
Von Florian Helfert › 97 Prozent der Patienten werden in den Praxen der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten mit ihren über 800.000 Angestellten versorgt, so Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Für ihn wäre es nur folgerichtig, diejenigen zu stärken, welche all dies stemmen würden. Doch das vom Bundesministerium für Gesundheit geplante GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, dessen zweite Lesung im Parlament nunmehr um zwei Wochen verschoben worden ist, spare im ambulanten Bereich überproportional hoch.
Gegenwind kommt auch von den Kassenärzten und Psychotherapeuten aus Rheinland-Pfalz: Auf der Vertreterversammlung ihrer Kassenärztlichen Vereinigung (KV RLP) verabschiedeten sie einstimmig eine Resolution: Gekürzte Einnahmen und gedeckelte Budgets würden zu Kürzungen der Leistungsangebote in der ambulanten Versorgung als Rückgrat des Gesundheitssystems führen.
„Wer Patientinnen und Patienten unter diesen Bedingungen ein unbegrenztes Leistungsversprechen macht, der lügt!“, heißt es seitens der KV RLP in Richtung Politik. Ein Beispiel sei die pauschale Kürzung der psychotherapeutischen Leistungen.
Mit einem offenen Brief und 1.812 unterschriebenen Postkarten haben ebensolche Vertreter der psychotherapeutischen, psychiatrischen und psychosozialen Versorgung Gesundheitsminister Clemens Hoch auf die Folgen geplanter Einschnitte hingewiesen. Der Brief wird von 107 Psychotherapeuten und Psychiatern sowie weiteren Fachpersonen aus Worms und der Region getragen.
Ihre Botschaft ist deutlich: „Wir erleben jeden Tag Menschen, die monatelang auf Hilfe warten. Viele Praxen arbeiten am Limit, manche können längst niemanden mehr aufnehmen. In einer solchen Situation weitere Kürzungen vorzunehmen, ist nicht nachvollziehbar“, erklären die Initiatorinnen Dr. Christiane Heimlich und Mariori Genitsariotis – zumal der Bedarf an psychotherapeutischer und psychiatrischer Unterstützung kontinuierlich ansteige.
„Die geplanten Kürzungen bedeuten einen Einschnitt von bis zu 25 Prozent in die psychotherapeutische Versorgung, also jeder vierte Therapieplatz würde wegfallen“, so Dr. Heimlich. „Erkrankungen, die wir behandeln, verursachen enorme gesellschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit, Frühberentung, stationäre Behandlungen und Pflegebedürftigkeit“, ergänzt Genitsariotis. Die Stabilität von Familien, Schulen, Betrieben und sozialen Einrichtungen hänge auch davon ab, dass Menschen in psychischen Krisen rechtzeitig Hilfe erhalten.
Wer ambulante Angebote schwäche, belaste zwangsläufig andere Bereiche des Gesundheitssystems. Fielen Behandlungsangebote weg oder würden reduziert, seien die Folgen häufig erst Monate oder Jahre später sichtbar – dann jedoch umso gravierender. Die Kosten würden also nur verlagert – in Kliniken, Sozialversicherungssysteme, Jugendhilfen, Schulen und Familien.
Dass die Sorge um die Versorgung weit über die Fachwelt hinausgeht, zeigte sich auch an der Resonanz der Bürger. Innerhalb kurzer Zeit kamen 1.812 Postkarten zusammen, die mit dem offenen Brief übergeben wurden. Bei jener Übergabe würdigte Gesundheitsminister Clemens Hoch sowohl die Argumente der Initiative, als auch die Art und Weise, wie diese vorgetragen wurden.
„Der Entwurf im Beitragssatzstabilisierungsgesetz zur Budgetierung der Psychotherapie geht in eine falsche Richtung, da Psychotherapie eine wichtige Präventionsmaßnahme darstellt, um stationäre Aufenthalte zu vermeiden. Durch diese Prävention werden langfristig massiv Kosten eingespart. Außerdem brauchen wir endlich eine Reform der Bedarfsplanung“, stellte sich der Minister öffentlich hinter zentrale Kritikpunkte der Initiative aus Worms.
Die KV RLP möchte eine verlässliche und am realen Bedarf ausgerichtete Finanzierung der ambulanten Versorgung. Kritik entzündet sich auch daran, dass gesamtgesellschaftliche Aufgaben weiterhin über die Beitragszahler der gesetzlichen Krankenversicherung quersubventioniert werden. Sogenannte versicherungsfremde Leistungen, u.a. die Krankenversicherung von Bürgergeldempfängern, gehen laut dem Fachverband einseitig zu Lasten der gesetzlich Versicherten. Darüber hinaus fordert auch die KV eine stärkere Gesundheitsvorsorge und Prävention.
Der offene Brief aus Worms appelliert, zu erwartende Mehrkosten durch Chronifizierung, stationäre Aufenthalte, Arbeitsausfälle und Erwerbsminderungen als Folgenabschätzung der Reform transparent darzustellen. „Und wir fordern eine ernsthafte Einbindung der Fachverbände und Versorgungseinrichtungen in die weiteren Beratungen. Wer tief in die Versorgungsstruktur eingreift, muss diejenigen anhören, die deren Folgen täglich tragen“, heißt es ferner im offenen Brief aus Worms.
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