Sie sind hier: Home » Worms und Ortsteile » Solidarität als ureigenste Aufgabe
15.29 Uhr | 26. Juni 2020

Solidarität als ureigenste Aufgabe

DGB: 75 Jahre Wiedergründung der Gewerkschaften in Worms am 1. Juli / Gedenkfeier abgesagt

Bernhard Elz und Heiner Boegler vom DGB Stadtverband Worms erinnerten an die 75-jährige Wiedergründung der Wormser Gewerkschaften. Foto: Vera Beiersdörfer

Bernhard Elz und Heiner Boegler vom DGB Stadtverband Worms erinnerten an die 75-jährige Wiedergründung der Wormser Gewerkschaften. Foto: Vera Beiersdörfer

Die Deutschen Gewerkschaften waren eines der ersten Ziele nationalsozialistischer Gewalt nach der Machtergreifung. Bereits am 2. Mai 1933 stürmten SA und SS die Gewerkschaftshäuser des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), führten Verhaftungen durch und beschlagnahmten Häuser und Inventar. Viele Gewerkschafter wurden in der Zeit bis 1945 von den Nazis ermordet.

Wegen Corona abgesagt
Am 18. März 1945, noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs, gründeten Gewerkschafter im bereits befreiten Aachen den ersten freien Gewerkschaftsbund nach der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft.

Ihre Lehre aus den Jahren des Faschismus: Nie wieder darf sich die freie, demokratische Gewerkschaftsbewegung spalten lassen – die Geburtsstunde der Einheitsgewerkschaft.
In Rheinland-Pfalz war Worms die erste Stadt, in der Gewerkschaften gegründet wurden. Um das Jubiläum zu begehen, war ursprünglich eine Gedenkfeier „75 Jahre Wiedergründung der Gewerkschaften in Worms am 1. Juli 1945“ im LincolnTheater geplant. Aufgrund der Corona-Beschränkungen musste diese jedoch abgesagt werden.

Als Festredner hatten bereits der DBG-Bundesvorsitzende Reiner Hoffmann sowie die rheinland-pfälzische Arbeits- und Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler ihre Teilnahme bestätigt, auch Oberbürgermeister Adolf Kessel wollte ein Grußwort an die Gäste richten. Einen historischen Rück- und auch Ausblick sollten die Anwesenden von Dr. Klaus J. Becker vom Stadtarchiv Ludwigshafen erhalten.

Anstelle der schweren Herzens abgesagten Gedenkfeier hatten Bernhard Elz, Vorsitzender DGB Stadtverband Worms, und Vorstandsmitglied Heiner Boegler am vergangenen Mittwoch zu einer Pressekonferenz geladen, um auf diesem Wege die wesentlichen Ereignisse der Nachkriegszeit zu übermitteln.

Hinrichtung Wilhelm Leuschners
„Die Einheit der Gewerkschaftsbewegung war auch ein Vermächtnis und ein Gedenken an die im Widerstand gegen die Nazis inhaftierten und ermordeten Gewerkschafter“, erläuterte Bernhard Elz. „Kaum ein Name ist damit so sehr verbunden, wie der von Wilhelm Leuschner, der am 29. September 1944 wegen seiner Beteiligung an den Planungen zum Attentat auf Hitler hingerichtet wurde. Seinen Appell an seine Mitstreiter in den Gewerkschaften formulierte er einen Tag vor seiner Hinrichtung folgendermaßen `Morgen werde ich gehängt, schafft die Einheit!´“

Erhalten und verbessern
Am 8. Mai 2020 jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs und damit die Befreiung Deutschlands vom Faschismus zum 75. Mal.
Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! Das ist für den DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften auch heute noch Verpflichtung. „Wir sehen die Aufgabe des DGB darin, bestehende Arbeitsbedingungen für die Arbeitnehmerschaft zu erhalten bzw. zu verbessern.
Dafür haben wir in den vergangenen Jahrzehnten einiges bewirkt und natürlich leider auch einige Niederlagen einfahren müssen“, erläuterte Heiner Boegler im Gespräch mit dem NK. Die aktuell zutage getretenen Missstände nach dem Corona-Ausbruch bei Fleischfabrikant Tönnies zeigten, dass das Einstehen für faire Arbeitsbedingungen nicht nachlassen dürfe. „Das Thema Leiharbeit beschäftigt uns bereits seit vielen Jahren. Am Beispiel Tönnies wird deutlich, welche Folgen das undurchsichtige System von Leiharbeit und Subunternehmen haben kann“.

Wie gewonnen, so zerronnen
Weitere Mängel, deren Änderung man sich verpflichtet fühle, seien u. a. der Mindestlohn, die drohende Altersarmut und die Ungleichheit bei der Bezahlung von Männern und Frauen. „Statistiken belegen, dass Arbeitnehmerinnen rund 21 Prozent weniger verdienen“, so Bernhard Elz. Diese Ungerechtigkeit trete vor allem in Betrieben ohne Tarifbindung auf. „Es ist ein Unding, dass in puncto Bezahlung Geschlechterunterschiede gemacht werden. Gleiche Arbeit sollte gleicher Lohn bedeuten“, ergänzte sein Kollege Boegler.

„Wir werden uns auch künftig für Benachteiligte engagieren.
Der ureigenste Auftrag der Gewerkschaften ist die Solidarität, denn ohne diese kann eine Gesellschaft nicht existieren“, appellierte Boegler auch an Arbeitnehmer nicht zu resignieren und Missstände einfach hinzunehmen, sondern dafür einzutreten, diese zu ändern. „Sonst heißt es schnell ‚wie gewonnen, so zerronnen‘, nannte Boegler Beispiele, welche Betriebsschließungen und damit einhergehende Arbeitsplatzverluste er in seiner Zeit als Gewerkschafter in der Nibelungenstadt bedauer­licherweise miterleben musste. „Ein herber Schlag war sicherlich die Schließung der Brauerei 1978, aber ich erinnere mich ebenfalls ungern an das Ende der Produktion in den Kübel-Werken oder das Aus der Rheinmöve und viele mehr“, so Heiner Boegler.

Mit der Währungsreform 1948 habe sich sich vieles für die Gewerkschaften gedreht, sei es zunächst vorrangig der Versorgungsauftrag gewesen, ging es später verstärkt darum, qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen. Auch heute ist ein Wandel im Gange, so arbeiten viele Arbeitnehmer coronabedingt im Homeoffice, zahlreiche Betriebe mussten Kurzarbeit anmelden.
„Wir dürfen daher nie aufhören zu hinterfragen, welche die Aufgaben sind, die wir als Gewerkschaftsbund angehen müssen“, waren sich Vorsitzender und Vorstandsmitglied des DGB-Stadtverbandes Worms abschließend einig.

Beitrag teilen Facebook Twitter

Geschrieben in Worms und Ortsteile

Kommentare sind geschlossen