Von rund 60 Hausärzten werden in den nächsten Jahren 16 ihre Praxen aufgeben und nur teilweise sind Nachfolger in Sicht
Drohender Ärztenotstand in Worms
Der „Runde Tisch” diskutierte engagiert über die Möglichkeiten, junge Ärzte nach Worms zu locken. Foto: Gernot Kirch
Von Gernot Kirch Bis zur Jahrtausendwende sprach man in Deutschland von der drohenden Ärzteschwemme, inzwischen hat sich dies in das Gegenteil verkehrt und wir reden vom Ärztemangel. Besonders in Mitleidenschaft gezogen wird Rheinland-Pfalz, wo bis zum Jahr 2030 nach Aussage von Gunther Beth von der Kassenärztlichen Vereinigung rund 43 Prozent aller bisher existierenden Praxen aufgegeben werden, ohne dass ein Nachfolger gefunden werden wird. Stark betroffen, und dies bereits in den nächsten Jahren, ist die Stadt Worms. Nach Aussage von Oberbürgermeister Michael Kissel werden von 60 Hausarztpraxen 16 aufgegeben. Die Gründe hierfür sind das Erreichen des Rentenalters der Ärzte. Und nur für ein Teil seien Nachfolger in Sicht, so das Stadtoberhaupt.
Runder Tisch zur Attraktivitätssteigerung
Um dem drohenden Ärztenotstand zu begegnen hat sich am Mittwochabend erstmals ein „Runder Tisch” im Wormser Rathaus aus Vertretern von Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Kassenärztlicher Vereinigung und der Ärzteschaft, repräsentiert durch das Wormser Gesundheitsnetz (WoGe), getroffen. In regelmäßigen Abständen möchte dieser Kreis zusammentreffen, um junge Ärzte in die Nibelungenstadt zu locken. Dazu wurde ein erstes Bündel von Maßnahmen beschlossen. So soll in Worms eine Willkommenskultur für junge Mediziner geschaffen werden. Weiterhin ist beabsichtigt, Medizinstudenten bereits für Praktika nach Worms zu holen, um sie mit der Stadt sowie den Menschen und dem reichhaltigen Angebot an Kultur, Schulen, Betreuungseinrichtungen für Kinder und Arbeitsstätten für den Ehepartner in nähren Umgebung vertraut zu machen. Auch sollen günstige finanzielle Rahmenbedingungen zur Übernahme einer Praxis geschaffen werden. Ein Hilfestellung möchte man auch bei der Suche von Baugrundstücken geben. Oberbürgermeister Michael Kissel erläuterte, dass diese Maßnahmen zur Gewinnung von jungen Ärzten eine Gemeinschaftsaufgabe aller Bürger sei. Ein Schlagwort sei auch die Unterstützung bei der Gründung von Gemeinschaftspraxen.
Warum so wenig Ärzte?
Die Frage ist natürlich, warum gibt es so wenig Ärzte? Auch dazu gab der Runde Tisch auf der im Anschluss an die Sitzung stattfindenden Pressekonferenz ein Antwort. So erklärte die Landtagsabgeordnete Kathrin Anklam-Trapp, dass nur rund 56 Prozent der Medizin-Absolventen auch wirklich als Ärzte in Deutschland arbeiten würden. Viele würden in die Pharma-Industrie oder zu Versicherungen gehen. Wieder andere gingen ins Ausland. So würden etwa Norwegen und die Schweiz junge deutsche Ärzte abwerben.
In Klartext übersetzt bedeutet dies, die deutschen Steuerzahler finanzieren das teure Medizinstudium jener Ärzte, die dann von der Schweiz und Norwegen geködert werden, ohne dass sich diese Länder an den Ausbildungskosten beteiligen.
Hohe Belastung
Ein Grund der den Arztberuf unattraktiv macht ist nach Aussage von Gunther Beth von der KV die hohe zeitliche Belastung. Eine Arbeitswoche von 60 bis 80 Stunden sei heute nicht mehr attraktiv. Es müssten daher Modelle gefunden werden, dass Mediziner auch noch Zeit für Familie, Freunde und Hobbys hätten. Hier müsse man umdenken. Mit rund 1.200 Patienten pro Quartal sei ein Hausarzt auch zu stark belastet, zumal manche Patienten mehrmals zur Behandlung kämen. Optimal, um sich intensiver kümmern zu können, aber auch um Freizeit zu haben, seien 750 Patienten.
Ältere Ärzte machen weiter
Der Vorsitzende der WoGe, Paul Brämer, schilderte aus Sicht der Ärzteschaft nochmals die Dramatik der Situation in Worms und sagte, dass einige ältere Hausärzte in Worms weitermachten, obwohl sie in den Ruhestand gehen könnten. Und dies würden sie nicht tun, um sich noch ein Haus auf Mallorca zu finanzieren, sondern weil sie ihre Patienten nicht im Stich lassen würden, da kein Nachfolger in Sicht sei. Die Zeiten, in denen ein Arzt eine kleine Anzeige aufgebe: ”Suche Nachfolger” und schon stünden drei Bewerber vor der Tür, seinen vorbei. Heutzutage herrsche eine Konkurrenz der Regionen um junge Mediziner. Und die WoGe wolle mithelfen, den akademischen Nachwuchs nach Worms und Umgebung zu bekommen.
Wobei auch dies gesagt werden sollte. Es gibt noch Regionen in Deutschland und auch in Rheinland-Pfalz, etwa der Westerwald, wo die Lage im Vergleich zu Worms noch weitaus dramatischer ist, bereist wirklich katastrophale Züge angenommen hat.