
Seit drei Jahren ist die Welt auf dem Kartoffel- und Rübenacker nicht mehr die gleiche. Schilf-Glasflügelzikaden, eine eigentlich harmlose Zikaden-Art Europas, haben die Kulturen als Nahrungsquelle und Ort ihrer Vermehrung entdeckt. Davon verschafften sich jetzt politische Vertreter aus vier Parteien auf Initiative von Staatssekretär Andy Becht persönlich einen Eindruck im Rahmen eines Besuchs beim Verband der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer. Mit dabei waren die Landtagsabgeordneten Patric Müller (SPD), Claus Schick (SPD), Johannes Zehfuß (CDU) sowie Lisett Stuppy (Bündnis 90/Die Grünen).
„Die Klimakrise begünstigt die Ausbreitung invasiver Arten, zu denen auch die Schilf-Glasflügelzikade zählt“, warnte Stuppy. „Insbesondere in meiner pfälzischen Heimat wird dieser Schädling für viele Landwirtinnen und Landwirte zur echten Gefahr für gute Ernten. Uns alle eint die Sorge um die Schäden durch die Zikade. Deshalb müssen wir die Ausbreitung des Schädlings bekämpfen.“
Zur Erntezeit kommen die Symptome der von den Zikaden übertragenen bakteriellen Pflanzenkrankheiten richtig zum Ausdruck. Man sieht absterbende Pflanzen, gelb werdende Blätter und Nottriebe, die aus den Blattachseln der ansonsten absterbenden Blätter oder aus dem Rübenkopf sprießen. Noch schlimmer sind die Folgen unter der Erde: Rüben verlieren Zucker, können nicht mehr so viel einlagern und lassen sich schlecht lagern. Kartoffeln werden entweder gleich gummiartig oder verändern sich innerlich so, dass man daraus weder Pommes noch Chips produzieren kann. Bei Kartoffeln steigt der Zuckergehalt an, da weniger Stärke eingelagert werden kann. Das bringt unerwünschte Braunfärbungen der Verarbeitungsprodukte mit sich. – Alles katastrophale Folgen, die ganze Felder unbrauchbar werden lassen. Der Schaden geht in die Tausende für jeden Acker. „Die Schädigungen durch die Glasflügelzikade an Kartoffeln und Zuckerrüben haben mich beeindruckt und zugleich besorgt“, erklärte Schick dazu. „Es wird notwendig sein, dass alle Beteiligten eng zusammenarbeiten, damit sich der Kartoffel- und Zuckerrübenanbau in unserer Region weiterhin gut entwickeln kann!“
Die politischen Gäste wurden empfangen von den Vorsitzenden der Rüben- und Kartoffelanbauer in Rheinland-Pfalz, Walter Manz und Hartmut Magin, Klaus Amberger als Geschäftsführer der Kartoffel-Erzeugergemeinschaft, Martin Roffhack als Geschäftsführer der HELMA Südwest GmbH, die Kartoffel vermarktet, und dem Forschungsteam der Agrarservice Hessen-Pfalz GmbH unter Dr. Christian Lang als Geschäftsführer sowie Helen Pfitzner bzw. Anna Dettweiler als Koordinatoren der Projektforschung und Zusammenarbeit mit der deutschen Kartoffelwirtschafts-Vereinigung UNIKA. Zehfuß stellte dazu fest: „Die wissenschaftlichen Untersuchungen, die der Verband der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer e. V. branchenübergreifend mit der UNIKA ins Leben gerufen hat, mit der entsprechenden Akquirierung von erheblichen Fördermitteln, sind einzigartig in Deutschland und können gar nicht genug gelobt werden!“
Die Teilnehmer trafen sich auf dem Feld und diskutierten bis in die Abendstunden über die möglichen Folgen sowie Strategien zur Vermeidung der Schäden und die Zukunft des Anbaus im Südwesten. „Die Infektionen, die durch die Schilf-Glasflügelzikade verursacht werden, stellen die europäische Lebensmittelversorgung langfristig infrage – ein Problem, das so in der Öffentlichkeit noch nicht angekommen ist“, machte Zehfuß deutlich. Er forderte daher: „Die bis jetzt gewonnenen Erkenntnisse können nur ein erster Schritt sein, dieser überaus großen Bedrohung entgegenzutreten!“ Stuppy schloss sich dieser Einschätzung an und erklärte ihrerseits: „Gemeinsam mit Berufsstand und Wissenschaft gilt es nun, nachhaltige Lösungen zu finden. Nur so können wir den heimischen Anbau und die regionale Versorgung mit guten Lebensmitteln auch in Zukunft sichern.“
Dr. Sabine Fabich vom Landwirtschaftsministerium in Mainz berichtete über die bundesweiten Aktivitäten zur Notfallzulassung von Insektiziden, die als ein Baustein zur Bekämpfung der schädlichen Insekten eingesetzt wurden. Ein Erfolg ist allerdings nur denkbar im Zusammenspiel aller möglichen Bekämpfungsmaßnahmen. „Zugleich erleben wir eine gespannte Situation, wenn es darum geht, welche Pflanzenschutzmittel wir künftig noch einsetzen dürfen – und wie dies im Kontrast steht, zum berechtigten Wunsch, möglichst pestizidfrei Nahrungsmittel zu erzeugen“, erklärte Schick in diesem Zusammenhang. „Diesen Zielkonflikt müssen wir gemeinsam und verantwortungsvoll angehen.“
Ganz verschwinden werden die Zikaden nach Aussage von Dr. Christian Lang nicht mehr. Es bleibe also eine dauerhafte Herausforderung, Sorten und Methoden zu finden, die den Schaden begrenzen. Lang forderte dazu auf, die gesehenen Schäden und enormen Probleme mit der schnellen Verbreitung über ganz Europa in allen Gremien, Parteien und im Ministerium deutlich zu machen. „Erzählen Sie, was Sie gesehen haben, und laden Sie dazu ein, das vor Ort kennenzulernen.“ Man werde es allen interessierten Personen ermöglichen, dies in ähnlicher Weise zu sehen. Nur wer die Folgen für die verarbeitende Wirtschaft verstehen könne, sei auch motiviert, mehr Fördermittel für die Praxisforschung zu ermöglichen. Bisher sei dies angesichts der Folgen noch viel zu gering.
Die Abgeordneten und Staatssekretär Becht zeigten sich beeindruckt und wollen das Thema auch weiter verfolgen.
Beitrag aus der Rubrik