Do., 10. Juli 2014, 13:20 Uhr
Das Schreiben inklusive Anhang von Brigitte Hammel an den Mainzer Bischof in Originallänge
Brief an Karl Kardinal Lehmann
Eminenz,
als Katholikin, bitte ich Sie als Bischof von Mainz zusammenfassend um Ihre Unterschrift unter die Frage 2 des Bürgerbegehrens Wormser Bürger „Freier Blick auf den Dom zu Worms“ und werbe um Ihre Unterstützung der demokratischen Willensbildung bei der Suche nach einem geeigneten Standort für unser neues Gemeindehaus in Worms.
„Demokratie braucht Tugenden“, unter diesem Titel haben Sie als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz zusammen mit dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland am 23. November 2006 in einem
„Gemeinsamen Wort zur Zukunft des demokratischen Gemeinwesens“ ausgeführt, die
„Demokratie brauche nicht nur verlässliche Strukturen und Verfahren der politischen Entscheidungsfindung, sondern sei auf die aktive Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an der politischen Willensbildung angewiesen.“ Eine solche aktive Beteiligung der Bürger an der Standortwahl können wir jetzt als Katholiken den Bürgern von Worms bei der Wahl des geeigneten Standortes für den Neubau unseres Gemeindehauses eröffnen, und dabei bitte ich Sie um Ihre aktive Unterstützung.
Mit ihrer Unterschrift unter die 2. Frage des Bürgerbegehrens
»Soll die Stadt Worms zum Schutz ihres Ortsbildes in der näheren Umgebung des Domes das städtebauliche Ziel verfolgen, den Blick eines Besuches des Domplatzes auch auf die südliche Fassade des Domes durch Bauten nicht einzuschränken?« haben schon mehr als 10.000 Bürger stellvertretend auch die Interessen unserer katholischen Kirche in die öffentliche Diskussion eingebracht. Der hohe Wert des Domes als Kulturdenkmal und als Ort der Ausübung unseres Glaubens erfordert, dass sich nun auch die katholische Kirche und zuvorderst ihr oberster Hirte, die Forderung nach einem freien Blick, insbesondere auch auf die Fassade der Nikolauskapelle des Domes, zu eigen machen.
Wenn mehr als 10.000 Menschen unsere Interessen formulieren, können wir als Katholiken nicht schweigend daneben stehen. Aus diesem Grund bitte ich Sie als Bischof um Ihre Unterschrift unter diese 2. Frage des Bürgerbegehrens, unabhängig von dem Votum der Stadtverordneten zur Zulässigkeit des Bürgerbegehrens.
Auch das Demokratie–Prinzip spricht dafür, dass wir uns der Forderung des Bürgerbegehrens nicht länger verschließen können, sondern beispielgebend der aktiven Beteiligung der Bürger an der Standortauswahl die Tür zu öffnen. Aus der fachlichen Sicht der Stadtplanung sprechen auch gute Gründe dafür, Standortalternativen zu untersuchen, die den freien Blick auf den Dom und die Nikolauskapelle eröffnen.
Das Bürgerbegehren wendet sich damit weder gegen die Kirche noch gegen die Notwendigkeit eines neuen Gemeindehauses, er fordert uns vielmehr zum Nachdenken über dessen geeigneten Standort auf. Ein solcher Standort ist nach meiner städtebaulichen Bewertung als Architektin sowohl entlang der Andreasstraße, als auch alternativ durch eine Drehung des geplanten Standortes um 90° zumutbar zu realisieren. Das wird auf der Homepage der Bürgerinitiative mit einer Fotomontage dokumentiert.
Mich überzeugt Ihr Plädoyer, dass eine aktive Bürgerbeteiligung eine notwendige Tugend unserer Demokratie ist - diese können wir als Katholiken in Worms durch die Unterstützung des Bürgerbegehrens mit Leben füllen.
Mit freundlichen Grüßen, Diplom-Ingenieurin Brigitte Hammel
Anhang:
Kardinal Lehmann und Bischof Huber stellen in Berlin Gemeinsames Wort zur Zukunft unseres demokratischen Gemeinwesens vor
23. November 2006
„Demokratie braucht Tugenden“: Unter diesem Titel haben die Deutsche Bischofskonferenz und der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am heutigen Donnerstag, 23. November, in Berlin ein Gemeinsames Wort zur Zukunft des demokratischen Gemeinwesens veröffentlicht. Vorgestellt wurde der Text durch den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, und den Vorsitzenden des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, zusammen mit den Vorsitzenden der zur Vorbereitung dieses Gemeinsamen Wortes eingesetzten Kommission: Bischof Dr. Reinhard Marx (Trier) und Bundesminister a.D. Dr. Jürgen Schmude (Moers).
Kardinal Lehmann erinnerte daran, dass beide Kirchen bereits in der Vergangenheit auf die Notwendigkeit langfristig ausgerichteter Reformen der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland hingewiesen haben, die angesichts der Globalisierung, des dramatischen demografischen Wandels sowie der Massenarbeitslosigkeit unvermeidlich seien. Wenn neue Meinungsumfragen zeigten, dass 51 Prozent der Deutschen mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden sind, sei die Sorge nicht unbegründet, dass die ungelösten Probleme in der Arbeits- und Sozialpolitik „das System unserer Demokratie insgesamt in Frage stellen könnten“, so Lehmann. Deshalb hätten die Kirchen mit dem Gemeinsamen Wort die Situation des demokratischen Gemeinwesens noch einmal grundsätzlicher beleuchten wollen.
Das demokratische Gemeinwesen stehe heute vor Aufgaben, die mit Routinepolitik nicht zu bewältigen seien: „Mit kleinen Schritten und gelegentlichen Appellen an den Patriotismus sind die heute notwendigen Veränderungen nicht zu erreichen“, stellte Lehmann fest. Noch immer fehle die Einsicht, „dass für die Handlungs- und Leistungsfähigkeit eines demokratischen Gemeinwesens seiner Natur gemäß alle verantwortlich sind“. Die Demokratie brauche nicht nur verlässliche Strukturen und Verfahren der politischen Entscheidungsfindung, sondern sei auf die aktive Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an der politischen Willensbildung angewiesen. Demokratische Institutionen seien zudem nur lebensfähig, wenn die politisch Handelnden Grundhaltungen erkennen ließen, „die über die Strategieregeln des Erwerbs und Erhalts von Macht und Einfluss hinausgehen“. Die Demokratie brauche „politische Tugenden“, so Lehmann.