
Von Clara Werger › Ein lautes Plätschern, als ob jemand eine Dusche angestellt hätte – es „regnet" in der Siegfriedstraße 22. Ein Wasserrohrbruch im 2. Stock sorgt für eine Überschwemmung in den darunter liegenden Einheiten. Krisensitzung im Flur, Aufregung unter den Mietern, aber keine Überraschung. Es ist nicht der erste Wasserrochbruch im Gebäude in der Siegfriedstraße. Auch Wochen später klafft das große Loch in der Decke im Flur.
Meterhohe Löcher in Wänden und Decken, kaputte Heizungen und schimmelbedeckte Wände. Was teilweise wie die Kulisse eines Horrorfilmes anmutet, ist bittere Realität für einige Bewohner des Wohn- und Geschäftskomplexes Siegfriedstraße 20 bis 22 in Worms. Das Gebäude, nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt, wurde vor circa vier Jahren von der Vision Invest GmbH aus Mannheim erworben. Seitdem hat sich die Wohnsituation der Mieter zusehends verschlechtert. Sie wurden nicht nur im Regen stehen gelassen, sondern auch im Kalten – rund zwei Jahre lang funktionierte die Heizung nicht. Vor Kurzem gab es einen Hausverwaltungswechsel. Die damals beauftragte Hausverwaltung, ebenfalls aus Mannheim, reagierte nicht auf Anfragen und meldete dieses Jahr Insolvenz an.
Das sechsstöckige Gebäude wurde Ende der 1960er Jahre erbaut. Im Erdgeschoss befinden sich Geschäfte, wie ein Optiker und ein Reisebüro.
Edda Kizilbogas wohnt schon seit 40 Jahren in der Siegfriedstraße 20 und – zu ihrem Verhängnis – im fünften Stockwerk. Die Rentnerin ist auf eine Gehhilfe angewiesen. Wie bereits die Wormser Zeitung im April diesen Jahres berichtete, saß Kizilbogas für drei Wochen in ihrer Wohnung fest, weil der Aufzug nicht funktionierte. Hautnah erlebte sie die negative Wandlung, die ihr Zuhause in den letzten Jahren durchmachte. „Früher gehörte das Gebäude der RNV Versicherung, das war eine andere Ordnung“, erinnert sich Kizilbogas. „Wir sind über alles informiert worden. Heute können wir sonst was tun, E-Mails schreiben oder anrufen, es ist nie etwas zurückgekommen. Scheinbar ist man nur darauf bedacht, dass das Haus voll ist.“ (Gemeint ist die ehemalige Hausverwaltung, Anm. d. Red.) Das Wohnen in diesem Gebäude habe keinen Wert mehr für sie, so Kizilbogas. „Ehrlichgesagt suche ich nach etwas Neuem.“
Kizilbogas Erlebnisse sind kein Einzelfall. Fast jeder hier kann von Wasserrohrbrüchen und die damit verbundenen Schäden berichten, die einfach nicht behoben werden. Was alle Mieter miteinander verbindet, ist die Heizung, bzw. deren Nicht-funktionieren seit fast zwei Jahren. „Nach den ersten Ausfällen wurde die Heizung letztes Jahr ganz außer Betrieb genommen. Dann ging es kurz, dann wieder nicht.“ Die beauftragte Sanitärfirma bedauerte die lange Reparaturzeit mit einem Schreiben als Aushang und begründete dies mit gesundheitlichen Problemen des Inhabers.
Die Liste an kleinen und großen Mängeln in den Wohnungen ist lang. „Wir haben alle die Schäden, der eine mehr, der andere weniger“, so ein Mieter. Sie reichen von kaputten Türen und Fenstern über stromlose Badezimmer zu kaputten Sanitäranlagen. „Wir waren immer anständige Leute, aber wir werden wie Untermenschen behandelt. Am schlimmsten ist es eigentlich, dass es lange Zeit auch gar keine Kommunikation gab.“
Auf Kautionsrückzahlungen, die den Mietern laut Vertrag nach sechs Monaten zustehen würde, würden einige Mieter bereits über ein Jahr warten. Ähnlich verhält es sich mit Nebenkostenrückzahlungen. Manche Mieter entschlossen sich dazu, nur noch eine reduzierte Miete zu überweisen. Selbst darauf hätte es keine Reaktion von Seiten der Vision Group oder der alten Hausverwaltung gegeben. Und die Mieter berichteten, dass auch Handwerker ihre Arbeit nicht beendeten, da sie ebenfalls auf ihr Geld warten würden - oder nur mit Vorauszahlung die Arbeiten überhaupt erst beginnen würden.
Als die Vision Group das Gebäude übernahm, hätte sie den Mietern Geld angeboten, damit diese auszögen, um den Wohnraum als Eigentumswohnungen zu nutzen, berichten einige Mieter. „Ein paar sind raus“, erzählt ein Mieter. Die Mehrheit blieb. „Hier gibt es noch die alten Beträge, rund 650 Euro für drei Zimmer, das kriegt man nirgendwo.“ Auch für eine Rentnerin ist ein Wohnungswechsel keine Option. „Mein Mann ist alt, Umziehen, das können wir nicht mehr.“
Die im Gebäude ansässigen Geschäftsleute haben nichts von der kürzlich reparierten Heizung, da sie sich in einem anderen Heizkreislauf befinden. Seit April letzten Jahres sind sie ebenso ohne Heizung. Es wird sich mit Heizstrahlern oder Klimaanlagen beholfen, trotzdem können sie im Winter Geschäftseinbrüche verzeichnen. „Wir sind arbeitsfähig, aber das Geschäft wird dadurch eingeschränkt. Es ist schon unangenehm, wenn die Kunden bemerken, ,hier ist aber kalt!´ Das entspricht nicht unserem Standard,“ berichtet einer der Geschäftsleute. Auch hier sei die Korrespondenz mit der Hausverwaltung lange Zeit katastrophal gewesen - auf konkrete Anfragen werde nicht geantwortet und an Absprachen werde sich nicht gehalten.
Mit der neuen Hausverwaltung, die im Oktober die Arbeit aufgenommen hat, sind die Mieter bisher zufrieden und hoffen auf spürbare Verbesserungen.
Auf die Bitte um eine Stellungnahme der Vision Group über die Zustände im Gebäude antwortete diese erst auf Nachfrage. Dabei ging sie nur teilweise auf die aufgeführten Probleme ein. Die Antwort auf eine erneute, konkretisierte Nachfrage blieb bis heute aus.
Beitrag aus der Rubrik