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American Football war auch in Worms zu Hause

Die „Dragons“ kämpften in den 1990er Jahren im Wormatia-Stadion um das Leder-Ei / Zwei Cracks erinnern sich / Boomende Sportart wartet auf Neugründung

Mit Jochen Schilling (links) und Oliver Schembs (rechts) erinnerten sich zwei Spieler an die Zeit der Dragons. In der Bildmitte Ulrike Knies, deren verstorbener Bruder Joe einer der Motoren des Wormser Footballs war.

Mit Jochen Schilling (links) und Oliver Schembs (rechts) erinnerten sich zwei Spieler an die Zeit der Dragons. In der Bildmitte Ulrike Knies, deren verstorbener Bruder Joe einer der Motoren des Wormser Footballs war.

Von Gernot Kirch Wir treffen uns in einem Bistro, um über die gute, alte Zeit mit dem Leder-Ei zu sprechen. Die Rede ist von den „Worms Dragons“, einem American Football Club, der in der Nibelungenstadt zwischen 1992 und 2000 beheimatet war. Mir gegenüber sitzen Oliver Schembs und Jochen Schilling, zwei alte Haudegen, die in der Anfangszeit der Dragons dabei waren. Es ist eine kleine Zeitreise zurück in die 1990er Jahre, damals sprang der Funke der Begeisterung vom Profiteam der Frankfurt Galaxy nach Worms über und einige Enthusiasten wollten den Sport mit dem Leder-Ei selbst einmal versuchen. Unter ihnen waren Oliver Schembs und Jochen Schilling. Jochen Schilling nahm später die Postion des Cornerbacks ein, also ein Art Abwehrspieler im Rückraum. Oliver Schembs agierte als Wide Receiver oder auf deutsch, als Passempfänger. Auf die Frage wie und warum sie zum American Football kamen, erzählt Jochen Schilling, dass damals auf Flyern für das Team geworben wurde. Ihn selbst habe ein Freund mit zum Training genommen, das zunächst auf der Bürgerweide stattfand. Später habe das Team auf dem US-Sportplatz an der Mainzer Straße gegenüber des Schnellrestaurants McDonald trainiert. Die Matches hätten im Wormatia Stadion und dann auf dem BIZ-Sportplatz stattgefunden. Zu den Partien seien bis zu 1.000 Zuschauer gekommen.

Viele Aufs und Abs

In Deutschland wurde 1977 der erste American Football Verein gegründet, dies waren die Frankfurt Löwen. Damit war die Welle der Vereinsgründungen in Deutschland angestoßen. Wie so viele Sportarten erlebt auch American Football in Deutschland seine Aufs und Abs. Einen wahren Football-Boom, in dem auch die Gründung der Worms Dragons fiel, erlebte Deutschland ab dem Jahr 1991, als die World League of American Football (WLAF) als professioneller Ableger der amerikanischen National Football League (NFL) etabliert wurde. In der WLAF stammten die meisten Teams aus Nordamerika als deutscher Vertreter war die Frankfurt Galaxy dabei. Später wurde die WLAF in NFL Europe umgetauft und fokussierte sich ganz auf den alten Kontinent. Nun überwogen deutsche Teams wie Düsseldorf Rhein Fire, Berlin Thunder, Cologne Centurions, Hamburg Sea Devils und eben die Frankfurt Galaxy. American Football war zu dieser Zeit in aller Munde und auf vielen Fernsehsendern präsent. Die Frankfurt Galaxy, die in der Commerzbank Arena spielte, lockte pro Partie zwischen 30.000 und 40.000 Zuschauer an. Von diesem Hype profitierten auch die Worms Dragons.

Jochen Schilling zu Beginn der 1990er Jahre in kompletter Football-Montur bei einem Heimspiel.

Jochen Schilling zu Beginn der 1990er Jahre in kompletter Football-Montur bei einem Heimspiel.

Startschuss im Jahr 1992

Die Entwicklung der Worms Dragons war rasant. Im November 1992 gründete sich der Verein. Initiatoren waren unter anderem Jakob Ross und Stephan Eickert, rasch kamen 30 Spieler zusammen, die samstags und sonntags auf der Bürgerweide trainierten. Einer der großen Motoren des American Football in Worms war Joe Knies, der als Spieler und später auch als Trainer aktiv war. Joe Knies verstarb im Jahr 2001 überraschend im Alter von 29 Jahren an allgemeinem Organversagen. Seine Schwester Ulrike unterstützte die Recherche zu diesem Artikel aber mit vielen wichtigen Informationen und Dokumenten, die sie als Erinnerungsstücke von ihrem Bruder noch besaß.

Cheerleader und „Harte Hunde“

Von Anfang an gehörte zu den Dragons auch eine Cheerleader-Gruppe, die sich „Dragon Fire“ nannte und die Cracks bei jedem Match lautstark unterstützten. Die gesamte Sportart schwebte, auch in Worms, in den 1990er Jahren auf einer riesigen Sympathiewelle. Im Laufe der Zeit etablierte sich in der Nibelungenstadt sogar eine Jugendmannschaft.

Jochen Schilling erinnert sich noch gut an die Zeit. Es habe unheimlichen Spaß gemacht, sie alle waren heiß auf Football und die Matches. Die Ausrüstung mit Helm und Schulterpolster habe er damals in Darmstadt gekauft. Immerhin kostete die komplette Ausstattung rund 500 D-Mark. Bei den Heimspielen sei im Wormatia Stadion richtig was los gewesen. Oliver Schembs lässt die damalige Zeit Revue passieren, insgesamt habe er drei, vier Jahre Football gespielt. Auf die Frage, was ihn an Football faszinierte, antwortete Oliver Schembs, dass ihn schon immer körperbetonte Sportarten reizten, so habe er geboxt, Handball und Eishockey gespielt. Zudem war Football exotisch und einfach mal was anders. Mit einem Lächeln ergänzt er, nur die Regeln waren sehr kompliziert. Zudem musste man alle Spielzüge auswendig lernen, damit jeder Crack sofort wusste, wen man blocken und wohin mal laufen müsse, wenn der Quarterback den entsprechenden Spielzug ansagte. Schelmisch ergänzte er, dass er dies mit den „Spielzügen lernen“, nicht immer so gewissenhaft tat. Jochen Schilling berichtet von der gesunden Härte im Spiel. An den Helmen habe es nach einem Tackle schon so manche Schramme gegeben, auf die man stolz war. In der Footballzeit habe er einige Verletzungen gehabt, etwa an den Finger, die gestaucht waren. Oliver Schembs stimmt ihm hier zu, ihn habe es am Rücken erwischt.

Beide hörten 1996 oder 1997 allerdings mit dem Football spielen auf. Jochen Schilling erzählte, dass er noch ein paar Mal als Zuschauer in Worms im Stadion war, wenn die Dragons spielten. Auch schaue er heute noch im Fernseher die eine oder andere Partie, aber so ein ganz eingefleischter Football-Fan sei er nicht. Auch Oliver Schembs verfolgt American Football nur mehr aus der Distanz, wenn er zufällig im TV auf ein Match stößt. 

Ein alter Zeitungsbericht des Nibelungen Kuriers aus dem Jahr 1993 über das erste Match der Dragons.

Ein alter Zeitungsbericht des Nibelungen Kuriers aus dem Jahr 1993 über das erste Match der Dragons.

Der Kader formierte sich 

Auf den Sportseiten des Nibelungen Kuriers aus der damaligen Zeit lässt sich nachlesen, welche Begeisterung losgetreten war und welches Potential in den Dragons steckte. Rasch war der Kader zusammen, obwohl dies im Football nicht so einfach ist. Immerhin besteht ein Footballteam aus rund 30 bis 40 Spielern. Auf dem Feld steht immer eine komplette Angriffsformation aus elf Cracks, dazu kommt eine komplett andere Verteidigungsformation aus ebenfalls elf Spielern, die immer dann auf den Platz aufläuft, wenn der Ball und damit das Angriffsrecht wechselt. Rechnet man die Auswechselspieler und Spezialsten, wie etwa den Kicker, dazu, kommt man rasch auf jene 40 Athleten, die damals in Worms zu den Dragons stießen.

Cornerback Jochen Schilling (links) und Wide Receiver Oliver Schembs (rechts) im Trikot der Dragons zu Beginn der 1990er Jahre.

Cornerback Jochen Schilling (links) und Wide Receiver Oliver Schembs (rechts) im Trikot der Dragons zu Beginn der 1990er Jahre.

Erstes Match 1993

Nach der Gründung der Dragons im Jahr 1992 fanden im Jahr 1993 die ersten Matches der Dragons im Rahmen des Rheinland-Pfalz-Bowls statt. Das Heimdebüt war ein Match gegen die Montabaur Fighting Farmers. Zu dieser Partie erschienen 1.200 Zuschauer.

Die erste reguläre Saison absolvierten die Dragons in der Spielzeit 1994 in der Verbandsliga Rheinland-Pfalz/Saar. Die Matches wurden im Wormatia Stadion ausgetragen. Gegner waren Teams wie die Landau Tigers oder Fischbach Fire. Im Jahr 1994 wurde Worms in der Verbandsliga Meister. Im kommenden Jahr traten die Dragons in der Regionalliga Rheinland-Pfalz/Saar an und agierten auch dort sehr erfolgreich. Aufgrund der damals noch teilweisen Umstrukturierung der Ligen, wie sie in einer jungen Sportart üblich sind, lässt sich heute leider nicht mehr ganz nachvollziehen, ob und wie oft die Dragons aufstiegen oder sich einfach der Name der Liga änderte. So findet man in Zeitungsartikeln der folgenden Jahren als Liga teilweise die Namen Oberliga, Regionalliga oder Verbandsliga. Worms war aber stets „oben“ dabei. Gegner waren in den Jahren ab 1995 häufig die Ludwigshafen Titans und die Mainz Golden Eagles. Die Golden Eagles gibt es übrigens noch heute, sie spielen in der dritthöchsten deutschen Spielklasse.

Das Ende im Jahr 2000

Ab 1998 fanden die Matches der Dragons nicht mehr im Wormatia Stadion, sondern auf dem BIZ-Rasenplatz statt. Liest man die Zeitungsberichte des Wormser Footballgeschehens nach, stößt der Leser ab 1999 nicht  mehr auf den Namen Worms Dragons, sondern nun nannte sie sich Worms Wizards. Warum der Name geändert wurde, darüber war leider nichts mehr zu erfahren.

Das Ende des Wormser Footballs kam im Jahr 2000. In diesem Jahr trafen sich – so zumindest die Information aus einem Footballmagazin – Vertreter der Mannheim Redskins, der Ludwigshafen Titans und der Worms Wizards mit dem Ziel, die Kräfte zu bündeln und einen Club im Rhein-Neckar-Gebiet zu etablieren. Mit der Realisierung dieses Vorhaben endeten (vorerst) die Football-Aktivitäten in der Nibelungenstadt. Die Matches des neu entstandenen Clubs fanden nicht mehr in Worms statt. Ob es auch andere Gründe gab, die zum Ende des Footballs in Worms führten, kann heute leider nicht mehr nachvollzogen werden.

Das Jugendteam der Dragons bzw. Wizards hat sich wohl –  doch dies sind nicht-bestätigte Informationen – nach dem Ende in Worms mit anderen Jugendteams der Region zu den Alsheim Wanderers zusammengeschlossen. Ein Team, das wohl aber auch nicht allzu lange existierte.

In seinem letzten Jahr der Existenz trug der Worms Footballclub den Name „Wizards“. Hier ein Zeitungsausschnitt aus dem Nibelungen Kurier.

In seinem letzten Jahr der Existenz trug der Worms Footballclub den Name „Wizards“. Hier ein Zeitungsausschnitt aus dem Nibelungen Kurier.

Ende des Booms und neuer Hype

Die NFL Europe stellte 2007 ihren Spieltrieb ein, damit ebbte auch der Football-Boom in Deutschland zunächst wieder ab. Heute gibt es in Deutschland rund 400 American Football Clubs. Die höchste Liga ist die German Football League (GFL), die in einer Nord- und einer Südstaffel den Deutschen Meister ausspielt. Bei der GFL handelt es sich allerdings nicht um eine Profi-, sondern um eine Amateurliga.

Zurzeit erlebt American Football in Deutschland eine Renaissance, was an den wöchentlichen Live-Übertragungen im Fernsehen aus den USA liegt. Den Superbowl, das Endspiel in der amerikanischen National Football League (NFL), verfolgten am ersten Wochenende im Februar alleine in Deutschland rund 1,8 Millionen Zuschauer live mit. Und dies, obwohl die Übertragung des Spiels erst nachts um 24 Uhr begann und bis in die frühen Morgenstunden ging.

Die Frankfurt Galaxy spielte ab 1991 in der World League of American Football und schuf einen legendären Mythos, der bis heute fortlebt.

Die Frankfurt Galaxy spielte ab 1991 in der World League of American Football und schuf einen legendären Mythos, der bis heute fortlebt.

Kommt wieder ein Footballclub nach Worms?

Ob es in Worms mal wieder eine American Football Club geben wird, bleibt abzuwarten. Was es dazu braucht, ist wie in jedem Verein, ein paar positiv „Verrückte“, die sich einer Sache ganz verschreiben.

Oliver Schembs, einer der damaligen Cracks, sagte denn auch abschließend in unserem Gespräch, sie seien damals eine tolle Truppe gewesen und es habe riesigen Spaß gemacht, was aber fehlte, seien ein eigenes Trainingsgelände, ein Clubheim und Vereinsmitglieder im mittleren Alter gewesen, die alles organisierten und einen Club auch längerfristig zusammenhalten. Auch fehlte eine intensive Jugendarbeit von sechsjährigen Kids bis zur A-Jugend, um Nachwuchs zu generieren. Denn um ein wirklich guter Footballer werden zu können, muss man dies – wie bei anderen Sportarten auch – schon im Kindesalter gelernt haben.  

Wobei der große Vorteil von Football ist, hier hat fast jeder die Chance seinen Platz im Kader zu finden. Kräftige, stämmige Cracks mit Gardemaßen agieren direkt an der Linie, um die Gegner zu blocken, schnelle, gewandte Athleten sind als Ballträger willkommen und Sportler mit einer guten Motorik, die Ballsicher sind, werden als Wide Receiver eingesetzt. Und dann gibt es da natürlich noch den „König“ auf dem Spielfeld. Dies ist der Quarterback, der Spielmacher, auf den das ganze System zugeschnitten ist. Die Inhaber dieser Postion sind in der amerikanischen Profiliga NFL denn auch die absoluten Super-Stars und Großverdiener.

Die Heimspiele der Dragons wurden zunächst im Wormatia Stadion und dann auf dem Rasenplatz im BIZ ausgetragen. Häufig konnten rund 1.000 Besucher gezählt werden.

Die Heimspiele der Dragons wurden zunächst im Wormatia Stadion und dann auf dem Rasenplatz im BIZ ausgetragen. Häufig konnten rund 1.000 Besucher gezählt werden.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen ehemaligen Spielern und Unterstützern bedanken, die mir geholfen haben, den Artikel zu schreiben, wobei einige Sachverhalte und Zeitabläufe nicht mehr zu 100 Prozent nachvollzogen werden konnten. Sollte daher etwas vergessen oder unvollständig sein, bitte ich um Nachsicht.

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Geschrieben in Rugby/Football, Sport

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