
Achtsamkeit tut uns gut und hilft gegen Stress. Aber schützt sie uns auch vor Sucht? Kann sie gar an Abhängigkeit erkrankten Menschen helfen?
Am 15. Oktober 2016 lud die Fachstelle für frauenspezifische Suchtarbeit des Wormser Caritasverbandes anlässlich ihres 20jährigen Bestehens zu einem Workshop rund um das Thema Achtsamkeit. 15 Frauen zwischen 23 und 62 übten, experimentierten – und nahmen Nützliches in ihren Alltag mit.
Die Idee der Achtsamkeit hat längst die Vorstandsetagen der Wirtschaft erreicht. Heute hat sie einen Platz in vielen Managementseminaren. Sie hilft bei Entspannung und Konzentration und gilt deshalb auch als Mittel zum beruflichen Erfolg. Aber Achtsamkeit ist viel mehr als das.
Uns annehmen statt uns zu beurteilen
„Sie ist eine innere Haltung zu uns selber,“ so Jutta Allgeier, Initiatorin und Leiterin des Workshops und Mitarbeiterin der Fachstelle für frauenspezifische Suchtarbeit. „Das bedeutet: Wir nehmen uns so wahr, wie wir gerade sind, ohne uns dafür zu bewerten. Wir akzeptieren uns, statt uns zu beurteilen.“
Aber was hat das mit Sucht zu tun, mit der Abhängigkeit von Medikamenten oder Alkohol oder mit dem Zwang, zu viel oder zu wenig zu essen? Jutta Allgeier: „Eine der Ursachen für Sucht ist fast immer, dass wir Gefühle nicht wahrnehmen – zum Beispiel, weil wir Angst davor haben, dass sie uns weh tun oder überrollen.“ Das könne, so Allgeier, an schmerzhaften Kindheitserlebnissen liegen, denen wir schutzlos ausgeliefert waren. „Der Griff zur Flasche, zur Tablette oder in den Kühlschrank ist dann ein Fluchtversuch. Sind wir aber bewusst und achtsam mit uns selber, können wir lernen, mit unangenehmen Gefühlen umzugehen. Denn heute sind wir erwachsen und können uns selber schützen.“
Nur: So einfach ist das nicht mir der Achtsamkeit für sich selber. Den Blick und die Ohren nach außen zu richten ist bei uns viel üblicher. Gerade Frauen kümmern sich oft sehr aktiv um andere. Das wird immer noch von ihnen erwartet und gibt ihnen Anerkennung und Halt.
Klänge und Schwingungen, Farben und Formen - achtsam mit allen Sinnen
Jutta Allgeier: „Deshalb ging es in dem Workshop auch darum, wie man Achtsamkeit für sich und die Gegenwart üben und lernen kann. Dabei spielen Körper und Sinne eine herausragende Rolle.“ Nach Atemübungen und einer Meditation im Gehen konnten die Frauen erfahren, wie verschieden Klangschalen je nach unterschiedlicher Größen klingen, wie sich die Schwingungen im Körper anfühlen und wie sie sich je nach Berührung der Schalen verändern. Allgeier: „Jede Spannung oder Entspannung im Körper überträgt sich sofort auf den Ton.“ Die Wormser Künstlerin Bettina Dengl unterstützte die Teilnehmerinnen schließlich dabei, ihr inneres Empfinden nicht nur mit Worten, sondern auch mit Farben und Formen auszudrücken.
„Einige Tage nach dem Workshop,“ so Jutta Allgeier, die im Dezember nach fast zwei Jahrzehnten an der Caritas-Fachstelle in Ruhestand geht, „erzählte mir eine Teilnehmerin, die Übungen hätten ihr im Alltag in stressigen Situationen geholfen, ruhig und bei sich zu bleiben. So etwas freut mich besonders. Ich hoffe sehr, dass die Frauen und Mädchen, mit denen ich hier über die Jahre gearbeitet habe, etwas für sich selber und ein erfülltes Leben mitnehmen.“
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