Nibelungen FESTSPIELE: Aufregendes und kurzweiliges Theaterstück im Hier und Jetzt
Bunt, schräg, spacig
Die gegenwartsbezogene Inszenierung wird an 16 Abenden die Gäste in ihren Bann ziehen. Foto: Rudolf Uhrig
Von Rudolf Uhrig › Nun, es darf bezweifelt werden, dass die Dramaturgin Maria Milisavljevic, die das diesjährige Stück „BRYNHILD“ schrieb und die bereits mit jungen Jahren sehr erfolgreiche Regisseurin Pınar Karabulut, die das Stück inszenierte, etwas von „Worms wird WOW“ gehört haben. Ein Slogan, der Worms in eine erfolgreiche Zukunft führen soll. Aber mit dieser Inszenierung haben die beiden Damen genau das geschafft. Es ist einfach nur Wow, Wow, Wow!
Es ist bunt, schräg und spacig. Insbesondere was die Outfits der Schauspieler anbelangt. Die Kostümbildnerin Teresa Vergho, ein Star in der Szene, ist mutig und wagt etwas. Aber genau so möchte es die Regisseurin. Ihr geht es nicht um das Geschlecht oder eine genderspezifische Zuschreibung ihrer Darsteller. Ihr ist es wichtig, die Frage zu stellen, was die Figur psychologisch ausmacht.
Das lilafarbene Bühnenbild über die ganze Breite wirkt wie eine Wüstenlandschaft. Aber auch dystopisch, denn es beschreibt eine ungünstige Entwicklung unserer Gesellschaft. Es sind Zeiten des Umbruchs. Im Zentrum der von Michela Flück gestalteten Spielfläche dominiert eine 56 Quadratmeter große Leinwand. 22 Einspieler sehen die Zuschauer. Die Clips spielen in anderen Welten und Settings.
Die Videokünstlerin Susanne Steinmassel bringt damit Vergangenheit in die Zukunft und umgekehrt. Sie entführt an andere Orte. Sucht verbindende Fäden. Video und die Übertragung der Szenen auf die Leinwand sind in diesem Jahr ein, wenn nicht das bestimmende Element. Szenen, die zum Beispiel im Dinner, einer typischen amerikanischen Wüsten-Gaststätte spielen, sind nur schemenhaft zu erkennen. Aber die Leinwand verbindet und zeigt das Geschehen im Inneren.
Foto: Rudolf Uhrig
Insofern sind die beiden Live-Kameraleute, Kate Ledina und Máté Bredán nicht nur die „Klammern“ sie sind Teil des Ganzen und leisten hervorragendes. Das ist definitiv harte Arbeit.
Physisch wie psychisch verlangt Karabulut ihren Darstellern viel ab. Nicht nur die Dialoge haben es in sich, auch Tanz, Gesang, Slapstick, Akrobatik, alles ist dabei.
Entscheide ich, wer ich sein darf in diesem Leben? Oder entscheiden das, wie im Fall von Sigurd und Brynhild, die Eltern und die Götter, hinterfragt Karabulut und bringt mit BRYHILD die althergebrachten Rollenbilder ins Wanken. BRYNHILD versucht, „Herrin ihrer eigenen Geschichte“ zu werden. Das goldene Kostüm unterstreicht ihren Status, Königin, Herrin, Superstar. Und auch die Heldenrolle von Siegfried ist nicht die, die uns die alten Verse vermitteln. Die quasi Vergewaltigung lässt Karabulut ganz weg, für die junge Frau geht das gar nicht.
Die diesjährige Inszenierung hat nur wenig mit der klassischen Nibelungensage, die zudem mit der Edda verwoben ist und der „berühmten Edda-Lücke“ Raum lässt. BRYNHILD ist ganz im Hier und Jetzt verortet. Es ist aufregendes und kurzweiliges Theater.
Rollen ihres Lebens
Und man könnte meinen, die Protagonisten spielen die Rolle ihres Lebens. Lena Urzendowsky als Brynhild, Bekim Latifi als Sigurd, Simon Kirch als Gunnar, Ruby Commey als Hagen, Parisa Medani als Figga, Jens Albinus als Reginn, Zwerg und Bruder des Drachen Fafnir, Bless Amada als Odin, Safak Sengül als Helgi. Auch die Band mit Daniel Murena, Martin Tegar und Oliver Bersin füllen einen Großteil der Inszenierung aus.
Für die Zuschauer bleibt lange offen, ob die Protagonisten der diesjährigen Erzählung den Verlauf der Ereignisse ändern können oder der Mythos letztlich stärker bleibt als ihr Wille nach Selbstbestimmung. Es ist großes, überraschendes und aufregendes Theater, wenngleich die dominanten Videoeinspielungen und Kamerafahrten ab und an mal an das gute, alte Autokino erinnern.
Ministerpräsidentin und Kulturministerin begeistert
„Die Nibelungen-Festspiele sind jedes Jahr ein kultureller Höhepunkt und ein herausragendes Beispiel des vielfältigen kulturellen Angebots in Rheinland-Pfalz“, betonte Ministerpräsidentin Malu Dreyer als Gast des Premierenabends. Mit den beiden Künstlerinnen seien zwei der profiliertesten Theatermacherinnen ihrer Generation gewonnen worden. Ihr Blick auf den Nibelungenstoff verspreche eine konsequent gegenwartsbezogene Lesart – und großes, überraschendes und aufregendes Theater.
Kulturministerin Katharina Binz zeigte sich vor Ort ebenfalls begeistert: „Der weibliche Blick auf das Heldenepos schlägt ein neues Kapitel der Festspiele auf, welches zeigt, wie aktuell die Geschichte um Mut, Liebe und Tod auch heute für uns ist. Die Zuschauerinnen und Zuschauer dürfen sich auf unvergessliche Theaterabende in Worms freuen.“