Mo., 21. August 2017
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Von: 16. April 2017 weiterlesen →

Über Glaube, Gott und das Haus am Dom

Dompropst Tobias Schäfer stand dem Nibelungen Kurier für ein Interview zu aktuellen 
Fragen zur Verfügung / Heute lesen Sie Teil II des Gesprächs

Dompropst Tobias Schäfer vor dem Modell des Wormser Doms. Foto: Gernot Kirch

Dompropst Tobias Schäfer vor dem Modell des Wormser Doms. Foto: Gernot Kirch

Von Gernot Kirch Tobias Schäfer ist seit rund zweieinhalb Jahren Dompropst in Worms und stand dem NK für ein längeres Interview zur Verfügung. Der erste Teil des Gespräches war am vergangenen Mittwoch im Nibelungen Kurier zu lesen. Im Schwerpunkt ging es um den Werdegang von Dompropst Schäfer, den Beruf des Priesters und das Haus am Dom. Heute erscheint der zweite Teil, in dem es um Kirchenaustritte, das Zölibat, den Glauben an Gott sowie die Frage nach dem Sinn des Lebens geht.

NK: Wie viele Kirchenaustritte gab es in Worms aufgrund des Hauses am Dom?

Schäfer: Insgesamt haben die beiden Gemeinden St. Martin und St. Peter rund 5.370 Mitglieder. Im Jahr 2014 sind 63 Menschen aus diesen beiden Gemeinden und damit der katholischen Kirche ausgetreten. Das war, wenn Sie so wollen, ein negativer „Rekord“. Aber statistisch lagen wir damit genau im Bundesschnitt. Warum die 63 Bürger austraten, weiß ich nicht bei jedem. Einige gaben aber als Grund das Haus am Dom an.

NK: Unabhängig vom Haus am Dom kehren immer mehr Menschen den christlichen Kirchen den Rücken, nur mehr 29 Prozent der Deutschen sind katholisch, 27 Prozent evangelisch, 6 Prozent islamisch und bereits 35 Prozent gehören gar keiner Kirche mehr an. Christen werden bald nicht einmal mehr die Hälfte der Bevölkerung stellen, was bedeutet dies für unsere Gesellschaft.

Schäfer: Dies macht mir deutlich Sorgen, auch weil gleichzeitig die Zahl der Eltern zurückgeht, die ihre Kinder taufen lassen. Die Menschen verlieren dadurch die Bindung zur Kirche. Unsere Gesellschaft wird sich verändern. Die Religion ist jetzt schon im Empfinden vieler reine Privatsache.

NK: Warum kehren so viele Menschen den Kirchen den Rücken? Bietet der Glaube keine Antworten mehr auf die Sinnfragen?

Schäfer: Ich glaube eher, dass die Frage nach dem Sinn von vielen heute nicht mehr gestellt wird – oder erst, wenn man mit einer existentiellen Krise, einer Krankheit oder dem Tod eines nahen Menschen konfrontiert ist. Die Auseinandersetzung mit der Sinnfrage fordert ja auch einiges. In unserer Spaßgesellschaft möchte sich nicht jeder damit auseinandersetzen.
Wenn jemand aus der Kirche austritt, kommt das ja auch in der Regel nicht von jetzt auf gleich. Das ist ein schleichender Prozess, meistens hat man schon für lange Zeit keinen Kontakt mehr zur Kirche gehabt. Wir dürfen jetzt als Kirche da auch nicht in Mutlosigkeit verfallen, sondern müssen versuchen, die Gottesdienste und Predigten attraktiver zu machen und so zu gestalten, dass sie einen direkten Bezug zum heutigen Leben haben. Vor allem aber müssen wir immer wieder den Kontakt zu den Menschen suchen. Das ist ja auch die Idee mit dem Haus am Dom: Ein Kontaktforum mit den Menschen soll es werden.

NK: Viele Menschen bezweifeln, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Wie überzeugen Sie diese Menschen bzw. gewinnen sie für die Kirche?

Schäfer: Das ist eine sehr schwierige Frage. Den wenigsten Menschen wird ein Schlüsselerlebnis, eine Offenbarung zuteil. Das ist eher die Ausnahme. Vielmehr ist es so, dass man in den Glauben hineinwachsen und ihn erlernen muss. Glaube hat viel mit Beziehung zu Gott zu tun: Gott will mit jedem Menschen eine Beziehung. Das Gebet und die Zwiesprache mit Gott ist wichtig. In diesen sehr persönlichen Gebeten kann jeder Gott mit Du ansprechen wie einen guten Vertrauten oder Freund. Und Freundschaft muss ich pflegen.
Es ist für mich auch kein Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und Glaube. Gott ist größer als das Universum. Die Entstehung des Universums ist kein Zufallsprodukt, sondern hinter allem, was geworden ist, steht Gottes Wille. Gott will, dass unser Leben gelingt; der Glaube an ihn ist der Weg zu einem erfüllten, gelingenden Leben. Wer nur fragt: Was bringt mir der Glaube materiell?, der wird keinen Zugang dazu finden.

NK: Warum lässt Gott Unglücke zu?

Schäfer: Auf diese Frage habe ich selbst keine konkrete Antwort. Das werde ich ihn vielleicht, wenn ich einmal vor meinem Schöpfer stehe, als erstes fragen. Auch mir fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden, wenn etwa ein einjähriges Kind stirbt und ich frage mich, wo war da der Sinn?
Vielleicht muss man die Frage auch anders stellen: Wie könnte man die Welt ertragen, wenn es keinen Gott und Glauben gibt? Und nicht diesen Gott, der ja selbst Leid und Kreuz und Tod erlebt hat. Der christliche Gott thront ja nicht unberührt über allem, sondern er steht uns in den schwierigen Situationen an der Seite.

NK: Was ist der Sinn des Lebens?

Schäfer: Das Ziel ist ein erfülltes, glückliches Leben zu führen und eine Beziehung zu Gott aufzubauen. „Ich will, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“, sagt Jesus. Wie dies aussieht, muss jeder für sich selbst beantworten. Den Weg gibt dabei das Evangelium vor: Liebe Gott mit ganzem Herzen und Deinen Nächsten wie Dich selbst.

NK: Katholische Priester leben im Zölibat. Für viele Bürger ist diese Form der Enthaltsamkeit nicht vorstellbar, wie gehen Sie damit um? Ist das Zölibat noch zeitgemäß?

Schäfer: Der Zölibat will gar nicht „zeitgemäß“ sein, er soll ein Zeichen sein, bewusst auf etwas Kostbares zu verzichten, nämlich auf Familie und eine Ehefrau, um zu zeigen, dass es für mich sogar noch Wichtigeres und Kostbareres gibt, nämlich ein Leben ganz für und mit Gott. Ich halte den Zölibat für etwas Kluges und Wertvolles.
Natürlich gab es auch für mich persönlich Zeiten, da ist mir dies schwergefallen, da habe ich schon mit mir gerungen und mich gefragt: „Ist es dieser Weg, den Gott für dich vorgesehen hat?“ Aber ich bin sicher: Solche Zeiten gibt es auch in der Ehe. Letztlich entschied ich mich bewusst für die Ehelosigkeit und bin froh, diesen Weg gewählt zu haben.
Es steckt auch noch ein anderer Sachverhalt hinter dem Zölibat. Er ist ja nicht einfach nur ein Opfer, sondern schenkt auch Freiheit. Eine Familie fordert viel Zeit und Liebe, diese Zeit und Energie kann ich ganz in die kirchliche Arbeit und Gemeinde einbringen.

Das Haus am Dom bleibt ein umstrittenes Vorhaben. Dompropst Tobias Schäfer befürwortet das Projekt. Foto: Gernot Kirch

Das Haus am Dom bleibt ein umstrittenes Vorhaben. Dompropst Tobias Schäfer befürwortet das Projekt. Foto: Gernot Kirch

NK: Wie lange werden Sie in Worms bleiben und welche Ziele haben Sie noch?

Schäfer: Jetzt müssen die Wormser tapfer sein: Wenn es nach mir geht, bleib ich für immer. Ich fühle mich hier am richtigen Platz und möchte gerne in der Nibelungenstadt bleiben. Zudem ist Pfarrer oder Dompropst kein Karriereberuf, bei dem man stets auf die nächste Stelle schielt.

NK: Welchen Teil Ihrer Arbeit machen sie besonders gerne?

Schäfer: Ich schätze die Vielfältigkeit, aber besonders viel Spaß machen mir die Predigten, während mir die Verwaltungsarbeit, die natürlich auch dazu gehört, weniger Freude bereitet.

NK: Macht ein Dompropst eigentlich auch Urlaub und wenn ja, wohin?

Schäfer: Ich habe eine Sieben-Tage-Woche und die tägliche Arbeit erfüllt mich und macht mir viel Freude. Dafür gönne ich mir zweimal im Jahr konsequent Urlaub. Im Frühjahr fahre ich meist eine Woche weg und im Sommer drei Wochen am Stück. Gern verbringe ich die Zeit in den Alpen zum Wandern und Entspannen.

Geschrieben in: Worms und Ortsteile