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„Frisch operiert und Flaschen sammeln”

Soroptimist International Club engagiert sich für Gesundheitsladen im Wormser Nordend / Spende aus Bücherflohmarkt-Erlös / Armut und Not der Menschen wird immer größer

Die Dauerspender vom Soroptimist International Club Worms, hier vertreten durch (von links) Brigitte Oßwald, Anne Dörrhöfer, Sabine Holz, Stefanie Trapp und Iris Muth, unterstützen weiterhin das Projekt Gesundheitsladen. Ganz zur Freude von Angelika Ernst-Auer, Ursula Bayer und Dr. Hans Jürgen Schalk. Foto: Steffen Heumann

VON STEFFEN HEUMANN | Der Gesundheitsladen im Nordend gewährleistet die ärztliche Versorgung für Menschen in prekären Lebenslagen ohne Versicherungsschutz. Seit 10 Jahren existiert das Projekt des Caritasverbandes. Einen Grund zum Feiern gibt es allerdings nicht. Die Notwendigkeit, auf die Bedürfnisse Benachteiligter einzugehen und damit die bekannten Wirkungszusammenhänge von Gesundheit und Armut zu durchbrechen, macht betroffen.

Dauerspender seit 2013

Umso erfreulicher, dass sich Projektleiterin Angelika Ernst-Auer bei der Sicherstellung einer medizinischen Basisversorgung neben einem Team von Ehrenamtlichen auch auf Dauerspender wie den Soroptimist Club Worms verlassen kann. Seit 2013 unterstützt der Serviceclub das Projekt. Bereits zum 5. Mal stammt der Erlös aus Spenden vom Bücherflohmarkt auf dem Obermarkt. Stolze 1.500 Euro helfen, Menschen, die keinen Zugang zu ärztlicher Versorgung haben, kostenlos und auf Wunsch auch anonym zu behandeln. Altersarmut, Schwangere oder EU-Zuwanderer, die in ihrer Heimat über keinen Versicherungsschutz verfügen, zählen zu den Patienten. Darunter zuletzt auch ein Neugeborenes, wie Angelika Ernst-Auer berichtet. „Die Armut und Not der Menschen wird größer”, so die Projektleiterin. Dieser Eindruck werde auch in der Stadt sichtbar, wie Ernst-Auer ergänzt.

„Alkohol, Trennung, es gibt viele Gründe für die Entgleisung der Menschen”, erläutert Dr. Hans Jürgen Schalk vom betreuenden Ärztestab. In Frankfurt sei bereits der Teufel los, prognostizieren die Fachleute eine düstere Zukunft. Die Verhältnisse aus den Großstädten schwappen zeitverzögert auch auf Worms über. Dies seien Erkenntnisse aus dem Austausch mit den Kollegen in vergleichbaren Einrichtungen aus dem Rhein-Main-Raum.

Wiedereingliederung und Gespräch

Positiv zu bewerten sei die Wiedereingliederung von drei Personen ins Krankenkassensystem. Bei der erwarteten Entwicklung werde der Gesundheitsladen sicher nicht überflüssig. 7 Ärzte, davon 6 im Ruhestand, sowie 4 Pflegefachkräfte und eine Arzthelferin tragen dafür Sorge, dass auch weiterhin Hilfe geleistet werden kann. Jeden 1. Freitag im Monat wird zudem in der Nichtsesshaftenherberge eine Visite abgehalten. Für manche Patienten sei auch schon ein Gespräch hilfreich, erklärt Ursula Bayer. Die umfassende Dokumentation sämtlicher Fälle gehöre ebenfalls zum Alltag im Gesundheitsladen.

Große Sorge Altersarmut

Die Folgen der Altersarmut bereitet auch dem Soroptimist International Club viel Kopfzerbrechen. Daher rücke besonders die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beim Serviceclub in den Fokus der Aktivitäten, wie Präsidentin Brigitte Oßwald betont. Frauen stünden am Ende ihres Erwerbslebens häufig mit Renten da, die kaum das Überleben sichern, ist der Runde zu entnehmen. Generationen von Frauen haben sich auf die Versorgerehe verlassen. Mit einem geplanten Ratgeber soll daher den Betroffenen Hilfe aufgezeigt werden.

Wohnungsnot – Caritas-Thema 2018

Worms wachse, die Chancen für Menschen auf bezahlbaren Wohnraum sinke immer weiter, konstatiert Immobilienfachfrau Stefanie Trapp aus den Reihen der Soroptimisten. Immer mehr Singles, immer mehr ältere Menschen in allen Bereichen. Sozialschwache aus dem Ballungsraum Mannheim-Ludwigshafen würden mittlerweile auch in der Nibelungenstadt Ausschau nach Wohnungen halten, fügt Trapp an. Die Caritas beschäftige sich 2018 intensiv mit dieser Problematik, informiert Angelika Ernst-Auer. Der Wohnungsnot als sozialer Wirklichkeit stellt sich auch der Wohlfahrtsverband. Nicht zuletzt, weil das Thema gesellschaftspolitisches Konfliktpotenzial birgt. Neben den Verbänden ist auch die Politik gefordert. „Frisch operiert und Flaschen sammeln, auch das gibt‘s in Worms”, deshalb wünschen sich die Helfer vom Gesundheitsladen, dass die Augen vor der Realität nicht verschlossen bleiben.

„Nebenjob” als pure Notwendigkeit – Flaschen sammeln hat auch in Worms Konjunktur. Foto: @arborpulchra_Fotolia

Geschrieben in Worms und Ortsteile am 10. Februar 2018