
Am vergangenen Donnerstag fand im DRK-Berufsbildungswerk eine Fachtagung zum Thema „Interkulturelle Sozialisation – Erziehung im Kontext von Kultur und Zuwanderung“ statt. Dass Erziehung im Familienkontext und Primarbereich immer noch hauptsächlich Frauensache ist, war der Grund für die beiden Organisatorinnen – die städtische Migrations- und Integrationsbeauftragte Elisabeth Gransche und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Worms, Veronik Heimkreitner - diese Veranstaltung gemeinsam auszurichten. Erfreulich war die große Nachfrage von Fach- und Leitungskräften, die mit rund 45 Teilnehmern deutlich signalisierte, dass aus Fachkreisen ein hoher Bedarf an Veranstaltungen dieser Art besteht. Die Fachtagung begann mit einem wissenschaftlich fundierten Vortrag von Prof. Dr. Havva Engin, der Leiterin des Heidelberger Zentrums für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik. Im Anschluss knüpfte Aysel Mollaogullari, Sozialarbeiterin in Ludwigshafen, thematisch an den Vortrag an und berichtete aus ihrem Praxis-Alltag. Prof. Dr. Havva Engin thematisierte in ihrem Vortrag kulturell bedingte Sozialisationsunterschiede - meist muslimischer Familien – und konnte anhand praktischer Beispiele aufzeigen, dass die Erziehungsvorstellungen muslimischer Eltern oftmals nicht mit westlichen Vorstellungen übereinstimmen. Das Konzept der "guten Mutter" sei beispielsweise grundverschieden und führe in der Praxis nicht selten zu Irritationen und Unverständnis auf beiden Seiten. Für Gleichstellungsbeauftragte Veronik Heimkreitner war bei diesem Thema die geschlechtsspezifische Erziehung in den Migrantenfamilien ein wichtiger Aspekt. Engin berichtete von den traditionellen Rollenerwartungen, die je nach Herkunftsland bei Migranten wesentlich stärker von alten Rollenbildern dominiert sind, als dies in westlichen Ländern mittlerweile der Fall ist.
Der Dialog und das Werben für gegenseitiges Verständnis sei oftmals der Schlüssel zum Erfolg. Wie Engin betonte, müssen andere Interventionsformen angeboten werden als bisher. Aufsuchende Arbeit sei vielfach erfolgreicher als die bloße Bereitstellung von Angebotsstrukturen. Bildungspartnerschaften mit den Eltern und die Investition in primäre Bildung seien aus diesem Grund der wichtigste Ansatzpunkt. Dass die Handlungsempfehlungen aufgrund der Vielfalt von Kultur- und Sozialmilieus wage und optional bleiben und es keine Integrationsrezepte geben kann, unterstrich Integrationsbeauftragte Elisabeth Gransche mit dem Hinweis auf die sogenannte Sinusstudie, die unter dem Aspekt der schichtspezifischen Sozialisation den Einfluss von Migration reduziert und die Bedeutung der Bildung als Integrationskatalysator bestätigt. Aysel Mollaogullari berichtete aus der Perspektive ihrer Tätigkeit als Sozialarbeiterin anschaulich über die Heterogenität und Widersprüchlichkeit der Integrationsbemühungen. Auch sie warb für den gegenseitigen Dialog und den Aufbau von Beziehungen und sprach sich zugleich auch für klare Grenzen aus. Die richtige Balance zwischen Fördern und Fordern sei der Weg zu einer positiven Integration. Die teilnehmenden Fachkräfte hatten ausreichend Gelegenheit, sich untereinander und mit den Referentinnen auszutauschen. Die Veranstalterinnen lobten im Einklang mit Referentinnen und Teilnehmenden Inhalt und Atmosphäre der Veranstaltung.
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