Die Theaterbegegnungen am Sonntag boten interessante Einblicke in die Festspielbetrieb
„Der Geist von Worms“
Die Theaterbegegungen am Sonntag boten interessante Einblicke rund um den Festspielbetrieb.
Von Regina Urbach Bei den Theaterbegegnungen am Sonntag erhielt vor allem Thomas Laue, seit letztem Jahr als Dramaturg eingesprungen und ab nächstem Jahr künstlerischer Festspielleiter, Gelegenheit, Profil zu zeigen. Mit der ersten Resonanz auf die Premiere bei Publikum und Kritik waren sowohl er als auch Intendant Nico Hofmann sehr zufrieden. Hofmann sah sich darin bestätigt, dem Publikum auch komplexe Stücke zuzutrauen. Laue prophezeite der diesjährigen GLUT ein langes „Nachglühen“ in weiteren Diskussionen. Festspielbesucher bestätigten dem NK, sie hätten das Stück besser oder auch überhaupt erst verstanden, nachdem sie die Schnupperprobe zum Rheinhessenjubiläum oder die Ostermaier-Lesung besucht hatten. Dort hatte der Autor verraten, wie er auf den Stoff gekommen ist und was ihn am Vorderen Orient fasziniert: „Dieser Kulturraum ist viel vielseitiger, als es in den Medien herüberkommt. Hier sind die Poesie und die Erzählkunst zuhause.“ Kultureller Reichtum existiere neben eklatanten Widersprüchen, Gewalt neben Kreativität, intensiv „wie durch ein Brennglas“. In Verwandlungen, Durchdringungen verschaffe sich ein übermächtiger Mythos Durchbruch: Agenten im Wanderzirkus, Expeditionsteilnehmer, die selbst „immer arabischer werden“ und doch am Ende nibelungisch untergehen. Dieser Durchbruch des Mythos erscheint nun als „Leitmotiv“ in allen Stücken der Trilogie.
Und wozu nun ein Dramaturg? Thomas Laue beschrieb sein Wirken als – zum Teil sicher durch die Komplexität von GOLD und GLUT bedingtes – Fokussieren und Spielbar-Machen. Als „Legionär“ sei er letztes Jahr nach Worms gestoßen und sofort angetan: nicht nur von Dom und Rhein, was für einen Kölner ja schon etwas heißen will, sondern von der Arbeit vor Ort. „Man muss auch groß denken können“, lobte er die Kulturverantwortlichen. Augenzwinkernd sprach er vom „Geist von Worms“ im Ensemble, das sich familienähnlich zusammengefunden habe. Bereits auf Ostermaiers Lesung hatte Laue bekannt: „Es gibt keine lustvollere Art zu proben als diejenige hier in Worms“. Die ganze Stadt, so sein Eindruck, befinde sich im Nibelungenfieber, stehe hinter diesen Festspielen.
2018: Der Tag nach dem Untergang/ Auf Schatzsuche nach Worms
Das Stück fürs nächste Jahr aus der Feder von Feridun Zaimoglu, von dem schon die Erstfassung vorliegt, spielt mit den überlebenden Nibelungenfiguren weiter, beispielsweise Brünhild. Man trifft sich in Worms zur Schatzsuche. Ob es etwas zu bedeuten hat, dass Hofmann mehrfach Maria Furtwängler erwähnte? Regie führt Theaterregisseur Roger Vontobel (Düsseldorf), der von sich sagt, er sei stark vom Film geprägt und mit dem Laue bereits zusammenarbeitete. Wie Calis bringt der gebürtige Schweizer Vontobel Mitstreiter für Bühnenbild und Lichtdesign mit. Auf eine Domseite zum Bespielen wollte man sich noch nicht festlegen.
Ergänzt wurden die Theaterbegegnungen, die mit erstmals zugelassenen Publikumsfragen und herrlichem Wetter auch wirklich Begegnungen wurden, durch Kabarett von Faltzsch Wagoni, Musik von den Festspielen und der ambitionierten Diskussion um die Sprache im Theater, „Deutsch ist Dada hoch drei“. Trotz spürbar erhöhten Eintritts waren die Reihen gut gefüllt.
Mindestens so wohltuend für die Stadt wie berühmte Namen im Ensemble sind solche im Rahmenprogramm. Die Vorstellungen von Senta Berger und Katja Weitzenböck, schon lange ausverkauft, und ein Auftritt von Mario Adorf bei den Festspielfreunden weisen den Weg. Der Grandseigneur des deutschen Films - mit 87 Jahren immer noch vor der Kamera und auf der Premiere gesichtet, wie er allein durchs Publikum schlenderte - plauderte, las, sang und nahm Alle für sich ein. Von der Ostermaier-Trilogie gefiel ihm die diesjährige Inszenierung am besten, verriet er.
Zahlreiche Schauspieler aus den letzten Jahren zog es „freiwillig“ zurück nach Worms. „Staffelübergaben“, also aufeinander folgende Engagements von Schauspielern wie in diesem Jahr Alexandra Kamp, Sascha Göpel, Dennenesch Zoudé und Ismail Deniz, wünscht sich Laue auch künftig. Denn nur so funktioniert der „Geist von Worms“.