Mit dem Wormser Sinto Stefan „Männi“ Köcher aus dem Nordend ist der letzte Zeitzeuge der mörderischen NS-Deportation von 80 anderen Sinti aus Worms jüngst verstorben.
Stefan Köcher und seine Mutter Marie Köcher wurden am 16. Mai 1940 um vier Uhr morgens verhaftet und quer durch die Stadt zum Bahnhof eskortiert; von dort ging es nach Hohenasperg in ein „Sammellager“ für Sinti und Roma aus Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Bei dieser Deportation wurden wenige Tage später circa 2.400 Sinti, mit Ausnahme von Stefan Köcher, am 22. Mai vom Bahnhof Hohenasperg in Vernichtungslager, unter anderem nach Auschwitz, verschleppt und ermordet.
Stefan Köcher und seine Mutter überlebten und kamen zurück nach Worms. Im ersten Fall 1940, weil die Mutter nicht unter die NS-Rassengesetze fiel. Im zweiten Fall 1944, weil sein Stiefvater Franz Köcher, der an der Front kämpfte und ihn später adoptierte, ein Telegramm an die Wormser Polizei schickte, sodass seine Mutter und er bei Jena aus dem Zug geholt und nach Worms zurückgeschickt wurden.
Vor diesem prägenden Hintergrund kämpfte der Überlebende des Holocaustes inbrünstig gegen Antiziganismus. Obwohl er sich sein Leben lang gegen Diskriminierung und Rassismus wehren musste, schaute er immer unverzagt nach vorne. Selbst als begeisterter Fußballschiedsrichter erlebte er immer wieder Rassismus und Diskriminierung.
Doch „Männi“, wie alle Freunde ihn liebevoll nannten, ließ sich nicht entmutigen – so stand er bei Demonstrationen gegen Rechts immer wieder an vorderster Linie. Er setzte sich auch für die Idee einer Gedenkstätte für im Nationalsozialismus verschleppte und ermordete Juden sowie Sinti und Roma am alten Wormser Güterbahnhof ein. Stefan „Männi“ Köcher überlebte den Holocaust und engagierte sich zeitlebens für eine freiheitliche-demokratische Gesellschaft.
Besonders am Herzen lag ihm die Zukunft und das Leben seiner Familie. Zwischen ihm, seiner bereits 2002 verstorbenen Ehefrau Katherina und seinen drei Kindern Stefan, Jane und Sissi bestand eine innige Beziehung. Für diese arbeitete und kämpfte er sein ganzes Leben, denn sie sollten es besser haben als er.
Im Kreise seiner Familie schloss er am 9. Dezember für immer die Augen. Bei der Beisetzung zehn Tage später nahmen circa 300 Personen teil, um „Männi“ die letzte Ehre zu geben.
Es sprachen der ehemalige Vorsitzende der Sinti und Roma Rheinland-Pfalz, Jacques Delfeld Senior, Oberbürgermeister Adolf Kessel, Jörg Michel vom Kreisschiedsrichterverband und Carlo Riva als langjähriger Freund der Familie. Musikalisch begleiteten Benjamin Müller und „Meiki“ sowie die Sängerin Hanna Czarnecka die Trauerfeier. Dompropst Tobias Schäfer übernahm die Trauerrede.
Beitrag aus der Rubrik