Am Donnerstag standen die Verantwortlichen Rede und Antwort: Eine Wandlungskünstlerin, ein Narr – und kein Siegfried
Das Festspiel-Ensemble steht!
Foto: Vera Konersmann
VON REGINA URBACH Nachdem Dieter Wedel bereits sein Ensemble für die Bad Hersfelder Festspiele verraten hatte, kam auch der neue Intendant Nico Hofmann vor der zahlreich erschienenen regionalen und überregionalen Presse aus der Deckung. Die Hauptrolle, den 14-jährigen Ortlieb, spielt Wandlungsgenie Alina Levshin, die als Neonazibraut bereits ebenso überzeugen konnte wie als ukrainische Prostituierte. Judith Rosmair, 2002 bereits in Worms als Brünhild auf der Bühne, wird diesmal Kriemhild und Catrin Striebeck, Tochter des ebenfalls schon in Worms aufgetretenen Peter Striebeck, Brünhild. Autor und Schauspieker Max Urlacher verspricht einen wohl „überraschenden“ (Albert Ostermaier) Hagen und Maik Solbach eine weitere wichtige Rolle, den Narren. Siegfried fehlt. Hofmann zeigte sich sehr zufrieden: „Ich bin stolz, wie kraftvoll uns diese Palette an Talent gelungen ist!“
Hofmann: „ Lassen Sie sich darauf ein!“ Dem neuen Intendanten ist es ernst mit seinem Neuanfang. „Lassen Sie sich einfach darauf ein“, bat er auf der Pressekonferenz, nachdem er bereits den ganzen Morgen nach Dieter Wedel und sogar der Lottofee Franziska Reichenbacher gefragt worden war, etwa mit der Fragestellung, ob das Wormser Publikum nicht diese erwarte und wolle. „Das Wormser Publikum ist ein gebildetes Publikum, viele kommen auch von weit her“, warb er stattdessen für seine Qualitätsoffensive, gerade was das Ensemble betrifft. Er sei derzeit im Gespräch mit ZDF-Intendant Thomas Bellut bezüglich einer Übertragung über 3sat, was für die ganze Region sehr wichtig sei. Zuvor hatten OB Michael Kissel und Bildungsministerin Vera Reiß die überregional ausstrahlende Bedeutung der Festspiele hervorgehoben. Einen „kulturellen Leuchtturm“, ja einen „Schatz des Landes“ nannte sie die Ministerin. Begeistert fieberten auch, so KVG-Geschäftsführer Sascha Kaiser, die Sponsoren mit, mit deren Hilfe man 2015 ein Budget von 3.6 Millionen Euro stemmen werde. Der Vorverkauf sei bereits in der Vorweihnachtszeit sehr gut angelaufen.
Das Töten beginnt im Kopf Statt Monologen bot die Pressekonferenz, moderiert von Rüdiger Suchsland, einen vielseitigen künstlerischen Vorgeschmack auf die diesjährige Darbietung. Schauspieler kamen auf dem Podium zu Wort, bis sich Regisseur Thomas Schadt einmischte, um „nicht zu viel zu verraten“. Albert Ostermaier las eine poetisch vielversprechende Schlüsselpassage („Der Orbit gehört Ortlieb“) aus seinem Stück „Gemetzel“, das bekanntlich nicht so blutrünstig inszeniert werden wird, wie es klingt. Denn „Das Töten, die Rache beginnt im Kopf“, ist ihm wichtig.
Bis zum Ende geht es darum, das Gemetzel zu verhindern „Es wird keine Gewaltorgie zu sehen sein. Mir geht es um das Gegenteil…. Die Gewalt ist beim Nibelungenstoff immer präsent, immer hautnah, sie ist in allen Köpfen, sie liegt als Drohung über allem, lauert wie ein Tier im Unterbewusstsein. Das Kind hofft die Gewalt durch das Spiel zu verhindern, spielerisch der Geschichte einen anderen Lauf zu geben. Bis zum Ende geht es darum, das Gemetzel zu verhindern.“ Leider habe sich die zeitlose Relevanz durch die internationalen Krisen weltweit immer mehr bestätigt. „Das Nibelungenlied ist wie ein Urtext, den wir durch unsere Gegenwart immer wieder neu vergegenwärtigen müssen. Wir müssen ihm dafür keine Gewalt antun, denn alle Gegenwart wohnt und wartet in ihm… Das Nibelungenlied ist, um mit Brecht zu sprechen, eine Wunde, die geschlossen, als Narbe weiterschmerzt.“
Für das von ihm koordinierte, künstlerische wie wissenschaftliche (Nibelungenliedgesellschaft) Rahmenprogramm kündigte Ostermaier Poetry Slam, Nibelungenhorde sowie Lesungen zu internationalen Konflikten mit Autoren aus aller Welt an. Einen Vorgeschmack aufs Rahmenprogramm gab Slammer Ken Yamamoto. Er trug einen eigenen Text zu einer zeitgemäßen „Götterdämmerung“ am Feierabend vor - Literatur mit manch scharfsinnigem Querbezug. „Du kannst nächstes Jahr das ganze Stück schreiben“, rief ihm Hofmann denn auch scherzhaft zu.
Insgesamt 13 Schauspieler, fünf Musiker sowie acht internationale Tänzer unter der Leitung des Choreographen Ted Stoffer werden im Sommer auf der Freilichtbühne zu sehen sein. Regisseur Thomas Schadt, der die Entscheidung für die Rollenvergaben, wie er schmunzelnd zum besten gab, meist nach einem Gespräch im Café getroffen hatte, betonte, worauf es ihm ankommt: auf schauspielerische Qualität natürlich und auf die „Lust, die Rollen mit Herzblut und Verstand zu verkörpern.“ Der Ensemblegedanke sei bei dieser Textfassung besonders wichtig, „weil sich in ihr keine Figur existentiell in den Vordergrund drängt. Alle zusammen erschaffen das `Gemetzel´ und jeder einzelne trägt seinen Anteil dazu bei.“
Die beiden Türme Auf Englisch, teils übersetzt von Moderator Suchsland, erläuterte auch Bühnenbildner Aleksandr Denic seine Ideen mit zwei bespielbaren Türmen auf dem Bühnenbild – die einen östlichen und einen westlichen Kulturkreis symbolisieren sollen. Der Dom gebe auch bereits viel vor, so Denic, der für seine detailverliebten, skurrilen, ja gerade zu „verrückten“ Ausgestaltungen berühmt und mehrfach ausgezeichnet worden ist. Auf Nachfrage mochte er dennoch nicht mehr verraten. Auch Choreograph Ted Stoffer und die Kostümgestalterinnen waren persönlich gekommen. Von Presseseite herrschte bis in den Nachmittag große Nachfrage nach Einzel-Interviews mit Intendanz und Ensemblemitgliedern.
Tickets: „Gemetzel“ wird vom 31. Juli bis 16. August 2015 an 16 Abenden aufgeführt (Montag, 10. August ist spielfrei). Die Tribüne auf der Nordseite des Wormser Kaiserdoms umfasst 1300 Plätze. Tickets können über die Hotline 01805 – 33 71 71 (0,14 Euro/Minute aus dem dt. Festnetz, Mobilfunk maximal 0,42 Euro/Minute), beim Nibelungen Kurier, Prinz-Carl-Anlage 20, 67547 Worms oder über die Internetseite www.nibelungenfestspiele.de bestellt werden.