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08.49 Uhr | 21. März 2020

Ernte ohne Erntehelfer?

LANDWIRTSCHAFT: Zu Beginn der Spargelzeit fehlt es an Saisonkräften / Bauern- und Winzer­verband Rheinland-Pfalz Süd e.V. fordert unbürokratische Lösungen

Die Spargelsaison beginnt. Doch derzeit stehen nur etwa 50 Prozent der üblichen Erntehelfer zur Verfügung. Foto: Vera Beiersdörfer

Die Spargelsaison beginnt, doch derzeit stehen nur rund 50 Prozent der üblichen Erntehelfer zur Verfügung. Foto: Vera Beiersdörfer

VON VERA BEIERSDÖRFER | Die Spargelsaison beginnt in diesem Jahr witterungsbedingt früher als üblich. Aufgrund von Grenzschließungen angesichts der aktuellen Corona-Pandemie können viele der unverzichtbaren Saisonarbeitskräfte jedoch nicht nach Deutschland einreisen. Was bedeutet dies für rheinhessische Betriebe? Welche Herausforderungen stellt das an Landwirte, die ihre Ernte mit überwiegend süd- und osteuropäischen Erntehelfern einholen?
Jens Günther, Vorsitzender des Bauernvereins Eich, berichtet, dass derzeit nur rund 50 Prozent der Arbeiter aus Polen und Rumänien vor Ort seien.

„Viele waren bereits da, sind aber, als die Lage immer schwieriger wurde, wieder nach Hause zu ihren Familien zurückgefahren“, so Günther, der als Vater natürlich Verständnis dafür hat, dass Menschen derzeit am liebsten bei ihren Familien sein möchten.

„Sonst hängt die Kette“
Die Lage in den Betrieben ist jedoch sehr ernst: Ohne ausreichend Helfer kann die Ernte von Spargel und anderen Gemüsesorten in der Haupterntezeit nicht bewältigt werden, berichtet der Landwirt. Auch fürchten die Bauern in dieser Situation um ihre Existenz. „Es ist ganz klar, dass wir jetzt auf Lösungen seitens der Politik hoffen“, erläutert Günther, dem allerdings bewusst ist, dass dies in den meisten Branchen nicht anders aussieht.  Im Gespräch mit dem NK erklärt er, dass es ja nicht nur die Erntehelfer seien, an denen es derzeit mangele, sondern darüber hinaus fehlen Arbeitskräfte zum Abpacken sowie qualifizierte Fachkräfte, die sich mit den GPS-Systemen der Ackerschlepper auskennen. In Eich wolle man einen Aufruf starten, um Unterstützung aus der Bevölkerung zu bekommen. „Wir freuen uns über jeden, der mit anpacken möchte – ob Fachkraft oder Ungelernter. Sonst hängt die Kette!“

Probleme bei der Einreise
Auf Nachfrage des NK erklärt Andreas Köhr, Pressesprecher des Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd e.V. (BWV), dass der Verband mit Hochdruck daran arbeite Lösungen zu finden, um die Produktion von regionalen Lebensmitteln trotz Restriktionen aufrechtzuerhalten. Priorität sei dabei aktuell die Sicherung des Einsatzes ausländischer Saisonarbeitskräfte in den Betrieben.

„Manche Saisonarbeiter kommen nicht nach Deutschland, weil sie Angst haben, sich hier mit dem Virus anzustecken. In Deutschland gibt es derzeit rund 10.000 Infizierte, in Rumänien erst 250 (Stand 18. März, 15 Uhr). Manche fürchten auch, dass sie nach ihrer Rückkehr in Quarantäne müssen oder Einreisebeschränkungen unterliegen“, so Köhr.
Wer trotzdem zur Spargelernte anreisen möchte, hat wegen der vielen Grenzschließungen oft Probleme, ins Land zu kommen. „Wir sehen, dass die Politik auf Bundesebene sehr bemüht ist, mit uns im Schulterschluss Lösungen zu finden“, so Köhr.

Transitregelungen für ­Saisonarbeiter
Im Gespräch seien potentielle Transitregelungen, um Saisonarbeitern die Einreise nach Deutschland zu ermöglichen. Dazu sei es notwendig, Länder wie Ungarn zu überzeugen, die Durchreise von Rumänen zu erlauben. Derzeit diskutierte Lösungsvorschläge reichten von Sondergenehmigungen über begleitete Busreisen bis hin zur Idee, die Erntehelfer einzufliegen, erklärt der Pressesprecher.

„Doch selbst wenn hier Lösungen gefunden werden, gehen die Bauernverbände davon aus, dass der Bedarf an Saisonarbeitern in diesem Jahr nicht gedeckt werden kann“, weiß Köhr. Daher müsse man ebenfalls schauen, wie man diese Bedarfslücke auch mit deutschen Arbeitskräften schließen könne. Die Beschäftigungsmöglichkeit von Personen anderer Branchen, die coronabedingte Einbußen in ihrem Bereich haben und bereit sind, in der Landwirtschaft tätig zu werden, müssen vereinfacht werden. Dabei seien unbürokratische und kreative Lösungen gefragt.

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