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  • Sa., 31. Oktober 2020, 08:27 Uhr
    ZWISCHENLAGER BIBLIS: Rückführungstransport von radioaktiven Abfällen läuft / Kritik durch Protestbündnis 

    Castorbehälter von Sellafield auf den Weg nach Biblis

    Aktuell befinden sich die Castoren im Rahmen der Rückführung wie dieser CASTOR® HAW28M im Frachtraum der Pacific Grebe. Foto: GNS


    VON BENJAMIN KLOOS Die letzten sechs Behälter mit radioaktiven Abfällen aus der Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente im englischen Sellafield, die in Biblis gelagert werden sollen, sind auf dem Weg: Am Dienstag Abend hat die „Pacific Grebe“, ein Spezialschiff für den Transport radioaktiver Materialien, im englischen Hafen Barrow-in-Furness abgelegt. Der Rückführungstransport war ursprünglich für das Frühjahr geplant gewesen, musste jedoch aufgrund der beginnenden COVID-19-Lage verschoben werden. 

    Am Donnerstag informierten das hessische Umweltministerium, die Gesellschaft für Nuklear-Service mbH, die Gesellschaft für Zwischenlagerung mbH sowie die Polizei in einer Videopressekonferenz über den Ablauf des Transportes sowie den entsprechenden Rahmenbedingungen. Allerdings: Wie genau der Streckenverlauf aussieht und wann genau die Castoren in Biblis ankommen, durften die Vertreter der entsprechenden Organisationen laut eigener Aussage aus Sicherheitsgründen nicht mitteilen.

    Mehrtägige Seereise
    Nach einer mehrtägigen Seereise werden die sechs Behälter mit radioaktiven Abfällen in einem norddeutschen Hafen ankommen, wo die Behälter für den Weitertransport ins bundeseigene Zwischenlager in Biblis vom Schiff auf Eisenbahnwaggons umgeladen werden. Der Zug mit  sechs Spezialwaggons wird anschließend direkt bis nach Biblis fahren, wo er über das dem bundeseigenen Zwischenlagerbetreiber BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung mbH gehörende Anschlussgleis bis in unmittelbare Nähe des Zwischenlagergebäudes rangieren kann. Dort werden die Behälter abgeladen und in das Zwischenlagergebäude gebracht.

    Die hierfür verwendeten Kräne und Fahrzeuge haben sich im Rahmen der Handhabungen von mehr als 100 leeren und beladenen Brennelementbehältern am Standort bereits vielfach bewährt. Im Zwischenlager werden die Behälter mit dem Hallenkran vorübergehend bereits im Lagerbereich abgestellt. Von dort aus wird jeder Behälter einzeln in den Wartungsbereich des Zwischenlagers geholt, wo er für die Zwischenlagerung vorbereitet wird. Dabei wird unter anderem der Sekundärdeckel samt des für die Dichtheitsüberwachung nötigen Druckschalters montiert. Abschließend werden die Behälter wiederum mit dem Hallenkran an ihrem Stellplatz im Lagerbereich abgestellt und an das Überwachungssystem angeschlossen. 

    Polizei vor Ort
    Begleitet wird der Transport nicht nur durch entsprechende Fachkräfte der beteiligten Firmen, sondern auch durch entsprechende Einheiten der Polizei – auch hier wurden die genauen Zahlen bezüglich der entsprechenden Kräfte nicht genannt. „Wir sind als Polizei dafür da, diesen Transport zu sichern und dafür zu sorgen, dass dieser störungsfrei ablaufen kann. Mehrere Länderpolizeien und Bundespolizei arbeiten Hand in Hand zusammen”, betonten die Polizeisprecher.

    Demonstrationen werden von Seiten der Polizei nicht ausgeschlossen, dies wird jeweils nach aktueller Lage vor Ort entschieden – auch aufgrund der besonderen Situation angesichts der Corona-Pandemie mit geltenden Sicherheitsabständen. „Dies ist eine Herausforderung, die besonderes Fingerspitzengefühl erfordert. Es muss aber nicht unbedingt direkt an der Strecke demonstriert werden, sondern es gibt hierfür auch andere geeignete Orte”, so die Polizeisprecher weiter.

    Die geltenden Hygieneregelungen würden dabei eingehalten, entsprechend geschulte Polizeikräfte seien stets vor Ort.

    Protestbündnis übt heftige Kritik
    Heftige Kritik am Transport kommt unter anderem von dem Protestbündnis „Castor stoppen”. Dabei geht es in diesem Fall nicht nur um die Atomkraft im Allgemeinen, sondern auch um die Tatsache, dass der Transport zu Corona-Zeiten stattfindet. „Während die Corona-Zahlen in Deutschland stetig steigen, verweisen die Behörden schlicht auf ein ‚umfangreiches Hygienekonzept‘, das Einzelzimmer für alle Einsatzkräfte und das verpflichtende Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung vorsieht”, kritisiert das Protestbündnis dein Einsatz von etwa 11.000 Polizeikräften. Dies sei mit Blick auf die neuen Corona-Verordnungen und den damit verbundenen Hygienemaßnahmen nicht verantwortbar. Zudem vermutet das Bündnis, dass in einer Sporthalle in Bobstadt Polizeikräfte untergebracht werden, da in der dortigen Umgebung Parkplätze für die Polizei reserviert wurden.

    Das Protestbündnis erwartet das Schiff am Samstag im Hafen von Nordenham. Hier sind ebenso Proteste und Mahnwachen geplant wie in Oldenburg, Bremen oder Göttingen und Köln. Wenn der Castro-Zug in Nordenham losfährt findet auch in Biblis eine große Mahnwache statt, zudem ist eine große Demonstration geplant. Das Bündnis versorgt die Anwesenden mit aktuellen Infos rund um den Transport, zudem gibt es Musik, Trinken und Essen, wobei jeder aus Schutzgründen Becher, Löffel und Maske mitbringen sollte – ebenso wie wetterfeste Kleidung. Wichtig ist zudem, das Abstand gehalten wird.

    Messungen im Hafen
    „Die Sicherheit von Mensch und Umwelt stehen beim Transport von radioaktiven Materialien an erster Stelle”, betonten die Verantwortlichen. Im Rahmen der Umladung am Hafen werden von Sachverständigen daher nach der genauen Prüfung am Startort in Sellafield erneut Messungen an allen sechs beladenen Waggons durchgeführt, um sicherzustellen, dass der gesetzlich vorgegebene Grenzwert für die Ortsdosisleistung („Strahlung“) während des Bahntransports zuverlässig eingehalten wird.

    Hintergründe zum Transport
    Bis 2005 wurden verbrauchte Brennelemente aus dem Betrieb deutscher Kernkraftwerke zur Wiederaufarbeitung nach Großbritannien und Frankreich gebracht. Die dabei entstehenden radioaktiven Abfälle müssen nach Deutschland zurückgeführt werden. Die GNS Gesellschaft für Nuklear-Service mbH ist von den deutschen Kernkraftwerksbetreibern damit beauftragt, die Rückführung dieser Abfälle in deutsche Zwischenlager vorzubereiten und durchzuführen. Im Jahr 2015 hat das Bundesumweltministerium ein Konzept für die Rückführung der noch im Ausland lagernden Wiederaufarbeitungsabfälle vorgelegt. Dieses sieht eine bundesweit ausgewogene Verteilung vor. Mit breitem politischen Konsens von Bundesregierung und allen beteiligten Landesregierungen sowie den Kernraftwerksbetreibern als Abfallverursachern wurden vier Standorte für die Zwischenlagerung der zurückzuführenden Abfälle festgelegt: Biblis in Hessen, Brokdorf in Schleswig-Holstein, Isar in Bayern und Philippsburg in Baden-Württemberg. Nach dem Transport der Castoren nach Biblis werden noch drei weitere Transporte folgen – in Biblis werden keine weiteren Castoren mehr eingelagert.

    Aktuell befinden sich die Castoren im Rahmen der Rückführung wie dieser CASTOR® HAW28M im Frachtraum der Pacific Grebe. Foto: GNS


    Das Abfallzwischenlager in Biblis. Foto: Christopher Mick
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