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Niedergebrannte Mauern, zerstörte Leben

Reichspogromnacht 1938: Jüdische Gemeinde erinnert an nationalsozialistischen Terror

Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky, Gemeindevorsitzende Anna Kischner und Oberbürgermeister Michael Kissel gedachten gemeinsam mit zahlreichen Gästen der Progromnacht 1938 (von links). Foto: Florian Helfert

Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky, Gemeindevorsitzende Anna Kischner und Oberbürgermeister Michael Kissel gedachten gemeinsam mit zahlreichen Gästen der Pogromnacht 1938 (von links). Foto: Florian Helfert

VON FLORIAN HELFERT Der 9. November ist ein fester Bestandteil der Erinnerungskultur in Deutschland, denn während des Novemberpogroms 1938 wurden reichsweit jüdische Synagogen niedergebrannt. Sowohl an die Brandstiftung vor Ort in Worms als auch an die hiesigen Opfer der Nazi-Diktatur erinnerte am Donnerstagabend eine Gedenkveranstaltung in der Wormser Synagoge.

„Das Novemberpogrom von 1938 bildete nur einen vorläufigen Höhepunkt und umfasst mehr als nur brennende Synagoge“, erinnerte Anna Kischner als Vorsitzende der jüdischen Gemeinde auch an die geistige Brandstiftung – sowie an Auschwitz und den Holocaust. Zudem appellierte sie, dass gesellschaftlich – unabhängig von der Herkunft – weder Rassismus noch neuer Antisemitismus geduldet werden dürfe.

Brandstifter zündeten Synagoge zweimal an
Oberbürgermeister Michael Kissel rief ins Gedächtnis, dass die Brandstifter die Wormser Synagoge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 sogar zweimal heimsuchten. „Rabbiner Dr. Frank löschte gemeinsam mit Schülern und einigen Männern der Gemeinde den ersten Brand“, so das Stadtoberhaupt. Als die Brandstifter ein zweites Mal anrückten, stellte sich ihnen laut Kissel die jüdische Lehrerin Herta Mansbacher entgegen. „Vergeblich“, so Michael Kissel weiter, „sie wurde von SA-Leuten und Polizisten brutal zur Seite gestoßen“.

Mit dieser sogenannte Reichspogromnacht kippte Deutschland endgültig in eine nach Angaben des Oberbürgermeisters menschenverachtende Tyrannei. Wer Gewalt gegen eine religiöse oder ethnische Minderheit dulde oder gar fördere, stürze erst eine Minderheit und dann das gesamte Staatswesen ins Verderben. „Uns eint der Gedanke und der feste Wille“, so Kissel weiter“, dass sich Ereignisse wie damals niemals wiederholen dürfen.“ Folglich gelte es „gegen das Vergessen und gegen Angriffe auf jüdische Bürger oder andere Minderheiten aktiv vorzugehen.“

Couragierte Lehrerin
Als „Schule ohne Rassismus“ zeichneten anschließend die Schülerinnen und Schüler Nelly Granson, Selin Yasar und Eren Yayli für das Gauß-Gymnasium insbesondere das Leben der Wormser Lehrerin Herta Mansbacher nach. Statt zu flüchten, habe sie in ihrer Heimatstadt ausgeharrt und eine Liste all jener erstellt, welche ihres Wissens nach Worms als Personen jüdischen Glaubens verlassen hatten.

Wie die drei danach darlegten, habe sie aus dem Staatsdienst entlassen nur noch 15 jüdische Kinder unterrichten können. Nach ihrer Deportation sei sie letztlich vergast und auf einem Leichenhaufen verbrannt worden. „Wenn ich mir die Jugend von heute betrachte, zu denen ich selbst zähle, finde ich“, merkte Eren Yayli an, „dass wir solche Helden zu wenig ehren“.

Einladung zum Gespräch
Nach einem weiteren musikalischen Intermezzo des Duo Allegro bestehend aus Rolf Fritz am Klavier und Alexander Galushkin an der Geige sprach Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky das Kaddisch-Gebet. „Lassen Sie uns nicht gleich auseinandergehen“, beendete Oberbürgermeister Michael Kissel abschließend den offiziellen Part, „sondern lassen Sie uns jetzt noch miteinander ins Gespräch kommen.“

Foto: Florian Helfert

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