Sa., 18. November 2017
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Eine große Herausforderung für Emmanuel Macron

Vier französische Ansichten zum Wahlausgang / Verbleib in der EU als wichtigster Entscheidungsgrund

Sébastien Aubouet fuhr sowohl zur Vorrunde als auch zur Stichwahl nach Paris.

Sébastien Aubouet fuhr sowohl zur Vorrunde als auch zur Stichwahl nach Paris.

Von Vera Beiersdörfer | Frankreich hat am Wochenende gewählt. Der 39-jährige Emmanuel Macron konnte die Stichwahl am 7. Mai für sich entscheiden und wird somit der bisher jüngste französische Präsident. Er gewann das Endduell laut Hochrechnungen mit fast 66 Prozent der gültigen Stimmen klar gegen seine Kontrahentin Marine Le Pen, die auf fast 34 Prozent kam. Der NK wollte von Franzosen, die hier in der Region leben, wissen, wie zufrieden sie mit dem Wahlausgang sind.

Ludmilla Rauh ist französische Staatsbürgerin, die seit 1998 in Worms beheimatet ist. Da sie während der Wahl nicht selbst vor Ort sein konnte, hatte sie ihrem Vater Prokura erteilt, um stellvertretend für sie in ihrer Kommune in der Normandie mitzustimmen. Sie ist sehr erleichtert, dass Macron der neue Präsident ihrer Heimat ist. Mit Marine Le Pen und Emmanuel Macron hatten sich schließlich zwei Präsidentschaftskandidaten gegenüber gestanden, die sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft Frankreichs in der EU wie auch von der Entwicklung der Wirtschaft im Land haben. „Le Pen kam für mich gar nicht in Frage“, erläutert Ludmilla. „Aufgrund ihrer Grundwerte und ihres rechtsextremen Gedankengutes konnte ich mich in keiner Weise mit dieser Politikerin identifizieren“, betont die Angestellte eines Wormser Unternehmens.

Für ihre Entscheidung pro Macron sei ebenfalls ausschlaggebend gewesen, dass Frankreich ein Teil der EU bleibt. Sie weiß, dass der neue Präsident nun eine große Aufgabe bewältigen muss. Innenpolitisch hofft sie, wie so viele andere auch, dass er mehr bewegen wird, denn die letzten fünf Jahre hätten die Franzosen sehr enttäuscht. Als größte Herausforderungen sieht sie neben den Themen Sicherheit und Bildung vor allem den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit.

Mouna Montag lebt in Bensheim und war in Frankfurt im französischen Gymnasium wählen. Die alleinerziehende Mutter zweier Kindern unterrichtet Deutsch an einer gymnasialen Oberstufe in Mannheim. Sie selbst bezeichnet sich als französische Patriotin und überzeugte Europäerin. Von daher sei es keine Frage gewesen, beide Male Macron zu wählen. Sie selbst stammt aus der Wählerschaft der Sozialisten, ist aber bereits der neuen Bewegung Macrons beigetreten.

In Bensheim ist sie in der Städtepartnerschaftsinitiative mit Beaune aktiv engagiert und ist froh, dass sie auch hier einen Beitrag zu Europa leisten kann. Während ihres Studiums war einer ihrer Dozenten der in der Vorwahl unterlegenen François Fillon.

Christian Bongibault, 73 Jahre, ist seit 1973 deutscher Staatsbürger und hat den Wahlkampf in seinem Geburtsland von Anfang an mit großem Interesse verfolgt. Für ihn war der anfängliche Zuspruch für Marine Le Pen nicht verwunderlich, da vor allem unter Jugendlichen große Unzufriedenheit, begründet in der hohen Arbeitslosigkeit, herrsche. Die Franzosen litten derzeit unter einem Identitätsproblem, da die beiden vorangegangenen Regierungen unter François Hollande und Nicolas Sarkozy seiner Meinung nach nicht viel erreicht hätten. „Unzufriedenheit ist der Nährboden für extreme Ansichten. Der Unmut über die momentane innenpolitische Lage wurde eben in dem Zuspruch für Marine Le Pen zum Ausdruck gebracht“, erklärt der Wahl-Pfeddersheimer.

Gewundert habe er sich jedoch darüber, dass die Kandidatin vom rechtsextremen Front National so gut im Elsass und Lothringen abgeschnitten hat. „Dort leben viele Franzosen, die in Deutschland arbeiten, gerade ihnen sollte die europäische Idee am Herzen liegen“. Das Verbleiben in der EU war für Christian Bongibault auch der ausschlaggebende Punkt, auf einen Wahlsieg von Emmanuel Macron zu hoffen.

„Die Wahl ist für mich richtig entschieden. Macron ist ein Befürworter Europas, zudem kommt er aus der Wirtschaft  und ich hoffe, dass er – natürlich gemeinsam mit den anderen europäischen Staaten – für einen wirtschaftlichen Aufschwung in Frankreich sorgt“.

Sébastien Aubouet ist französischer Staatsbürger und lebt in Hamm. Um für den seiner Ansicht nach richtigen Präsidenten sein Kreuzchen zu setzen, fuhr der 33-jährige Ingenieur sowohl zur Vorrunde als auch zur Stichwahl nach Paris. Mit Freunden und Familie in Frankreich hatte er sich stets über die Präsidentschaftskandidaten ausgetauscht, dabei seien sie nicht immer einer Meinung gewesen. Während sein ehemaliger Studienkollege direkt für Macron votiert hatte, habe Sébastien zunächst zu François Fillon tendiert. „Ich fand Fillons Programm wesentlich besser ausgearbeitet. Was Macron eigentlich will, hat sich für mich erst in den vergangenen Wochen herauskristallisiert. Es war und ist wie eine kleine Überraschungstüte“.  Bei der Stichwahl habe er dann für Macron gestimmt, was nicht nur eine Entscheidung gegen Marine Le Pen gewesen sei, sondern vielmehr eine Entscheidung für Europa. „Der Verbleib in der EU ist enorm wichtig. Ohne Frankreich gibt es kein Europa mehr“. Zudem hätte er seine Stimme niemals einer rassistischen Partei gegeben.

Für den Franzosen sei klar, dass Marine Le Pens Versuch dem Font National einen anderen Anstrich zu verpassen nur ein Übertünchen der ursprünglichen Absichten ihres Vaters Jean-Marie Le Pen, der von 1972 bis 2011 Vorsitzender der Partei war, gewesen sei. Sébastien erhofft sich von Emmanuel Macron eine Reformation des französischen Arbeitsrechts. Steuererleichterungen für französische Firmen sowie eine signifikante Reduzierung der Bürokratie sieht er als wichtigste Schritte, um die französische Wirtschaft wieder anzukurbeln.

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