Mo., 24.08.2026
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  • Die Könige von Neuengland

    Was ein Satz darüber verrät, wie Menschen wachsen
    „Gute Nacht, ihr Prinzen von Maine, ihr Könige von Neuengland.“
    Es ist einer dieser Sätze, die einen Film überleben.
    In „Gottes Werk & Teufels Beitrag“ sagt Dr. Wilbur Larch diesen Satz am Abend zu den Jungen im Waisenhaus. Kinder, die vieles sind, aber gewiss keine Prinzen und Könige.
    Zumindest nicht nach den Maßstäben der Welt.
    Viele von ihnen haben früh eine Erfahrung gemacht, die tiefer reicht als materieller Mangel: Sie wurden nicht gewählt. Niemand hat gesagt: Dich möchte ich. Du gehörst zu mir.
    Und ausgerechnet diesen Kindern sagt jemand jeden Abend, sie seien Prinzen und Könige.
    Warum berührt uns das?
    Vielleicht weil darin eine Wahrheit über Kommunikation steckt, die wir im Alltag leicht übersehen.

    Menschen hören nicht nur, was wir sagen

    Sie hören auch, wer sie in unseren Augen sind.
    Wir glauben häufig, Kommunikation bestehe darin, Informationen von einem Menschen zu einem anderen zu transportieren.
    Doch Kommunikation tut sehr viel mehr.
    Mit unserer Sprache ordnen wir Menschen ein. Wir trauen ihnen etwas zu oder eben nicht. Wir machen sie größer oder kleiner. Wir öffnen Möglichkeiten oder schließen sie.
    Ein Vater, der seinem Kind immer wieder sagt: „Du bist eben nicht gut in Mathematik“, beschreibt irgendwann möglicherweise keine Wirklichkeit mehr. Er hilft dabei, eine zu erschaffen.
    Eine Führungskraft, die einem Mitarbeiter signalisiert: „Das traue ich Ihnen zu“, überträgt nicht nur eine Aufgabe. Sie verändert möglicherweise dessen Bild von sich selbst.
    Und ein Trainer, der in einem unsicheren Teilnehmer bereits eine Fähigkeit erkennt, die dieser selbst noch nicht sehen kann, vermittelt mehr als eine Methode.
    Er leiht ihm für einen Moment seinen Blick auf ihn.

    Wir wachsen auch im Blick der anderen

    Der amerikanische Soziologe Charles Horton Cooley prägte dafür bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein faszinierendes Bild: das „Looking-Glass Self“.
    Vereinfacht gesagt entwickeln wir einen Teil unseres Selbstbildes dadurch, wie wir glauben, dass andere uns sehen.
    Wir betrachten uns im Spiegel unserer Mitmenschen.
    Das erklärt, warum manche Sätze Jahrzehnte überleben.
    „Aus dir wird nie etwas.“
    „Dafür bist du nicht gemacht.“
    Aber eben auch:
    „Ich glaube, dass du das kannst.“
    „Ich traue dir das zu.“
    „Du hast etwas Besonderes.“
    Solche Sätze sind nicht einfach Schallwellen. Sie können Teil einer inneren Erzählung werden.
    Und diese Erzählung beeinflusst, was ein Mensch sich zutraut.

    Das ist keine Einladung zur Schönfärberei

    Natürlich wäre es falsch, Menschen Fähigkeiten einzureden, die sie nicht besitzen.
    Wertschätzung bedeutet nicht, die Wirklichkeit zu leugnen.
    Gute Kommunikation macht aus einem Menschen keinen König, indem sie ihm eine Krone aufsetzt.
    Sie behandelt ihn so, dass er seine Möglichkeiten erkennen kann.
    Das ist ein entscheidender Unterschied.
    Wer Menschen führen, unterrichten, erziehen oder trainieren will, trägt deshalb eine Verantwortung, die weit über die Wahl der richtigen Worte hinausgeht.
    Die entscheidende Frage lautet nicht nur:

    Was sage ich diesem Menschen?

    Sondern:

    Welche Geschichte über sich selbst könnte dieser Mensch aus meinen Worten machen?

    Führung beginnt mit einem Menschenbild

    Das gilt besonders für Führung.
    Wer Mitarbeiter im Grunde für bequem, unzuverlässig oder wenig belastbar hält, wird anders mit ihnen sprechen als jemand, der ihnen Entwicklung zutraut.
    Das Menschenbild findet seinen Weg in die Stimme.
    In die Fragen.
    In das Feedback.
    In den Blick.
    Manchmal sogar ins Schweigen.
    Menschen besitzen feine Antennen dafür, ob jemand wirklich etwas von ihnen erwartet oder lediglich die richtigen Führungssätze gelernt hat.
    Deshalb kann man Wertschätzung auch nur begrenzt trainieren.
    Die Formulierungen schon.
    Die Haltung dahinter muss tiefer reichen.

    Worte können Räume öffnen

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Schönheit dieses Satzes aus dem Film.
    Dr. Larch sagt den Jungen nicht, dass ihr Leben einfach werden wird.
    Er verspricht ihnen keine Zukunft.
    Er behauptet nicht einmal, dass die Welt gerecht sei.
    Er gibt ihnen etwas anderes.
    Würde.
    Für einen kurzen Moment definiert nicht ihre Herkunft, nicht ihr Status und nicht die Tatsache, dass sie in einem Waisenhaus schlafen, wer sie sind.
    Jemand sieht mehr in ihnen.
    Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Aufgaben guter Kommunikation:
    Menschen nicht auf das festzulegen, was sie gerade sind.
    Sondern ihnen einen Raum zu lassen für das, was sie noch werden können.
    Denn wir beschreiben Menschen mit unseren Worten nicht nur.
    Manchmal helfen unsere Worte ihnen dabei, zu werden, wer sie sein könnten.
    Vielleicht braucht deshalb jeder von uns hin und wieder einen Menschen, der den König in uns sieht, lange bevor wir selbst eine Krone erkennen können.
     
    Herzlichst 
    Dein Freund 
     

    Patric P. Kutscher 
    Journalist | Publizist | Speaker
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