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  • Fr., 16. Oktober 2026, 12:46 Uhr
    WORMS: Die Künstlerin Anja Ziegler erhält für ihr Werk den zweiten Platz bei einer internationalen Kunstausstellung in Wien

    Auf Mission gegen Kindesmissbrauch

    Das Werk wirkt intim, verstörend und berührend – und fordert dazu auf, sich der Realität hinter verschlossenen Türen zu stellen.
    Foto: Dr. Eva-Marie Hild

    Die Eindrücke ihrer Auszeichnung im italienischen Forlì im April 2026 sind für die Wormser Künstlerin Anja Ziegler noch längst nicht verblasst, da durfte sie bereits den nächsten Erfolg feiern: Bei der internationalen Ausstellung „Künstler gegen Kindesmissbrauch“ im Wiener Wasserturm Favoriten wurde sie für ihr eindringliches Multimedia-Werk „Insomnia“ mit dem zweiten Platz ausgezeichnet.

    Die Ausstellung fand vom 6. bis 11. Oktober statt und wurde von der italienischen Organisation Anime Senza Voce (Seelen ohne Stimme) kuratiert. Gegründet wurde die Organisation von ihrer Präsidentin Brigitte Ostwald. Seit 2020 beteiligt sich Anja Ziegler regelmäßig an Ausstellungen der Initiative, die mit den Mitteln der Kunst auf Kindesmissbrauch aufmerksam macht und Betroffenen eine Stimme geben möchte. Die diesjährige Veranstaltung hatte eine besondere Bedeutung: Anime Senza Voce feierte sein zehnjähriges Jubiläum und gründete in Österreich eine Niederlassung in Form eines gemeinnützigen Vereins. Für Ziegler war es daher ein besonderes Anliegen, der Einladung zur Teilnahme zu folgen.

    Insgesamt setzten sich 22 Künstlerinnen und Künstler aus vier Nationen mit dem schwierigen und gesellschaftlich hochrelevanten Thema auseinander: elf aus Österreich, sieben aus Italien, drei aus Deutschland und eine Künstlerin aus Armenien. Ein Großteil der Beteiligten entwickeln ihre Werke auf Grundlage anonymisierter Aussagen von Betroffenen sexuellen Missbrauchs, die von der Organisation zur Verfügung gestellt werden.

    „Insomnia“ – hinter verschlossenen Türen

    Angesichts der vielfältigen Formen von Kindesmissbrauch widmete sich Anja Ziegler in diesem Jahr unter anderem dem besonders komplexen Thema des rituellen Missbrauchs. Daraus entstand ihr Multimedia-Werk „Insomnia“ (Schlaflos), das den Betrachter nicht nur visuell, sondern auch emotional und akustisch einbezieht.

    Das Werk ist in einem gotischen Holzfenster mit Flügeltüren untergebracht. Im geschlossenen Zustand verwehren die gitterartigen Türen den direkten Blick auf das Innere. Ein schwerer Stoffvorhang verstärkt diese Abschirmung und steht symbolisch für die hermetische Abriegelung von Täterstrukturen.

    Erst durch die bewusste Handlung des Öffnens gibt der Betrachter den Blick auf die dahinterliegende Szenerie frei. Zum Vorschein kommt eine düstere, altarähnliche Komposition vor einem strukturierten, nächtlichen Hintergrund. Im Zentrum steht ein kleines Mädchen in einem unschuldigen weißen Kleid, platziert auf einem rituellen Pentagramm. An ihrer Hand hält sie einen Teddybären – ein letztes Symbol kindlicher Geborgenheit. Umgeben ist das Mädchen von gesichtslosen Gestalten in dunklen Kutten.

    Mit dieser bewusst gewählten Inszenierung durchbricht Ziegler die Rolle des passiven Kunstkonsums. Das Publikum wird selbst zum Akteur: Es muss die Barriere öffnen und sich aktiv mit dem Verborgenen auseinandersetzen. Das Werk macht damit auch den Mechanismus des Wegsehens und Verschweigens zum Thema.

    Eine immersive Audioebene über Kopfhörer verstärkt die Wirkung. Eine atmosphärische, sakral anmutende und zugleich verfremdete Klangkomposition verbindet sich mit der Stimme einer jungen Frau, die mithilfe künstlicher Intelligenz erzeugt wurde. Mit zartem Gesang erzählt sie aus der rückblickenden Perspektive des kleinen Mädchens.

    Die Verbindung aus Bild, Klang und Interaktion vermittelt eine Vorstellung von seelischer Zerrissenheit, anhaltender Angst und jener chronischen Schlaflosigkeit, die traumatische Erfahrungen Betroffene häufig noch lange begleiten kann. „Insomnia“ versteht sich als künstlerische Auseinandersetzung mit den Folgen von Missbrauch und als Versuch, dem Unsagbaren Ausdruck zu verleihen. Das Werk wirkt intim, verstörend und berührend – und fordert dazu auf, sich der Realität hinter verschlossenen Türen zu stellen.

    Internationale Kunst gegen das Schweigen

    Eröffnet wurde die sechstägige Ausstellung am 6. Oktober mit eindrucksvollen musikalischen Darbietungen zweier Sopranistinnen Anna Isabella Ihring und Tehmine Schaeffer-Zaryan. Ein weiterer Höhepunkt war die Performance der italienischen Künstlerin Antonella Turchi, die sich mit ihrer Interpretation „Jeanny will nicht mehr spielen“ auf den bekannten Song „Jeanny“ von Falco bezog.

    Während der Ausstellung konnten die anwesenden Künstlerinnen und Künstler sowie die Besucherinnen und Besucher anhand von Stimmzetteln für jene Arbeiten votieren, die das Thema ihrer Meinung nach besonders eindrucksvoll umsetzten oder sie auf besondere Weise berührten.

    Anja Ziegler erreichte dabei den zweiten Platz. Der dritte Platz ging an Regina de Witte (Deutschland) mit ihrem Werk „Behind the Curtain“ (Hinter dem Vorhang). Den ersten Preis erhielt mit deutlichem Stimmenvorsprung die armenische Künstlerin Tehmine Schaeffer-Zaryan für ihr Bild „Hoffnung“.

    Engagement soll in Deutschland fortgesetzt werden

    Bei der Finissage am vergangenen Sonntag bedankte sich Anja Ziegler in ihrer Rede bei der Organisation Anime Senza Voce, vertreten durch Präsidentin Brigitte Ostwald, sowie beim österreichischen Regisseur und Dramaturgen Reinhard Auer, der die Veranstaltung vor Ort organisiert hatte. Zugleich brachte sie ihre Freude über zukünftige gemeinsame Projekte zum Ausdruck.

    Aus dem gemeinsamen Engagement entstand auch eine konkrete Perspektive für die Zukunft: Brigitte Ostwald, Reinhard Auer und Anja Ziegler verständigten sich darauf, im kommenden Jahr eine Niederlassung von Anime Senza Voce in Deutschland gründen zu wollen. Ziegler möchte dieses Vorhaben federführend voranbringen.

    Damit könnte aus ihrem langjährigen künstlerischen Einsatz ein weiteres Kapitel werden – mit dem Ziel, die Arbeit gegen Kindesmissbrauch über Ländergrenzen hinweg fortzusetzen und denjenigen Gehör zu verschaffen, deren Stimmen allzu oft ungehört bleiben.

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