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00.19 Uhr | 14. April 2021

„Müssen Streetworker jetzt in die Stadt schicken“

INNENSTADT: Raumsuche für einen Jugendtreff bislang erfolglos / Probleme rund um den Ludwigsplatz auf Dauer entschärfen / Anwohner atmen wieder auf

Foto: Gernot Kirch

Brennpunkt Ludwigsplatz und Innenstadt. Ein Jugendtreff soll ein konfliktfreies Miteinander zwischen Anwohnern und Jugendlichen gewährleisten. Archivfoto: Gernot Kirch

VON STEFFEN HEUMANN | Die Ausgangslage: Rund 45.000 Einwohner zählt die Wormser Innenstadt, darunter 2.800 Jugendliche. Für die gibt es bislang keine Angebote im öffentlichen Raum. Pandemiebedingt entfallen Freizeitangebote in Vereinen und Verbänden, soziale Kontakte in Schulen entfallen größtenteils. In vielen Wohnungen in der Innenstadt müssen die Heranwachsenden ihre Zimmer mit jüngeren Geschwistern teilen. Die Coronaverordnungen sind nur schwer nachzuvollziehen. Das sorgt für Frust, der sich in der jüngsten Vergangenheit oft im Bereich des Ludwigsplatzes entladen hat. Ein Ärgernis für die Anwohner, deren Hilferuf an die Verwaltung nicht verhallte.

Nach Kontrollen wieder Ruhe eingekehrt

„Inzwischen ist wieder Ruhe eingekehrt“, wie Andreas Hartmann (Name von der Redaktion geändert) als Anwohner erleichtert am Dienstagabend im Innenausschuss berichten konnte. Ein Erfolg des hohen Kontrolldrucks durch Ordnungsamt und Polizei. Das Patrouillieren verhindert die Ansammlung von einer Gruppe Jugendlicher, die Rabatz machen. „90 Prozent haben Migrationshintergrund“, schätzt Andreas Hartmann „und jeden Menge krimineller Energie“. Das Kicken mit dem Lederball auf dem Ludwigsplatz sei noch harmlos. Damit würden nur die anderen Familien und spielende Kinder dort vertrieben. Böllerwürfe waren ebenfalls keinen Seltenheit. Jüngst habe er einige beim Einbrechen in das Woolworth-Gebäude erwischt. Auf die Polizei warte er noch heute, betonte Hartmann Pöbeleien und übelste Beschimpfungen durch die Jugendlichen waren ebenfalls an der Tagesordnung. „Jetzt herrscht wieder Ruhe“, freute sich Andreas Hartmann. Er befürchtet, dass ein provisorischer Jugendtreff das unerwünschte Klientel wieder anlockt und der Anlaufpunkt – egal ob Hütte oder Holzbude früher oder später demoliert werde.

Raum für Jugendtreff dringend gesucht

Andreas Hartmann wünscht sich eine bessere Lösung. Daran ist auch der Verwaltung gelegen. Ralf Decker und Marvin Reich vom Jugendamt wissen um die Notwendigkeit einer geeigneten Immobilie, trotz intensiver bislang noch nicht gefunden wurde. Die Eckdaten für eine Räumlichkeit als Ausgangspunkt für effektive Jugendsozialarbeit lauten: 100 Quadratmeter, eine Kapazität für ca. 50 Jugendliche, Küche, zwei Toiletten, Notausgänge, intakte Leitungen für Strom und Wasser. Die häufigsten Ausschlusskritreien der 9 Objekte, die bereits erfolglos besichtigt wurden, waren der Preis (bis 10 Euro/Quadratmeter) und die baulichen Voraussetzungen.

Ralf Decker wäre froh, wenn ein Immobilienbesitzer in Innenstadtnähe der Verwaltung die Hand reichen würde und einen geeigneten Raum zur Verfügung stellen könnte. „In der Corona-Pandemie ist Jugendsozialarbeit wahnsinnig herausfordernd. Wir müssen uns auf Einzelfallarbeit beschränken“, bedauert Decker. Unter den Betroffenen sei eine hohe Unzufriedenheit festzustellen. Die Jugendlichen hätten keinen guten Start in die Gesellschaft. An den Pandemie-Folgen, die noch gar nicht genau absehbar seien, werde auch die Jugendsozialarbeit lange zu knabbern haben, prognostiziert Ralf Decker. Ziele ohne Instrumente zu erreichen sei daher schwierig, solange die Hilfsangebote wegbrechen. Man müsse die Jugendlichen durch Angebote mitnehmen und integrieren. Mit Bezug auf das Jugendtreff-Provisorium sei noch keine Standortentscheidung gefallen, erklärte Decker. An drei Tagen in der Woche soll der künftige Treff jeweils 5 Stunden lang Anlaufstelle sein.

Personalsuche weitere Hürde

„Wir können erst ein Stück weitergehen, wenn die nächste Hürde genommen ist“, beschreibt Decker die prekäre Lage. Während die Kommune für die Immobilie sorgt, muss der Träger für die Leistungserbringung „Jugendtreff Innenstadt“, das Diakonische Werk, geeignetes Personal finden. Fachkräfte seien auch in diesem Bereich Mangelware. Am 1. Mai geht die Diakonie an den Start, dann sollen erste Angebote für Jugendliche geschaffen werden. Bis zum Herbst hofft Ralf Decker Räume angemietet zu haben, damit man auf mobile Angebote verzichten könne. Mit den Maßnahmen der Wohnumfeldverbesserungen in Herrnsheim und Neuhausen habe man vor 20 Jahren positive Erfahrungen gemacht und soziale Konflikte weitestgehend befriedet. Einen ähnlichen Erfolg wünscht sich Ralf Decker auch für die Innenstadt.

Diesen Optimismus teilt auch Sozialdezernent Waldemar Herder. Dinge gemeinsam mit den Jugendlichen zu entwickeln, sei der richtige Weg. Aber natürlich nehme er auch die Vorbehalte seitens der Anwohner erst. Allerdings sei in Gesprächen mit der Polizei deutlich geworden, dass sich die Probleme nicht durch Kontrollen und Strafverfolgungen lösen lassen. „Wir müssen die Streetworker jetzt in die Stadt schicken, ehe eine Verdrängung an andere Ort stattfindet“, appellierte Herder. Wie die Jugendlichen aufgrund von Corona künftig ticken, sei offen, allerdings müsse man diese Zielgruppe nicht nur am Ludwigsplatz, sondern in der gesamten Innenstadt an die Hand nehmen und dabei behilflich sein, den Werdegang der Jugendlichen in geeignete Bahnen zu lenken. Das sei ein permanenter Prozess, der bei der Ausweitung auf weitere Bereiche in der Stadt allerdings zusätzliche personelle Ressourcen voraussetze.

Weitere Stimmen aus dem Innenstadtausschuss:

Ein Jugendtreff ist unbedingt notwendig und sollte auch den Bereich bis hin die Rheinstraße abdecken. Das kriminelle Verhalten ist ein Thema, das mit Vertretern des Ordnungsamtes und der Polizei nochmal besprochen werden sollte. (Christian Engelke/Die Grünen)

Die Umsetzung eines provisorischen Treffs auf dem Ludwigsplatz ist Aktionismus und eine Zwischenlösung, die bei den Anwohnern nicht gut ankommt. (Astrid Perl-Haag, FWG/Bürgerforum)

Das Problem ist tiefgreifender. Der Ludwigsplatz ist nur der Wurmfortsatz der „Shelltanke“ und Rheinstraße. Weitere Planungen für Streetworking in der Altstadt sind notwendig. (Peter Englert, FWG/Bürgerforum)

Ist die Holzhütte mit der Denkmalpflege abgesprochen? Treff ja, aber in Leerständen nicht in einer Hütte und nicht auf dem Ludwigsplatz. (Dr. Jörg Koch, CDU)

Die Erfahrung einer Pandemie ist durch Wegfallen sozialer Kontakte sehr schmerzhaft für Jugendlliche. Jugendliche sind eine Bevölkerungsgruppe, die sich missverstanden fühlt und müssen Teil der Lösung sein. Das Jugendparlament bietet sich gerne als Vermittler zwischen Anwohner und Jugendlichen an. (Daniel Usner, Vorstand Jugendparlament)

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Geschrieben in Worms und Ortsteile

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