Mobilitätskonzept Für Worms: Die Verbände ADFC, BUND, NABU und VCD nehmen Stellung zu Mobilitätsempfehlungen
Aufenthaltsqualität würde signifikant steigen
Durch die Sperrung für den Durchgangsverkehr soll es auch am Marktplatz ruhiger werden. Foto: Robert Lehr
VON ROBERT LEHR |Der Fragebogen der Bürgerbefragung zum Mobilitätskonzept beinhaltete auch Fragen zu den konkreten Empfehlungen, die vom Fachbüro Habermehl & Follmann erarbeitet wurden.
Die Wormser Verbände ADFC, BUND, NABU und VCD haben sich auch mit diesen Vorschlägen beschäftigt und sie aus ihrer fachlichen Sicht kommentiert.
Im Folgenden ihre wichtigsten Aspekte, die aber auch schon bei der allgemeinen Verkehrssituation im Rahmen der Befragung angemerkt wurden.
Die Bahnhaltepunkte Der Bahnhaltepunkt „WEST“ ist bereits beschlossen und voll in der Planung. Dies wird voll begrüßt, da mehrere Wohngebiete, Schwimmbäder, das Wormatia-Stadion, die Hochschule sowie das Eleonoren-Gymnasium und die Westend-Realschule im Einzugsbereich liegen.
Nach einer Reaktivierung der Zellertalbahn wird die Bedeutung dieses Standortes weiter zunehmen, sind sich die Verbände sicher. Auch die Chancen für die Halte „SÜD“ und „NORD“ gilt es weiterhin zu verfolgen und das Interesse bei der Bahn mit Nachdruck zu bekunden.
Radwegenetz Weiterhin fordern die Verbände ein umfassendes aufeinander abgestimmtes Verkehrskonzept von motorisiertem Verkehr, ÖPNV, Fuß- und Radverkehr.
Erst daraus ließen sich realistische Kosten für ein Radwegenetz errechnen. Die Kostenschätzung von Habermehl & Follmann in Höhe von 14 bis 18 Mio. Euro über einen Zeitraum von 10 Jahren erschlössen sich den Verbänden aus vorliegenden Unterlagen derzeit nicht.
Die bisherigen Ergebnisse der Befahrung durch die Projektgruppe „Radwege“ seien eine gute Grundlage und sollten auch so umgesetzt werden. Ob alle Radanbindungen zwingend asphaltiert werden sollen, müsse im Detail diskutiert werden.
Fahrradstraßen „Weiterhin fehlt ein schlüssiges Fahrradstraßen-/Fahrradzonenkonzept“, so die Verbände, das zum einen an die Zulaufrouten angeschlossen sei, und darüberhinaus innerstädtische wichtige Anfahrpunkte, wie Schulen, erschließe.
Viele potentielle Fahrradstraßen oder Fahrradzonen bedürften keiner kostenintensiver Umbau- oder Sanierungsmaßnahmen, lediglich die notwendige Beschilderung müsste geändert werden.
Dabei eigneten sich nicht alle Straßen als Fahrradstraßen: Beide derzeitigen Alternativen, die Speyerer Straße, aber auch die Landgrafenstraße seien keine idealen Alternativen. In beiden Fällen sei Konfliktpotenzial vorhanden, was die generelle Akzeptanz von Fahrradstraßen in der Bürgerschaft mindere.
30 km/h-Höchstgeschwindigkeit im Stadtgebiet Die Empfehlung einer Geschwindigkeitsreduzierung im Stadtgebiet auf 30 km/h wird begrüßt. Sie stelle die kostengünstigste und effektivste Möglichkeit zur Unfallvermeidung dar. Sie erhöhe den Verkehrsfluss und damit die tatsächliche Sicherheit von des Rad- und Fußgängerverkehrs. Darüberhinaus reduziere sich der Feinstaub, die Schadstoffbelastung und den Verkehrslärm.
Dabei sollten ständige, flächendeckende Kontrollen (Radar) an sensiblen Stellen wie der Siegfried-, der Von-Steuben- und der Friedrich-Ebert-Straße durchgeführt werden
Parken in der Innenstadt Das Parken in der Innenstadt sei laut den Verbänden mit 1 Euro /50 Min. „zu günstig“.
Für den Betrag eines Bustickets 4,20 Euro (2 Wege) könne man gut 5 Stunden in Worms parken. Also stelle sich die Frage: „Warum also mit dem Bus zum Einkaufen in die Stadt fahren?“
Auch weil die Parkraumbewirtschaftung Verluste erzeuge, müssten sich die Parkgebühren ungefähr verdoppeln.
Als positive Besipiele werden hier Mainz und Mannheim genannt, wo das Parken wesentlich teurer sei.
Trotz der günstigen Parktarife werde in Worms „wild“ geparkt.Wenn schon in der Innenstadt geparkt werde, müsse dies in die Parkhäuser verlagert werden, die ohnehin nicht ausgelastet seien. Auch das Anwohnerparken müsse teurer werden. Öffentlicher Raum sei nicht gleichbedeutend mit freiem Parkraum. Sinnvoller wäre eine Umwidmung von Park- zu Grünflächen.
Sperrung der Innenstadt für den Durchgangsverkehr Die Verbände begrüßen grundsätzlich den Vorschlag, die Kernstadt für den motorisierten Durchgangsverkehr zu sperren. Er werde zwar auch bei dieser Lösung immer noch spürbar sein (z.B. durch Anwohner, Anlieger, Anlieferungen, Taxis oder Busse) – sich aber sicherlich deutlich verringern.
Aus Sicht der Verbände und aus der Erfahrung anderer Städte werde sich die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt spürbar verbessern
Dies würde den Einzelhandel stärken und nicht schwächen, zeigt man sich überzeugt.
Den Marktplatz, die Stephansgasse und die Andreasstraße ab Willy-Brandt-Ring östlich „autofrei“ zu gestalten, käme auch dem Tourismuskonzept und der angestrebten Aufwertung des Andreasquartiers entgegen.
Diese Maßnahme sei einfach und kostengünstig anzustoßen. Sie könne zunächst für ein Jahr zu Testzwecken eingeführt werden. Eine Überprüfung bei Regelverstößenseiunverzichtbar, sonst werde wie gewohnt durchgefahren, wie man am Beispiel der Fahrradstraße in der Speyerer Straße sehe.
Ampelanlagen An bestimmten, häufiger von Radfahrern bzw. Fußgängern frequentierten Ampelanlagen, beispielsweise in der Umgebung von Schulen, könnte die Maßnahme, dem Rad- und Fußgängerverkehr Vorang zu gewähren, zielführend sein und echte Verbesserungen bringen. Der finanzielle Aufwand könnte durch eine entsprechende Auswahl reduziert werden.
Kapazitätsreduzierung Um die Kapazitäten für den motorisierten Verkehr einzuschränken und ihn darüber zu reduzieren, wurde vom Fachbüro vorgeschlagen, ausgewählte Strecken oder bestimmte Streckenabschnitte zu verschmälern. Auch in diesem Fall müsste laut der Verbände ein Konzept erstellt werden, das sich an realistischen Umsetzungschancen orientiert. Sicherlich gebe es einzelne Straßen, wo das möglich sei (z.B. die vierspurige Von-Steuben-Straße).
Aber die Autofahrer zu „drangsalieren“, um ihnen das Autofahren zu erschweren, so dass sie aufs Autofahren verzichten und auf Bus und Rad umsteigen, sei nicht zielführend und gefährde den sozialen Frieden. Dies dürfte auch rechtlich nicht umsetzbar sein. Laut der Verbände gibt es viel kostengünstigere Steuerungsmöglichkeiten wie Kübel, Markierungen, Polder oder markierte Parkplätze.
Krankenhaustangente Die Verbände sind entschieden gegen den empfohlenen Bau der Krankenhaustangente. Die Maßnahmen einer Verkehrswende sollten den motorisierten Verkehr reduzieren und zu einem Umdenken wie zum Verzicht eines Zweit- oder Drittwagens führen – zugunsten des Umstiegs auf das Rad bzw. den ÖPNV. Die Tangente werde dadurch überflüssig, sind sich die Verbände sicher. Außerdem würde die schon stark belastete Umwelt durch den Bau diverser Kreisel, Brücken und Unterführungen noch stärker belastet und weitere Flächen versiegelt.
20 Mio. Euro geschätzte Baukosten stünden zudem in keiner Relation zum erwarteten Nutzen und dem negativen Eingriff in die Umwelt.