Autorin Franziska Steinrauch las im café gleis 7 des Caritasverbandes aus ihrem Buch „Der kluge Säufer“ vor
Die gewaltige Macht der Sucht
Klein und unprätentiös steht Franziska Steinrauch vor uns an einem hohen Kaffeetisch, liest, erzählt, blättert, liest weiter.
Alle Stühle sind besetzt. Dennoch ist es mucksmäuschenstill am 23. Oktober 2017 im café gleis 7 des Caritasverbandes, als Franziska Steinrauch aus ihrem „Der kluge Säufer“ liest. Bewegende und sehr persönliche Einblicke in die Liebe zu ihrem alkoholkranken Mann gibt sie darin. Und in die gewaltige Macht der Sucht, die ihr gemeinsames Leben zu zerstören drohte.
Von Liebe…
„Roman von Liebe und Sucht“ – so lautet der Untertitel ihres Buches. Und die Beschreibung der ersten gemeinsamen Zeit ist so sinnlich, dass man die Berührung weicher Haut zu fühlen meint. Alles wird lebendig: Die Wucht ihrer Liebe, das einander Verstehen, die Nähe, das füreinander da Sein. Damals, vor drei Jahrzehnten. Klein und unprätentiös steht Franziska Steinrauch vor uns an einem hohen Kaffeetisch, liest, erzählt, blättert, liest weiter. Nimmt uns mit auf eine Reise durch ihr Leben mit Enno, der in Wirklichkeit, wie sie selber auch, anders heißt. Vor allem ihr Umfeld will sie damit schützen.
…und Sucht
Enno trank schon vor ihrer Zeit. In ersten Jahr sahen sie sich nur an Wochenenden und in kurzen Urlauben und er konnte es vor ihr verheimlichen, indem er sich disziplinierte. Doch kaum verbrachten sie mehr Zeit miteinander, war es damit vorbei. Sie habe gewusst, dass
sie einen Alkoholiker heirate, erzählt sie später. Gewusst – und es gleichzeitig nicht wissen wollen.
Dieser Widerspruch, das Leben mit Lügen und in verschiedenen Wirklichkeiten, ist eines ihrer zentralen Themen. Wer nie persönlich mit Sucht konfrontiert war, mag das nur schwer verstehen. Das weiß die Autorin sehr gut. Gut möglich, dass sie auch deshalb ihre
Erfahrungen mit so viel Offenheit beschreibt. Dabei bezieht sie auch Ennos Erleben mit ein, denn vor einigen Jahren gab er ihr seine eigenen Tagebücher aus jener Zeit.
Fast zwei Jahrzehnte lang hat Franziska Steinrauch ihren Mann und seine Krankheit gedeckt, auch Freunden gegenüber. Hat dem Suff harmlose Namen gegeben, Enno wegen Kopfschmerz und Müdigkeit entschuldigt. Musste mit seinem körperlichem Verfall, vor Sorge schlaflosen Nächten und überzogenen Konten zurechtkommen und erleben, dass er selber an der Scham fast zerbrach und keine Kraft mehr für die Liebe oder auch nur für ein Lächeln für sie übrig hatte. Einmal wäre er fast draußen erfroren – ausgerechnet in einer Nacht, in der sie ihn nicht suchen ging. Kontrolle und Misstrauen musste sie so sehr zu ihrer zweiten Natur werden lassen, dass sie sie nie wieder ganz abschütteln konnte.
Von all dem liest und erzählt Franziska Steinrauch an diesem Abend. In der konzentrierten Ruhe ihrer Zuhörerinnen und Zuhörer wird dabei eine Frage fast mit Händen greifbar: Hat Enno den Weg aus der Sucht gefunden?
Irgendwann kämpften sich Momente der Wahrheit den Weg an die Oberfläche. Er hat. Seit 2005 ist er trocken. Ohne klinischen Entzug und Therapie hat er es geschafft. Wie und warum? Frau Steinrauch gibt darauf keine eindeutige Antwort. Aber irgendwann bahnen sich Momente der Wahrheit ihren mühsamen Weg an die Oberfläche. Sie hört auf, Ennos Trinken vor anderen zu vertuschen; erkennt in einem Moment überwältigenden Schmerzes, dass sie keinen Weg mehr zu ihm finden. Sie findet zu einer Einsicht, die viele Angehörigen meiden: Selbst ihre Liebe wird ihn nicht retten. Sie überlegt, ihn zu verlassen.
Auch bei ihm geschieht etwas. Das erste mal spricht er das Wort „Suchtdruck“ ihr gegenüber aus, lässt ein vorsichtig offenes Gespräch mit seinem Hausarzt zu. Es scheinen Kräfte in ihm zu wirken, die seine Selbstüberschätzung und -täuschung zum Bröckeln bringen. Vielleicht sind es die inzwischen schweren körperlichen Folgen, vielleicht ist die Scham nicht mehr erträglich. Während sie auf einer Reise ist, hört er auf zu trinken. Von einem Tag auf den anderen. Für Franziska Steinrauch hat es nach wie vor etwas von einem Wunder, denn kennt die gewaltige Macht der Sucht und wird nicht müde zu betonen, dass Alkoholismus keine Charakterschwäche sondern eine schwere
chronische Erkrankung ist.
Franziska Steinrauch beschreibt all das in einer dichten, bilderreichen Sprache; kunstvoll, doch nie künstlich oder konstruiert. Ihre Worte dienen immer dem Verstehen. Dabei vereinfacht sie nicht, sondern lässt Komplexität zu, ohne kompliziert oder schwer zu wirken. Auch in den hässlichsten Wahrheiten sind ihr Respekt vor Enno und seiner Würde lebendig. Und ihre große Liebe. Und so beschließt sie den Abend nach einem konzentrierten Austausch mit den Gästen, wie sie ihn begonnen hat – mit einer Liebeserklärung an ihren Mann: Sie sei glücklich mit ihm – und nie reiße das Gespräch miteinander ab.
Suchtarbeit des Caritasverbandes Worms
Eingeladen hatte zu der Lesung die Fachstelle Frauenspezifische Suchtarbeit des Caritasverbandes Worms e.V. Dort, im ersten Stock der Renzstraße 3, direkt über dem café gleis 7, finden von Suchterkrankungen Betroffene und ihre Angehörigen Unterstützung und Beratung.
In ihren einleitenden Worten sprach die Sucht- und Sozialtherapeutin Nicole Stephan über die große seelische Belastung der wachsenden Zahl von Frauen mit alkoholkranken Angehörigen, die beim Caritasverband Unterstützung suchen. Ob Mutter, Tochter oder Partnerin, sie alle eine „…die Sorge um ihre Angehörigen einhergehend mit einem Gefühl ihrer Machtlosigkeit.“ Abgrenzung falle ihnen schwerer als angehörigen Männern und sie hielten länger an der Hoffnung fest „…sich dabei selbst komplett aus den Augen verlierend.“
Wer Rat sucht oder an der Teilnahme an einer Angehörigengruppe interessiert ist, kann sich unter 06241 20617 31 oder nicole.stephan@caritas-worms.de an Frau Stephan wenden.