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13.23 Uhr | 19. März 2021
PFLEGESTRUKTURPLANUNG: Angehörige entlasten und neue Angebote schaffen

In Anbetracht einer älter werdenden Gesellschaft

Ein möglichst selbstbestimmtes und würdevolles Leben im Alter, auch wenn aufgrund von Pflegebedarf Hilfe gebraucht wird: Das ist das Ziel der Pflegestrukturplanung des Landkreises Alzey-Worms. Mit Unterstützung durch das Institut Transfer wurde zehn Jahre nach der letzten Planung nun eine Aktualisierung auf den Weg gebracht.

Der Bericht basiert auf den Daten der Pflegestatistik 2017, die alle zwei Jahre fortgeschrieben wird. Inzwischen liegt auch die Pflegestatistik für 2019 vor. Hier konnten einige Angaben ergänzt werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass mit dem Ausbau der ambulanten Pflegedienste (mittlerweile 15 im Landkreis) ein wichtiges Ziel der letzten Planung erreicht werden konnte. Auch die Beratungsstruktur wurde mit den drei Pflegestützpunkten im Landkreis gut weiterentwickelt. Aufgabe der Beratungs- und Koordinierungsstellen sei es auch, vor Ort Netzwerke und Nachbarschaftshilfen aufzubauen.

 

Älter werdende Gesellschaft und mehr Pflege

Die Zahl der Einwohner im Landkreis Alzey-Worms ist seit der Jahrtausendwende um rund sechs Prozent gewachsen. Der Anteil der über 65-Jährigen ist im Zehn-Jahres-Zeitraum um 13 Prozent angestiegen. Noch deutlicher ist der Anstieg bei den ab 80-Jährigen: Hier beträgt das Plus 26 Prozent.

Die höhere Zahl älterer Menschen wirkt sich auch auf die Pflegebedürftigkeit aus. Im Berichtszeitraum ist die Zahl pflegebedürftiger Menschen um 1.005 auf 4.025 Personen gestiegen. Das entspricht einem Plus von 33 Prozent. Die aktuell vorliegende Pflegestatistik 2019 weist bereits 5.678 pflegebedürftige Menschen aus, wobei der Zuwachs auch auf die Pflegereform mit verbesserten Leistungen zurück zu führen ist. Für das Jahr 2030 wird eine weitere Zunahme prognostiziert.

 

Pflege findet vor allem zuhause statt

 

Der Bericht weist aus, dass von allen Empfängern pflegerischer Leistungen im Landkreis rund 60 Prozent Pflegegeld beziehen. Das zeigt: Der überwiegende Teil pflegebedürftiger Menschen wird in der eigenen Häuslichkeit durch Familienangehörige oder Hilfskräfte gepflegt. Laut Statistik 2019 bezogen 52,6 Prozent ausschließlich Pflegegeld. „Nur“ 21 Prozent der Pflegebedürftigen waren im Jahr 2017 zur Betreuung in einem Pflegeheim untergebracht.

 

Die aktuell vorliegende Pflegestatistik weist eine fast gleichbleibende Zahl von Menschen in stationärer Dauerpflege aus (876). Da aber die Zahl der Pflegebedürftigen insgesamt steigt, sinkt der Wert auf einen Anteil von 15,43 Prozent.

Für Landrat Heiko Sippel ist die Zahl ein Beleg dafür, dass die familiären Strukturen im ländlichen Raum noch intakt sind. „Die Familien kümmern sich soweit es irgendwie geht, um ihre Angehörigen, oft auch unter Einsatz der letzten Kraftreserven und darüber hinaus“, stellt Sippel fest.

 

Von daher sei es der erklärte Wille des Landkreises, Angehörige stärker zu unterstützen und zu entlasten. Ein besonderes Augenmerk müsse daher auf die Einrichtung zusätzlicher Tagespflege- und Kurzzeitpflegeangebote im Landkreis gerichtet werden. Diese Angebote dienten dazu, Angehörige im Tagesablauf zu entlasten oder auch Krankheitsphasen, Urlaub und Auszeiten abzudecken und dabei den Pflegebedürftigen ein gutes Betreuungsangebot zu ermöglichen.

 

Pflegeplätze weiter notwendig – aber in kombinierter Form

 

Der Landkreis Alzey-Worms weist mit 58,8 Plätzen in Pflegeheimen je 1.000 Einwohner über 70 Jahre gegenüber dem Landesdurchschnitt von 67,7 einen geringeren Wert auf. Beachtenswert ist aber auch, dass von den Bewohnern in Pflegeheimen nur 56 Prozent vorher im Landkreis Alzey-Worms gelebt haben. Das heißt, das Angebot ist ausreihend genug, damit auch Menschen hier Platz finden, die vorher nicht im Kreisgebiet gelebt haben. Auch die Auslastung der Pflegeheime mit rund 84 Prozent lässt den Schluss zu, dass es zumindest rechnerisch eine ausreichende Zahl an Pflegeplätzen im Kreis gibt.

„Natürlich heißt das nicht, dass es künftig keinen Bedarf mehr an zusätzlichen Plätzen gibt, gerade auch in Anbetracht der älter werdenden Gesellschaft“, macht Sippel klar, „allerdings sollten wir uns in Zukunft auf den Weg machen, auch andere Betreuungsformen jenseits großer Einrichtungen umzusetzen.“

Aus Sicht des Landkreises sollte die Neuerrichtung eines Pflegeheimes auf jeden Fall daran geknüpft werden, neben den klassischen Pflegeplätzen auch Angebote für die Tages- und Kurzzeitpflege sowie für betreutes Wohnen zu schaffen. Dafür werde der Landkreis im Gespräch mit den Bürgermeistern der Städte und Gemeinden, die zunehmend von Investoren angefragt werden, werben.

 

Neue Wohnformen als Alternative

 

„Wir sollten uns die Frage stellen, wie wir im Alter leben wollen, wenn Unterstützungsbedarf erforderlich ist oder das eigene Haus zu groß wird“, wirft der Kreischef auf. Neue Wohnformen gewönnen zunehmend an Bedeutung. So habe beispielsweise die Wohn- und Pflegegemeinschaft für an Demenz erkrankte Menschen in Alzey gezeigt, dass man in Gruppen von jeweils 12 Personen in fast familiärer Atmosphäre zusammenleben könne, ohne auf eine professionelle Pflege und Betreuung zu verzichten. Angebote von betreutem Wohnen, auch in Verbindung mit Pflegeheimen, dienten dazu, ambulante Hilfen in dem Umfange in Anspruch zu nehmen, wie sie für ein selbstbestimmtes Leben gebraucht werden. Aber auch Wohnformen ohne Pflegebedarf (Senioren-WG oder Generationenwohnen) erfreuten sich wachsender Beliebtheit.

 

Wie die Leiterin der Sozialabteilung, Andrea Maurer, ausführt, wolle der Kreis hier im Gespräch mit den Kommunen, Trägern und dem Land dafür sensibilisieren, den Blick auf Alternativen zum Pflegeheim zu lenken. „Wir werden die Thematik im Rahmen der nächsten Regionalen Pflegekonferenz vertiefen und bieten hierzu gerne auch Information und Beratung an“, stellt Maurer fest.

 

Da der Anzahl der über 80-Jährigen weiter deutlich steige, sei es richtig gewesen, das Projekt „Gemeindeschwester plus“ mit zwei Mitarbeiterinnen im Landkreis zu etablieren. Ziel sei es, sich um ältere Menschen zu kümmern, um noch vor dem Entstehen von etwaigem Pflegebedarf durch Beratung und präventive Angebote zur Seite zu stehen. Derzeit wird das Projekt Gemeindeschester plus vom Land Rheinland-Pfalz und von den Krankenkassen gefördert.

Was Heiko Sippel und Andrea Maurer unisono hervorheben, ist die Tatsache, dass 43 Prozent der über 80-Jährigen keinerlei pflegerischen Bedarf haben und zumeist noch fit und agil sind. Neben dem Thema Pflege sei daher auch die Prävention und das Einbinden in die Dorfgemeinschaft, zum Beispiel durch Generationentreffs, Seniorencafés oder Initiativen mit Kitas und Schulen ein ganz entscheidender Aspekt. „Im Landkreis Alzey-Worms soll es sich auch in Zukunft für alle Altersgruppen gut leben lassen.“

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