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Mi., 01. Januar 2014, 14:28 Uhr
Der Abschied von Harold Kreis zeichnete sich bereits vor Jahresfrist ab / Stationen der Eishockey-Ikone in der Quadratstadt
Nachbetrachtung zum Ende der Ära „Kreis“ in Mannheim
Harold Kreis (rechts) auf seiner letzten Pressekonferenz als Adler-Trainer nach dem verlorenen Spiel gegen Wolfsburg. Foto: Gernot Kirch
Von Gernot Kirch Die Entlassung von Harold Kreis als Trainer bei den Mannheimer Adlern erfolgte am Dienstagmittag, dem 31. Dezember. Die endgültige Entscheidung ist wohl zwischen Manager Teal Fowler und Gesellschafter Daniel Hopp irgendwann in der Nacht, nach dem 0:5 Debakel gegen Wolfsburg gefallen. Den letztendlichen Ausschlag gaben die beiden derben Heimschlappe mit 2:5 gegen Iserlohn am 28. Dezember und gegen Wolfsburg am 30. Dezember mit 0:5 Toren. Doch bereits seit längerem wurde über eine Trennung in Medien und Öffentlichkeit diskutiert. Die Adler waren in der diesjährigen DEL-Saison nie so richtig ins Laufen gekommen. Nach einer schwachen European Trophy in der Saisonvorbereitung waren auch die Leistungen im Punktspielbetrieb durchwachsen. Zumindest, wenn man wie Mannheim mit einem teuren Top-Kader um den Titel mitspielen will. Schon im ersten Match der Saison quälten sich die Adler nur zu einem mühsamen 2:1 Heimerfolg gegen Aufsteiger Schwenningen. Und diese Leistung sollte symptomatisch für ganze, bisherigen Spielzeit 2013/14 sein.
Schwaches Powerplay
Wie roter Faden zogen sich nun bald zwei Faktoren durch den Saisonverlauf der Adler, die Harold Kreis nie in den Griff bekam. Dies war einerseits die Schwäche im Überzahlspiel. Hier sind die Adler inzwischen das schlechteste, sprich erfolgloseste DEL-Team. Aber nicht genug damit, dass die Adler keine Tore mehr in Überzahl schießen, sie kassieren sogar noch welche, insgesamt sieben Stück im Laufe der bisherigen Spielzeit. Wenn man bedenkt, dass die meisten Spiele - besonders in den Play-Offs - durch Über- und Unterzahlsituationen entschieden werden, war abzusehen, dass die Adler in den Play-Offs nicht weit kommen würden. Harold Kreis vermochte es nicht, an diesem Problembereich etwas zu ändern. Viel zu lange hielt er an seinen Formationen fest, anstatt Umstellungen bei Personal und Taktik vorzunehmen.
Ineffizienter Sturm
Das zweite große Manko der Adler in dieser Saison ist die Tatsache, dass der Aufwand, den die Adler, speziell die Stürmer betreiben, in keinem Verhältnis zu den wenigen geschossen Toren steht. Und dies war nicht in einem oder in zwei Spielen der Fall, sondern dies war von Spieltag zu Spieltag bittere Realität, ohne dass sich etwas änderte. Man muss hier exemplarisch nur auf die letzten beiden Partie schien. Im Spiel gegen Wolfsburg am 30. Dezember schossen die Adler 47 mal aufs Gehäuse der Grizzlys und erzielten keinen einzigen Treffer, Wolfsburg schoss nur 30 mal aufs Mannheimer Tor und markierte fünf Treffer. Ähnliches gilt für die Paarung gegen Iserlohn. Mannheim schoss 34 mal auf Roosters-Gehäuse und markierte zwei Treffer, die Sauerländer schossen 28 mal auf den Mannheimer Kasten und machten fünf Tore. Die Adler spielen viel zu kompliziert, ständig wird der Nebenmann gesucht und ein Querpass gespielt, anstatt den schnellen Abschluss zu suchen. Die Mannheimer Kufencracks fahren ständig hinters gegnerische Tor, um von den dort den Puck zu verteilen, anstatt darauf zu zuhalten. Viele der Techniker im Team wollen den Puck ins Tor zaubern. Harold Kreis schaffte es nicht, hier eine andere Spielweise und Denke bei den Cracks zu implementieren. Die Frage ist, wollte oder konnte er sich hier nicht durchsetzen. Aber egal, welches von beiden die Antwort ist, es stellt ihm kein gutes Zeugnis aus.
Ratlosigkeit
Natürlich steht der Trainer nicht auf dem Eis und kann nicht selbst die Tore schießen und die Mannschaft hier von der Schuld freizusprechen und alles bei Coach Harold Kreis abzuladen, wäre falsch. Genauso falsch übrigens wie zu glauben, ab Januar liefe mit einem neuen Trainer alles wie von selbst. Aber Fakt bleibt, Harold Kreis vermochte es nicht mehr, dem Team neue Impulse zu geben, das System anzupassen und taktische Schachzüge bei Powerplay und Offensivspiel einzubauen. Er wirkte hier ratlos. Wobei dies genauso die Schuld der Spieler ist. Aber jedem im Umfeld der Adler war bewusst, nur wenn das Überzahlspiel wieder ins Rollen kommt und die Stürmer endlich den direkten Weg zum Tor finden, hat Mannheim eine Chance um den Titel mitzuspielen.
Tischtuch zerschnitten
Der Knackpunkt, der für Harold Kreis aber wohl das Ende bedeute, er und Teile der Mannschaft sprachen nicht mehr die selbe Sprache, das Tischtuch war zerschnitten und eine Kommunikation kaum mehr möglich. Wie sollte da eine weitere Zusammenarbeit funktionieren? Spätestens als Harold Kreis auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Wolfburg am 30. Dezember den Spieler Mike Vernace persönlich für das 0:1 und Yanick Lehoux für das 0:2 verantwortlich machte, schien er innerlich kapituliert zu haben, zumindest aber bestand nun eine klare Frontstellung. Denn er stellte sich nicht mehr vor seine Spieler, sondern griff sie an bzw. nannte „Ross und Reiter“. Als der er auf der Pressekonferenz sagte: Wo sind meine Ausländer? Ich habe sie kämpferisch und auf dem Eis nicht gesehen“, war klar, ein Zurück zu einem normalen Miteinander würde es nicht geben. Entweder würde der Trainer oder Teile der Mannschaft bzw. einige Spieler gehen müssen. München wählte hier vor einigen Wochen übrigens den andern Weg und feuerte Spieler, nicht so aber Mannheim. Und so war die Trennung zwischen den Adlern und Harold Kreis am 31. Dezember nur die logische Fortsetzung dessen, was sich auf der Pressekonferenz mit einem wütenden Harold Kreis abgezeichnet hatte.
Trennung überfällig
Schaut man auf die bisherige Saison war die Trennung längst fällig und wäre wohl auch schon früher gekommen, hätte es sich nicht um Harold Kreis gehandelt, einer Eishockey-Ikone in Mannheim, dessen legendäre Nummer „3“ unter dem Dach der SAP-Arena hangt und nie mehr vergeben werden darf. Ein paar Zahlen verdeutlichen, was Harold Kreis für Mannheim bedeutet. Insgesamt bestritt er 891 Matches für die Adler bzw. den Vorgängerverein, den MERC. 1980 und 1987 gewann er als Spieler die Deutsche Meisterschaft mit Mannheim und 1998 und 199 feierte er als Adler Co-Trainer den Titel.
Ende einer „Liebesbeziehung“
Somit ist das Ende der Trainer-Ära Kreis auch irgendwie der Bruch einer Liebesbeziehung zwischen Kreis und der Stadt und den Fans. Denn natürlich werden die Anhänger Harold Kreis nie vergessen, was er als Verteidiger für die Mannheimer geleistet hat. Doch es wird eben immer auch der Makel eines Trainers anhaften, der die Adler zwar weit geführt hat, es aber letztlich nie geschafft hat, den ganz großen Wurf zu schaffen, den man sich in Mannheim erhofft, den Gewinn der Deutschen Eishockey-Meisterschaft. Und in Mannheim sind die Erwartungen eben andere als etwa in Krefeld oder Augsburg. Was dort eine Top-Platzierung ist, gilt in Mannheim fast nichts.
Abstieg begann 2012
Schaut man auf die Trainerjahre von Harold Kreis in Mannheim muss man ehrlicherweise auch sagen, die Entlassung oder exakter der Abstieg des Coaches begann nicht mit der Saison 2013/14, sondern eigentlich schon 2012, als Mannheim für 14 Minuten Deutscher Meister war. Damals stand es in Spiel vier der Play-Off-Endspielserie zwischen den Eisbären Berlin und den Adler bis 14 Minuten vor Spielende 5:2 für Mannheim. Hätte Mannheim das Match gewonnen, wären sie Meister geworden. Aber es sollte nicht sein. Berlin holte Tor für Tor auf, gewann schließlich die Partie in Overtime und drehte damit die Serie und holte den Titel. Damit fing für Harold Kreis der Niedergang an bzw. der Nimbus des Idols war dahin und es gab erste Kratzer am Lack. In der Spielzeit 2012/13 nahmen die Adler dann einen neuen Anlauf und alles lief super, Mannheim schloss die Hauptrunde als Tabellenführer ab. Dann begannen die Play-Offs und Mannheim schied sang- und klanglos gegen die Wolfsburg Grizzlys raus, die erst über die Pre-Play-Offs unter die besten acht Teams gerutscht waren. Schon damals stand Harold Kreis heftig in der Kritik und im Nachhinein betrachtet, wäre es wohl klüger gewesen, nach dem Ende der Saison 2012/13 einen Schlussstrich zu ziehen. Aber Harold Kreis blieb, doch es gab Vorgaben für ihn vom Management, er sollte offensiveres Eishockey spielen und es wurden Spieler verkauft und geholt, die nicht ganz seinen Wünschen entsprachen. Damit war die Autorität des Coaches angekratzt, wenn nicht gar beschnitten. Aber um sich in einem Team mit vielen Stars durchzusetzen, braucht es diese Autorität und Rückendeckung durch die Vereinsspitze. Seit Beginn der Punktrunde 2013/14 stand Harold Kreis mal mehr, mal weniger in der Kritik und es war nur eine Frage der Zeit, bis er gehen oder gegangen werden würde - ob während oder am Ende der Spielzeit. Das Einzige, was Harold Kreis in Mannheim über die Saison 2013/14 hinaus gerettet hätte, wäre der Titel gewesen, doch dies wurde nach den zuletzt gezeigten Leistungen immer unrealistischer. Und der Trainer ist nun mal das schwächte Glied in der kette bzw. er ist am leichtesten auszutauchen. Ein ganz Mannschaft rausschmeißen geht nicht. Zudem hat Mannheim schlechte Erfahrungen damit gemacht, dem ganzen Kader anzukündigen, dass am Ende der Saison nahezu die ganze Mannschaft gehen muss. Denn dann kommt gar kein Leistung mehr. Jetzt zumindest hat man die berechtigte Hoffung, dass noch ein Umschwung gelingt und ein Angriff auf den Titel möglich ist, denn eine wirklich souveräne Überfliegermannschaft gibt es in diesem Jahr in der DEL nicht. Alle sind schlagbar!
„Verlorener Sohn“
Wie anders war die Situation, als Harold Kreis während er Saison 2010 den erfolglosen Doug Mason ablöste und die Adler übernahm. Es war die Rede vom „Mannheimer Sohn“ der heimkehrt, von einer Wunschbeziehung, einer Art Liebesheirat. Harold Kreis war der Messias, das Idol. Tja, nun ist der Lack endgültig ab und ein Denkmal wurde zunächst demontiert. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil das Geschäft eben so ist. Und auch, weil in Mannheim nun einmal nur Erfolge zählen. Und alles was schlechter ist wie Platz vier ist, gilt nicht als Erfolg. Und eigentlich, wenn man die Leute offen fragte, wollen sie den Titel. Und an diesen Forderungen sind schon zahlreiche Trainer und Spieler zerbrochen. Aber anderseits, jeder kennt die Ansprüche, die in Mannheim, wie auch in Köln oder Berlin, vorhanden sind. Und wer sich darauf einlässt und bei einem Top-Club arbeiten möchte, um im Olymp ganz oben zu stehen, kennt die gnadenlosen Regeln und Mechanismen des Geschäfts. Und jetzt hat es eben Harold Kreis erwischt.
In einigen Jahren Normalität
Nach einigen Jahren wird rund um den Spieler und Trainer Harold Kreis auch wieder Normalität einkehren und er wird wieder einer der ganz, ganz großen Eishockeys-Namen in der Quadratsstadt sein. Und bei aller Tragik und die menschliche Tragödie um den Abgang von Harold Kreis, darf auch nicht vergessen werden, finanziell wird er großzügig abgesichert sein. Zudem wird es eine neue Aufgabe für den sympathischen Menschen und Trainer bzw. Spieler mit der Nummer „3“ geben.
Spieler in der Verantwortung
Gefordert sind jetzt erst einmal die Spieler und zwar besonders jene, die in der letzten Zeit keine Leistung und keinen Einsatz gezeigt haben und bei denen man sich fragt, ob sie gegen den Coach gespielt haben. Nun ist die Zeit der Ausreden vorbei.