So., 08. Juli 2018, 16:45 Uhr
Arbeitskreis 9. November: Besuch jüdischer Nachfahren in Osthofen / Gedenken an Opfer des Holocaust
Bewegende Momente für die Gäste
Anlässlich der Buchvorstellung „Die Juden vom Altrhein“ von G. Hannah, M. und H.-D. Graf kamen auch drei Nachfahren der Osthofener Familie Hilda und Felix Herz zu Besuch. Der Arbeitskreis 9. November der Stadt Osthofen nahm dies zum Anlass, die Tochter und die beiden Enkelinnen von Rudolph Herz nach Osthofen einzuladen.
Inga May holte die drei US-Amerikanerinnen in Mainz ab und begleitete sie nach Osthofen. Die Arbeitskreis-Mitglieder Birgit Jäger, Veronika Schwarz, Otto Ohnacker, Bernd Bänfer und Joseph Veith empfingen die Gäste sehr herzlich in Osthofen. Gemeinsam führten sie die Gäste durch den Wohnort der Vorfahren. Eines der ersten Ziele war die heutige Volksbank, wo früher das Haus der Familie stand. Hier wohnten Hilda mit ihren 5 Kindern bis Anfang 1938. Felix Herz war in 1933 gestorben. Der Tochter Erna sowie den Söhnen Karl Herbert, Rudolph und Lothar gelang die Flucht vor der zunehmenden Repression. Sie bauten sich in den USA neue Existenzen auf. Die Mutter Hilda Herz und der jüngste Sohn Werner wurden Opfer des Holocaust. Sie waren zusammen mit 74 weiteren Juden von Worms aus im März 1942 in einem Sammeltransport nach Piaski (Polen) deportiert worden.
Joan Kamens ist die Tochter von Rudolph Herz; mit dabei waren ihre Töchter Lindsey und Elizabeth. Es waren sehr bewegende Momente für die Gäste. Die Führung orientierte sich an Alfred Müllers Skizze, auf der er 1993 darstellte, wo in seiner Jugendzeit jüdische Familien wohnten. So zeigten wir in der Schwerdstraße, der Carlo-Mierendorff-Straße, der Friedrich-Ebertstraße und Ludwig-Schwamb-Straße vierzehn „jüdische“ Häuser. Besucht wurde der Ort der ehemaligen Synagoge und man hielt an der Gedenktafel am evangelischen Gemeindehaus an. Bürgermeister Goller empfing die Gruppe im Ratssaal mit einem kühlen Getränk an diesem warmen Vormittag. Den Gästen überreichte er eine Flasche Osthofener „Rebensaft“. Dort sahen sie die Fotos der zerstörten Synagoge und eine Kopie des Bildes, das Wilfried Saur von der Synagoge gemalt hat. Beim gemeinsamen Mittagessen begrüßte auch der Beigeordnete Günter Sum die Gäste.
Dankbar für Aktivitäten und jedes „Puzzelsteinchen”
Familie Kamens hatte am Vortag auf dem Jüdischen Friedhof schon das Grab von Felix Herz besucht. Für Joan und Lindsey Kamens war dies der erste Besuch in Deutschland, für Elizabeth der zweite. Sie hat vor einiger Zeit an einer ausgiebigen Studienreise nach Berlin und Worms teilgenommen, welche ihr Interesse für das jüdische Leben in Deutschland und speziell für die Vorfahren geweckt hat. Ihre Mutter und Schwester wurden durch den Besuch „infiziert“ und haben weitere Nachforschungen und Besuche angekündigt. Sie sind sehr interessiert an den Aktivitäten des Arbeitskreises 9. November und dieser an jedem „Puzzle-Steinchen“, das das Wissen über das Leben der jüdischen Bürger in Osthofen ergänzt. Ihnen war es wichtig hervorzuheben, wie sehr Rudolph, Lothar, Erna und Karl Herbert darunter litten, dass es ihnen nicht gelungen war, die Mutter und den jüngsten Bruder vor dem Holocaust zu retten. Sie zeigten uns eine Postkarte, in der die Mutter aus dem Sammellager Piaski in Polen die Familie um Lebensmittel-Sendungen nach Polen bittet. Sie hoben aber auch hervor, dass Rudolph und seine Geschwister nie ihre deutsche Herkunft verleugneten, sondern Zeit ihres Lebens gern an deutschen Gewohnheiten festhielten und sie sogar an die nächste Generation bewusst weitergaben. So fühlten sich die Gäste ausgesprochen wohl in der Heimat der Vorfahren.
Joans Eltern hatten 1967 Deutschland und auch Worms besucht. Rudolph war außerdem Mitglied eines US-amerikanischen Komitees, das den Wiederaufbau der Wormser Synagoge unterstützte. Worms war der letzte Wohnort der Familie, bevor Erna, Karl Herbert, Lothar und Rudolph die Flucht antraten bzw. bevor die Mutter Hilda und der Bruder Werner deportiert wurden. Die Namen der beiden zuletzt genannten findet man auf der Gedenktafel für die Wormser Opfer des Holocaust in der Wormser Synagoge.