Beim Raschi-Vortrag von Ruth Lapide platzte am Dienstagabend das Raschi-Haus aus allen Fugen
„Der Glaube ist ein Weg zur Suche nach Wissen“
Ruth Lapide fesselte ihre zahlreichen Zuhörer mit Witz und einem lebhaften, kenntnisreichen Vortrag voll aktueller Bezüge. Foto: Regina Urbach
VON REGINA URBACH Lebendig, humorvoll und voll schelmischer Kommentare würdigte die Frankfurter Religionswissenschaftlerin und vielen aus Bibel TV bekannte Autorin Ruth Lapide Leben und Wirken des jüdischen Talmudgelehrten Raschi (Schlomo Jizchaki, 1040-1105), der in Worms wirkte und eine Gelehrtenschule eröffnete.
Der Saal des Raschi-Hauses war am Dienstagabend zu voll, um allen Zuhörern Platz zu bieten.
Lapide zeichnete Raschi als kenntnisreichen, weisen und wirkmächtigen Gelehrten, der im Worms der Vorkreuzzugszeit noch gute Bedingungen für seine Gelehrtenschule mit Hunderten von Schülern vorfand. In seiner Geburtsstadt Troyes in Burgund und im zeitgenössischen Paris habe damals schon ein inquisitorischer, bildungsfeindlicher Geist geherrscht; in der Folge wurden 1248 in Paris alle Talmudschriften verbrannt, deren man habhaft wurde, darunter viele aus Raschis Feder.
„Talmud“ bezeichnet Kommentare zum Alten Testament (Tora), die notwendig sind, um die Heiligen Schriften zu verstehen und sie auf Fragen des täglichen Lebens anzuwenden. Raschi habe in seine Kommentare, die weit über seinen Tod hinaus in hohem Ansehen standen, auch gesunden Menschenverstand, Lebenserfahrung und Humor einfließen lassen, würdigte Lapide.
Raschi ein „großer Meister“
Ebenso wie ihr verstorbener Mann, der Religionsphilosoph Pinchas Lapide, beschäftigt sie sich seit Jahrzehnten mit Raschis Werk und Wirken, dem „großen Meister“, wie sie sagte. Ihre Ausführungen würzte sie lebhaft mit Anspielungen auf religiöse Toleranz, Wertschätzung von Wissen und Bildung oder Pädagogik heutiger Tage. „Glaube und Wissen gehören zusammen“, betonte sie dabei: „Der Glaube ist ein Weg zur Suche nach Wissen.“ Etwas zu kurz kam dabei wirklich Neues zum Leben und Wirken Raschis in Worms. Erwähnung fanden die Legende der vor seiner schwangeren Mutter zurückgewichenen Wormser Wand, die Herkunft des namens „Heiliger Sand“ oder des „Roten Meers“ als Übersetzungsfehler (eigentlich als „Reet-“ bzw. „Schilfmeer“ zu übersetzen).
Die Veranstaltung fand in Kooperation der Stadt Worms, des Jüdischen Museums, des SchUM-Städte-Vereins und der Jüdischen Gemeinde Mainz-Worms im Beisein vieler von deren Repräsentanten statt und wurde von Dr. Susanne Urban, Geschäftsführerin des SchUM-Vereins und Dr. Gerold Bönnen, Leiter des Stadtarchivs, moderiert. Auf die zahlreichen Fragen antwortete die betagte Rednerin charmant und schlagfertig und versprach, mit ähnlichen Vortragsthemen wieder nach Worms zu kommen.