So., 19. November 2017
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„Kompromissloses Pflichtgefühl“

Bewegende 10. Heylshof-Matinee zu Herta Mansbacher

VON REGINA URBACH Seit 2013 sind die Heylshofmatineen und –soireen Bestandteil der Wormser Erinnerungskultur. Sie inszenieren Zeiträume der jüngeren Wormser Geschichte theatral und musikalisch anspruchsvoll. Die zehnte zum Thema der jüdischen Lehrerin und Schulleiterin Herta Mansbacher unter dem Titel „Edel sei der Mensch“ mit zwei Aufführungen am Sonntag würdigte der Wormser Oberbürgermeister Michael Kissel auch hinsichtlich ihrer Bedeutsamkeit für den laufenden SchUM-Städte-Antrag. Mit aktuellem Bezug mahnte er: „Minderheiten, die heute unter uns leben, sollen nicht wieder Hetze ausgesetzt werden. Das führt in den Untergang.“

Dr. Jörg Koch vermied bewusst eine übertriebene Glorifizierung der mutigen Lehrerin, nach der seit 1988 die bekannte Anlage in der Nähe der Stadtmauer benannt ist. Die in jungen Jahren strenge, nicht immer humorvolle, aber gerechte Volksschullehrerin blieb, wie damals für ihren Berufsstand üblich, ledig.

Nach dem Berufsverbot an der Westendschule unterrichtete sie jüdische Kinder. Beeindruckend war ihre frühe Einsicht in die Notwendigkeit, jüdische Schüler zur Auswanderung zu ermutigen und ihnen dies schmackhaft zu machen als ein „jüdisches Abenteuer“, einen Neuanfang. Koch lenkte den Blick auch auf Mansbachers fast fröhlichen Ausstrahlung, wie sie das Titelbild zur Veranstaltung zeigt. Es stammt von 1939.

Ihr „kompromissloses Pflichtgefühl“ erlegte ihr zugleich auf, nicht einmal an die eigene Auswanderung zu denken. In der Pogromnacht 1938 war Herta Mansbacher an der Rettung von Kultobjekten aus der brennenden Synagoge beteiligt. Mit einer Schubkarre wurde sie auf den Straßen gesehen – und im Gegensatz zu anderen Helfern nicht verhaftet.

Im KZ ermordet!
Im März 1943 wurde Herta Mansbacher 57-jährig gemeinsam mit acht ehemaligen Schülern nach Mainz und mit 1.000 anderen Juden „fahrplanmäßig“ im Güterwaggon „Richtung Osten“ deportiert und im Vernichtungslager Belzec oder im KZ Majdanek ermordet.

Unschätzbar für die Aufarbeitung der Biographien Wormser Juden, die das Ehepaar Schlösser später vollbrachte, ist Mansbachers chronologische Liste der ausgewanderten Juden mit über 600 Einträgen und genauen Angaben, die wie durch ein Wunder erhalten blieb und sich heute im Yad Vashem befindet.

Als „Chronistin des Exodus“ schrieb sie auch das Gedicht „Unaufhaltsam fließt der Strom“, das Karl-Heinz Deichelmann – neben Werken von Heine, Ringelnatz, Mascha Kaléko, Theodor Kramer und anderen- vortrug. In den Texten war die Rede von dankbaren oder gemischtgefühligen Rückblicken auf Lehrer und Schulzeit, von Exil, Heimweh, Angst und Terror. Paul Streich und der inzwischen erwachsene Kai Gabel ergänzten den musikalischen Part mit bewegenden Werken von Liszt, Massenet, Max Bruch, Manfred Heyl oder auch mit dem Hauptthema aus Schindlers Liste (John Williams).

Diese Veranstaltung war die erste ohne den in diesem Jahr verstorbenen Walter Passian. Karl-Heinz Deichelmann und Paul Streich am Klavier würdigten ihren Weggefährten mit dem auswendig vorgetragenen „Leon Wolke“ von André Heller. Für 2018 sind weitere Veranstaltungen (Matinee und Soiree) zu den Themen „1918“ und „Währungsreform 1948“ geplant. Allen Geschichstinteressierten seien sie jetzt schon ans Herz gelegt.

Foto: Ein erwachsen gewordener Kai Gabel sorgte neben Paul Streich für die musikalische Einstimmung der zehnten Heyshofmatinee zu Herta Mansbacher. Foto: Regina Urbach

Foto: Ein erwachsen gewordener Kai Gabel sorgte neben Paul Streich für die musikalische Einstimmung der zehnten Heyshofmatinee zu Herta Mansbacher. Foto: Regina Urbach

 

Geschrieben in: Worms und Ortsteile