
Von Rudolf Uhrig › „Oh, by the way: The same procedure as last year, Miss Sophie?“ Was für eine überflüssige Frage! Das Traubenblütenfest in Westhofen wurde an diesem Wochenende zum 75. Male gefeiert. Und ja, wie im Jahr zuvor – und wie im Jahr zuvor. Es ist wie ein alter Wein, der sich durch ein komplexes Zusammenspiel aus Reifearomen, weicheren Tanninen und einer ausbalancierten Säure auszeichnet. Natürlich erfuhr das Traubenblütenfest im Laufe der Jahrzehnte Änderungen, aber die hohe Grundqualität blieb.
Den Feiertag am Donnerstag nutzten der ausrichtende Heimatverein und die Winzer bereits zur Weinprobe. Natürlich in der Kellergasse. In der Otto-Hahn-Schule wurden dann am Freitagabend, wie alljährlich, die scheidenden Weinmajestäten verabschiedet. Der Blick von Katja Klemmer, der Vorsitzenden des Heimatvereins, ging aber diesmal aufgrund des markanten Jubiläums weit zurück. Sie erinnerte an Begebenheiten und Ereignisse in der ihr eigenen humorvollen Art.
Dann zog der große Tross der vielen Weinmajestäten aus Nah und Fern zum Kelterstein am Eingang der historischen Kellergasse. Auch da, alles wie gehabt. Es folgte die Inthronisation der neuen Königin und zweier neuer Prinzessinnen. Lara I. trägt die 52 Jahre alte Krone, ihre Schwester Lilly, wie deren Freundin Dara, das etwas zierlichere Krönchen. Mit dem Tanz der neuen Majestäten und Honoratioren in der Kellergasse war nun das 75. Traubenblütenfest – offiziell – eröffnet.
Zu später Stunde aber folgte alles dem dominanten, rhythmischen Vorwärtsdrang der repetitiven Beats der DJs. Die Reise in die Welt von House und Techno riss die Jugendlichen mit. Die altehrwürdige Kellergasse wurde schlichtweg zum Club „umfunktioniert“. Und wer noch eins draufsetzen wollte, begab sich in die ungefilterte Anarchie mit eingebauter Knautschzone – die bunt blinkende Arena der Autoscooter. Hier gilt: Wer bremst, verliert. Wer rammt, gewinnt.
Seriös und geschichtlich tiefgreifend wurde es dann am Samstag, als Katja Klemmer und ihre Mitstreiter vom Heimatverein in die Unterwelt, zum Rundgang in die Keller der Kellergasse, einluden. Insgesamt zwölf Gewölbe bilden ein weitverzweigtes, teilweise übereinanderliegendes Kellersystem, das schon um 1600 erwähnt wurde und ursprünglich miteinander verbunden war. Die Luftschächte des Kellersystems enden mitten im Ort, beispielsweise bei den markanten Linden vor dem katholischen Pfarrhaus. Gruselig wurde es, so erzählte es die junge Dame den Gästen, am 3. Oktober 1981. An diesem Tag stießen Bauarbeiter bei Renovierungsarbeiten in der katholischen Kirche zufällig auf einen unterirdischen Hohlraum, wo sie ein historisches Beinhaus fanden, das jahrhundertelang im Verborgenen lag und die Gebeine von schätzungsweise 3.000 Menschen beherbergt. Die Westhofener verschlossen alles und gewährten weiterhin die Totenruhe, so berichtet Katja Klemmer versiert.
Mit 33 Zugnummern schlängelte sich dann am Sonntagnachmittag der große Umzug durch den Ort, unter dem Motto „Die Zeit vergeht, das Fest besteht – es bleibt der Wein!“
Und das könnte auch gut der Wahlspruch für das nächste, und nächste und nächste Jahr sein!
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