss in der türkischen Gemeinschaft in Worms sieht er nicht. Die Menschen hätten heftig über das Referendum diskutiert, aber wirkliche Feindschaften seien nicht entstanden. Auch in seiner Familie gebe es „Ja-Sager“ und „Nein-Sager“, ohne dass die Familie darüber zerbrochen sei. Für ihn war die Abstimmung ein Sieg der Demokratie in der Türkei. Die Gefahr einer Diktatur sieht er nicht. Auch Länder wie Frankreich oder die USA hätten Präsidialverfassungen. Und bei den nächsten Wahlen könnten die Menschen Erdogan jederzeit abwählen. Die Menschen in der Türkei würden am 2. November 2019 über den Präsidenten abstimmen, bis dahin würde es weitestgehend so bleiben wie jetzt. Das Positive an dem neuen System seien die kürzeren Entscheidungswege. So könne die Infrastruktur weiter vorangebracht werden. Zum Verhältnis der Türkei zu Deutschland und der EU sagte Cengelköy, dass viele Türken verärgert seien, da sie 54 Jahre lang von der EU mehr oder weniger belogen worden seien, was die Mitgliedschaft in der Europäischen Union angehe. Durch die Auftrittsbeschränkungen für türkische Politiker etwa in Holland oder Deutschland hätten sich zudem viele Türken in der Ehre und ihrem Stolz verletzt gefühlt. Was ihn aber mehr beschäftige als das Referendum, sei die Frage nach einer besseren Integration der türkischstämmigen Mitbürger in Worms. So wäre das kommunale Wahlrecht für alle Migranten ein positives Zeichen, dazu zu gehören. Dies wäre eine echte Teilhabe, anders als der Migrationsbeirat, der nur eine Alibifunktion habe.

In großen Städten „Nein“

Ali Yilmaz ist 37 Jahre alt und in Worms geboren. Er besitzt nur einen deutschen Pass, durfte also beim Referendum nicht mitstimmen, nahm aber regen Anteil an den Diskussionen. Für ihn ist der Ausgang der Wahl zugunsten Erdogans manipuliert worden. Es sei auffällig, dass es in allen großen türkischen Städten eine Mehrheit für „Nein“ gegeben habe, in den ländlichen Gebieten aber ein „Ja“. Dies weise dort auf Manipulationen hin. Interessant ist für ihn auch, dass die türkischstämmigen Menschen in der gesamten EU fast zu zwei Drittel für „Ja“ votierten, währen sie in den USA, Kanada oder Australien zu fast Dreivierteln mit „Nein“ stimmten. In der Auseinandersetzung zum Referendum ging es seiner Auffassung nach für viele Menschen auch weniger um das Präsidialsystem als vielmehr um „Für“ oder „Gegen“ Erdogan. In Deutschland hätten viele Moscheevereine den türkische Präsidenten Erdogan unterstützt. Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei könnten in den kommenden Jahren eher schwieriger werden. Wobei er in Deutschland eine Diskussionen um demokratische Werte vermisse, in die auch Länder wie Polen und Ungarn einbezogen werden sollten, da auch dort negative Tendenzen zu beobachten seien. In Bezug auf die Integration in Worms sagte Ali Yilmaz, dies sei eine „Zweibahnstraße“. Und auf beiden Seiten müsse etwas passieren. Sowohl der Wille der türkischstämmigen Mitbürger, sich einbringen zu wollen, könnte größer sein, wie auch die Bereitschaft der deutschen Mehrheitsgesellschaft, Zuwanderern eine Chance zu geben.

Geschrieben in: Worms und Ortsteile