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16.55 Uhr | 8. Januar 2021

„Fühlen uns im Stich gelassen“

HOCHSCHULE WORMS: Kritik der Studierenden an Präsenz-Prüfungen in Corona-Zeiten / Kein Handlungsspielraum?

VON STEFFEN HEUMANN | Besorgt wandte sich Andreas Held (Name von der Redaktion geändert) an den Nibelungen Kurier, um auf eine seiner Ansicht nach unzumutbare Situation an der Hochschule Worms aufmerksam zu machen. Carolina Lenß (Name geändert) trat mit dem gleichen Anliegen an den NK heran und übt Kritik an der Durchführung der Präsenz-Prüfungen, die am 11. Januar in der Bildungseinrichtung anstehen.

Trotz der aktuellen Corona-Lage sollen sich die Prüflinge, die aus ganz Deutschland anreisen müssen, mehrere Stunden in einem Raum versammeln und einen Leistungstest absolvieren. „Wie kann es sein, dass wir streng genommen unser Leben und das unserer Angehörigen für Prüfungen riskieren müssen und Schulen und Kitas haben geschlossen?“, fragen sich nicht nur Carolina und Andreas.

Über 500 Beschwerdemails der Studierenden seien bereits bis Donnerstag eingegangen, 823 Studenten hätten zudem eine Petition unterschrieben, dass man sich dem Risiko nicht aussetzen wolle und mit Blick auf die Corona-Zahlen auch nicht sollte. Statt Verständnis und einer Terminverschiebung seitens der Hochschule, stieß die Reaktion von Präsident Professor Dr. Jens Hermsdorf auf Unverständnis: Die Prüfungen sollen in Präsenz und ab Montag stattfinden! Die Alternativen der Hochschule werten die Studierenden keineswegs als großzügiges Entgegenkommen.

Demnach können sich die Studierenden bis einen Tag vor den Prüfungen abmelden und die Klausur im kommenden Semester wiederholen. An vielen anderen Universitäten und Hochschulen sei das normal und kein Zugeständnis, so Stefan K., der sich auch darüber ärgert, dass viele Module nur halbherzig vermittelt worden seien oder Freiversuche, Online-Klausuren, Hausarbeiten, Online-Präsentationen zur Sicherheit der Studierenden in Worms „Fehlanzeige“ gewesen seien. Die Hochschule habe genügend Zeit gehabt, sich auf die neuen Rahmenbedingungen vorzubereiten, meinen die Studierenden, die kurz nach der Entscheidung ihres Präsidenten zudem darüber informiert wurden, dass die Hochschulbibliothek wegen Corona bis auf Weiteres geschlossen bleiben müsse – Literaturbestellungen sind online oder telefonisch möglich, dort lernen und arbeiten aber nicht. „Wie paradox ist das?“, fragt sich Andreas Held. Ferner habe ein Professor mitgeteilt, dass er aufgrund des hohen gesundheitlichen Risikos nicht an den Prüfungen teilnehmen können, „was wir aber durchaus nachvollziehen können“.

Welchen Stellenwert hat Gesundheit der Studierenden?

„Wieso kann man in diesen Zeiten nicht auf eine Online-Leistungerbringung umsteigen?“ „Warum sind organisatorische Vorgaben und die Einhaltung eines Zeitplanes wichtiger, als die Gesundheit der Studierenden?“ „Wir halten das für einen Skandal“, erklärt Andreas Held im Namen seiner Mitstreiter. „Die Corona-Zahlen sprechen für sich“, so der Stunden weiter. Carolina kann ebenfalls nicht nachvollziehen, warum die Klausurenwoche nicht verschoben wird. Zu Beginn des 2. Lockdowns seien bereits trotz vieler Beschwerden mündlichen Prüfungen in Präsenz angesetzt worden. Während Französischkurs-Studenten die Möglichkeit besessen hätten, online geprüft zu werden, wurden Spanischkurs-Studenten dem Infektionsrisiko vor Ort ausgesetzt. „Zweierlei Maß für Studierende des gleiches Studienganges“, befindet Carolina Lenß. Es sei nicht ergründlich, dass Klausuren während eines „leichteren“ Lockdowns verschoben werden, während bei einem verschärften Lockdown mit hohen Infektionszahlen nach Feiertagen plötzlich die Klausuren bestehen bleiben. „Viele Studenten kamen in Kontakt mit Corona-Infizierten, machen allerdings keinen Test. Grund ist die Angst, dass bei einem positiven Ergebnis die Klausuren aufgrund einer Quarantäne nicht geschrieben werden können und sich somit das Studium verlängert“, erläutert und befürchtet Carolina Lenß. Es bestehe daher die Gefahr, dass viele unwissentlich infizierte Studenten ihre Kommilitonen anstecken. In den sozialen Medien werde ebenfalls kontrovers über das „rücksichtslose Verhalten“ der Hochschule Worms diskutiert. „Trotz des Einsatzes der Fachschaften und der ASta, dem Allgemeinen Studierendenausschusses, fühlen wir und in dieser Situation im Stich gelassen“, bedauert Lenß. Bislang habe sie vergeblich auf ein Einlenken der Hochschule gehofft.

INFO: Was sagt das Land: Es gelten die allgemeinen Schutzmaßnahmen der aktuellen Coronabekämpfungsverordnung des Landes. Das bedeutet: Pflicht zur Kontakterfassung, Maskenpflicht sowie Abstandsgebot. Näheres regeln die Hochschulen selbständig. Die Hochschulen haben passende Hygienekonzepte erstellt, um ihre Studierenden zu schützen. Weitere Informationen dazu können bei den jeweiligen Hochschulen abgerufen werden.

„Großes Verständnis für die Sorgen aller ihrer Studierenden“

„Die Hochschule hat sehr großes Verständnis für die Sorgen aller ihrer Studierenden“, betont Präsident Professor Dr. Jens Hermsdorf auf NK-Anfrage. „Wie schwierig sich die aktuelle Lage bei einer sehr heterogenen Ausgangssituation gestaltet, erleben wir jeden Tag in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens. Auch die Hochschule muss die vielfältigen Interessen bestmöglich vereinen, und versuchen allen Bezugsgruppen annähernd gerecht zu werden. In der momentanen Lage ist klar, dass wir keine Lösungen anbieten können, mit der alle zufrieden sein werden“, so Professor Hermsdorf weiter.

„Wir sehen uns in der aktuellen Corona Lage in einer besonderen Verantwortung für die Gesundheit unserer Studierenden und unseren Beschäftigten. Vor diesem Hintergrund haben wir ein umfangreiches Paket an Maßnahmen beschlossen und umgesetzt. Die geringe Anzahl der Corona Fälle an unserer Hochschule legt davon ein Zeugnis ab. In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, dass der Todesfall eines Professors nicht mit der Pandemie in Verbindung gebracht werden darf, da es sich hier um eine nicht verifizierbare Aussage über die Zusammenhänge handelt“, fügt Hermsdorf an.

Man habe alle Optionen mit Blick auf die aktuelle Klausurenphase kritisch geprüft und die wesentlichen Aspekte aller Studierender in ihren unterschiedlichen Studienphasen berücksichtigt, um sicherzustellen, dass das Wintersemester für die Studierenden, die es einrichten können und dies wollen, zum erfolgreichen Abschluss gebracht werden könne. „Es muss klar betont werden, dass die Teilnahme an Klausuren erstmalig an der Hochschule freiwillig ist. Bei unseren Entscheidungen zur aktuellen Klausurenphase haben wir gerade auch die Anregungen unserer Studierenden mit aufgegriffen“, erklärt der Hochschule-Präsident.

So habe jeder Studierende erstmalig die Möglichkeit, sich bis zu einem Tag vorher von der Klausur abzumelden, damit könne jeder Studierende mit Blick auf sein persönliches Umfeld und seine Risikoeinschätzung für sich selbst entscheiden, ob sie oder er die Klausur mitschreibe. Um Planungssicherheit für alle Studierenden zu ermöglichen, werde auch erstmalig an der Hochschule gewährleistet, dass jeder Leistungsnachweis aus dem Wintersemester auch im kommenden Sommersemester erbracht werden kann. Darüber hinaus wurde bereits im Vorfeld die prüfungsrechtliche Fortsetzungspflicht bei Leistungsnachweisen ausgesetzt. Ferner sei sichergestellt, dass das aktuelle Wintersemester nicht für die Regelstudienzeit angerechnet werde. Für die Studierenden, die Klausuren im Wintersemester schreiben wollen, habe die Hochschule ein ausgereiftes Hygienekonzept entwickelt und die größten verfügbaren Veranstaltungsräume in Worms (Kesselhaus und Mozartsaal) angemietet. „Mit unseren Maßnahmen schaffen wir Flexibilität, Planungssicherheit und gewähren ein hohes Maß an Sicherheit für die aktuelle Klausurenphase“, unterstreicht Professor Hermsdorf.

„Wenn die Studierenden teilweise zu Recht die oft kurzfristige Informationsvermittlung bemängeln, so ist das nachvollziehbar. Hier muss aber auf bestehende Abhängigkeiten in der Beschlussfindung hingewiesen werden. Wir können als öffentliche Hochschule des Landes nicht individuell reagieren, sondern sind von Absprachen des Ministeriums und der Politik abhängig“, betont der Präsident. „Die intensive Diskussion unserer Studierenden zeigt uns deutlich, dass wir sehr verantwortungsbewusste Studierende auf dem Campus haben, die mit Blick auf ihre persönliche Situation eine bewusste Entscheidung für die aktuelle Prüfungsphase treffen. Genau diese bewusste individuelle Entscheidungsfindung können unsere Studierenden mit unserem Angebot zur Präsenzprüfung treffen“, so Hermsdorf abschließend.

„Online-Klausuren zum jetzigen Zeitpunkt nicht umsetzbar“
HOCHSCHULE WORMS: AStA zur anstehenden Präsenz-Klausurphase an der Hochschule Worms / Pro- und Kontra-Argumente ausgewertet

Der AStA einer Hochschule hat die Hauptaufgabe die ganzheitliche Interessensvertretung aller Studierenden einer Hochschule zu gewährleisten, sowohl zu prüfen als auch zu hinterfragen und sich dafür einzusetzen. Dem AStA sind die jeweiligen Fachschaftsräte der Fachbereiche untergegliedert.

„In den letzten Wochen erreichten uns sehr viele Bedenken bezüglich der geplanten, anstehenden Prüfungsphase ab kommenden Montag, den 11.01.2021. Bezüglich dieser Bedenken haben wir uns in der Vergangenheit mit der Hochschule ausgetauscht. Nach weiteren Anrufen von Studierenden haben wir uns dazu entschieden, eine einheitliche E-Mail an alle Studierende zu versenden, in der sie die Möglichkeit haben, ihre positiven, neutralen oder negativen Gedanken, Bedenken oder Ängste zu äußern. Die Resonanz darauf war enorm hoch, welche die Dringlichkeit spiegelt und die Relevanz der Thematik aufweist. Stand Freitag, 8.01., erreichten uns über 528 E-Mails innerhalb ca. 24 Stunden (ca. 14 % der gesamten Studierendenschaft), die wir mit bestem Gewissen bearbeiteten und folgende Schlussfolgerungen daraus schließen konnten, so der AStA-Vorstand.

Das Ergebnis:

• Unklare Meinung: 13 % (Tendenz zu Alternativen)
• Pro Präsenz-Klausurphase: 13 %
• Kontra Präsenz-Klausurphase geplanter Zeitraum: 74 %

Als Kontra-Argumente wurde primär die Angst einer Ansteckungsgefahr genannt, da viele Studierende mit Risikopatienten zusammenleben oder selbst Risikopatienten sind. Hierbei wurde vor allem die An- und Abreise erwähnt, da viele Studierende öffentliche Verkehrsmittel, sowie Nah- und Fernverkehr nutzen müssen. Pro-Argumente waren unter anderem die Beendigung des Studiums innerhalb der Regelstudienzeit, erläsutert der AStA-Vorstand.

„Die Funktion als Studierendenvertretung besteht auch darin, die Studierendenmeinungen an die Hochschule weiterzuleiten und mögliche Alternativen und Lösungen gemeinschaftlich zu erarbeiten. Nach kritischen Prüfungen mussten wir feststellen, dass die Alternative von Online-Klausuren zum jetzigen Zeitpunkt nicht umsetzbar sind und eine Auslassung der Prüfungsphase nicht rechtskonform ist. Ein Entgegenkommen seitens Hochschule ist die Option der Abmeldung ein Tag vor Ablegung der Prüfungsleistung und das Angebot, dass Prüfungen, die im Normalfall nur einmal im Semester absolviert werden können, jetzt sowohl im Winter- als auch Sommersemester möglich sind. Die Prüfungsteilnahme in der momentanen Ausnahmesituation bereitet den Studierenden Sorgen und stellt die Ungewissheit der Folgen in Frage. Die Gremien der Hochschule Worms werden auch weiterhin diese Standpunkte der Studierenden nach außen vertreten und in Gemeinschaft mit der Hochschulleitung weitere Lösungen entwickeln, informiert der AStA.

„Nichtsdestotrotz möchten wir an dieser Stelle weitere Maßnahmen einleiten und einen offenen Brief an das Wirtschaftsministerium verfassen, in dem wir auf diese Situation nochmals aufmerksam machen, an einen Fortschritt der Digitalisierung appellieren und Lösungsvorschläge mitgeben“, schließt der Allgemeine Studierendenausschuss.

Anmerkung der Redaktion: Das AStA-Statement erreichte den NK erst nach Redaktionsschluss der Printausgabe und konnte daher für die Aufgabe am Samstag nicht berücksichtigt werden.

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Geschrieben in Worms und Ortsteile

Ein Kommentar für "„Fühlen uns im Stich gelassen“"

  1. Anonym sagt:

    Unglaublich, fast schon eine große Frechheit der Stadt