Mo., 12. August 2013, 11:51 Uhr
Kabarettistischer Gottesdienst beim Wormser Jazz-Festival
Augenzwinkern in der Kirche
Über 20000 Besucher hatte das Jazz-and-Joy-Festival in Worms am Wochenende. Traditionell gut besucht ist im Rahmen des Festivals der Jazz-Gottesdienst in der Dreifaltigkeitskirche, der, wie Pfarrer Volker Johannes Fey hervorhob, bereits zum 22. Mal stattfand. „Wir sind hier, um Gottes Wort auf andere Weise zu hören“, erklärte Pfarrer Fey.
Den musikalischen Teil des Gottesdienstes steuerte das Ensemble Cantus Worms bei, unter der bewährten Leitung von Ellen Drolshagen und mit Christian Schmitt am E-Flügel sowie David Panzer am Schlagzeug und Serguei Khoussainov am Mischpult. Neben den in Kirchen gewohnten Titeln wie „Einer trägt des anderen Last“, dem Gospel-Stück „Glory“ oder, zum Ausklang, „Oh happy day“ sorgte eine Variation des Titels „Engel“ für verwunderte Blicke. Das Lied der Rock-Band Rammstein hat Oliver Gies für einen gemischten Chor arrangiert. Der Text lautet im Auszug: „Erst wenn die Wolken schlafen gehen, kann man uns am Himmel sehen, wir haben Angst und sind Allein, Gott weiß ich will kein Engel sein.“ So mancher Besucher wird darüber nachgedacht haben, was er mit diesem Text anzufangen hat, womit die Aufführung ihren Zweck erfüllt haben dürfte.
Einer der Höhepunkte des Gottesdienstes war das inzwischen zur Tradition gewordene Wormser Kirchenkabarett. Ein „Theologisches Quartett“ tagte, geleitet von Dekan Harald Storch vom Evangelischen Dekanat Worms-Wonnegau als Moderator Arm Kirch-Mauski mit dem einprägsam rollenden R. Die weiteren Gesprächsteilnehmer: Pfarrerin Jutta Herbert aus der Magnusgemeinde als Frau Kuschelig, Pfarrerin Dr. Erika Mohri als PR-Beraterin Wohlfeil und Dr. Ulrich Oelschläger, Präses der Landessynode, in der Rolle des Gottlos im Evangelischen Bund Bekennender Atheisten. Die Runde hatte sich des Themas „Christentum: ein Auslaufmodell?“ angenommen und setzte dabei gekonnt einige treffende Pointen.
„Wer glaubt denn heute noch an Gott? Nicht einmal die Mitglieder“, hielt „ Gottlos“ fest, „nur noch die Sozialpolitik ist von Belang, und die überlässt man besser dem Staat.“ Gegenpol des Kirchenkritikers war die Wohlfühl-Protestantin „Frau Kuschelig“, die fortwährend mit Zitaten aus dem Kleinen Prinzen um sich warf und sogar blinkende Herzen dabei hatte, um für mehr „Wärme“ in der Kirche zu werben. „PR-Beraterin Wohlfeil“ betonte: „Die Kirche hat auch heutzutage Entscheidendes zu vermitteln“, etwa in Sinn- und Wertfragen. „Ein Inhalt ist ja da, das Problem liegt beim Image.“
Ihre Marketing-Idee, rosa Merry-Birthday-Karten zu Weihnachten zu verschicken, brachte wiederum „ Gottlos“ auf die Palme: „Warum nennen Sie Ostern dann nicht gleich Hasen-Fest?“ Der Kirchenkritiker reihte Plattitüte an Plattitüte, „Gott ist tot“, „Opium für's Volk“, was „Kirch-Mauski“ auf den Plan rief: „Nein, nein, nein, das ist nicht originell“, schleuderte er mit dem Finger, „die Inhalte sind nicht angestaubt, sondern gut abgelagert.“ Vieles, was man aus der innerkirchlichen Reform-versus-Tradition-Debatte kennt, wurde hier gekonnt aufgespießt. Und natürlich beendete „Kirch-Mauski“ die Showeinlage stilecht mit dem Brecht-Zitat „Wir sehen betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Man darf sich also auf das nächste Jazz-and-Joy-Festival freuen.