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  • Mi., 21. Oktober 2020, 08:26 Uhr
    Zum Weltschlaganfalltag am 29. Oktober: Selbsthilfegruppe für Schlaganfall-Betroffene trifft sich am 14. November um 15 Uhr in der Café Bar Borgnolo im Haus am Dom

    Die innere Immigration verhindern helfen!



    Eric Noppenburger und Reinhard Wunderlich freuen sich auf viele Interessierte an ihrem Angebot – vorbehaltlich der Entwicklungen der Corona-Pandemie (von links). Foto: Robert Lehr


    „Alle reden heute von der Elektromobilität – ich praktiziere sie schon seit Jahren!“. Reinhard Wunderlich nennt seinen Elektrorollstuhl mit Versicherungskennzeichen liebevoll „meinen Porsche“ und der daran baumelnde Wimpel unterstreicht die positive Tatkraft seines Fahrers: „Luctor et emergo“ ist da auf Latein zu lesen; „Ich ringe und komme nach oben“ – Wahlspruch und Wappen der niederländischen Provinz Zeeland, in der Wunderlich familiäre Wurzeln hat. Zeeland hat einen großen Teil seines Landes dem Meer abgerungen, weswegen das Wappen den niederländischen Löwen zeigt, der bis zur Hüfte im Wasser steht.

    Reinhard Wunderlich ist seit einem schweren Schlaganfall vor 11 Jahren halbseitig gelähmt und daher auf Hilfe und den Rollstuhl angewiesen. Aber dem 67-jährigen, vitalen Senior ist es gelungen, das Beste aus seiner Situation zu machen und möchte seine Energie auch darüberhinaus zu nutzen, um anderen zu helfen. „In Worms gibt es schon seit Jahren keine Selbsthilfegruppe mehr für Betroffene von Schlaganfällen – das will ich gerne ändern!“, betont Wunderlich, der während seines Berufslebens als Betriebswirt verschiedene Leitungsfunktionen hatte. Zuletzt war er Geschäftsführer bei „LR Health- & Beauty-Systems“.

    Um sein Selbsthilfe-Projekt zu realisieren, hat sich Reinhard Wunderlich jetzt mit Eric Noppenberger zusammengetan. Der 42-Jährige ist gelernter Krankenpfleger und stellvertretender Stationsleiter der Neurologie/Stroke unit des Klinikums Worms. Noppenberger hat eine Zusatzausbildung für die Stroke-unit, in der Schlaganfall-Akutfälle behandelt werden. Diese Spezialstation ist von der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft zertifiziert und versorgt Schlaganfallpatienten mit speziell ausgebildeten Ärzten und Pflegekräften auf medizinisch höchstem Niveau.

    Wunderlich und Noppenberger unterstreichen, dass es für Betroffene wie Angehörige immens wichtig sei, sich auszutauschen. „Ich habe mit den Patienten in erster Linie zu tun, wenn sie direkt nach dem Schlaganfall zu uns kommen“, so Noppenberger. Die Patienten blieben 1 bis 5 Tage auf der Stroke unit und würden dann rasch für die Reha angemeldet. Im Verlauf der Behandlung kämen sie dann auch auf die Neurologische Station und würden relativ zügig in die Reha geschickt, sobald ein Platz frei werde.

    Mit seiner Erfahrung und seinem Fachwissen rund um die Krankheit möchte Eric Noppenberger gerne helfen, Betroffene auch nach Klinikaufenthalt und Reha zu begleiten. „Die Folgen eines Schlaganfalles sind vielfältig“, weiß der Fachmann. Sie reichten von „leichten motorischen Beeinträchtigungen über Sprachstörungen, aber auch schweren Lähmungserscheinungen wie bei Herrn Wunderlich, oftmals auch bis hin zum Tod“.

    Hohe Sterbe- und Invaliditätsrate
    „Es gibt jedes Jahr bis zu 270.000 Schlaganfälle in Deutschland!“, unterstreicht Reinhard Wunderlich die Dimension der Krankheit, die in über 50.000 Fällen zum Tod führt. Mit einer Invaliditätsrate von 30 bis 35 Prozent ist sie zudem die häufigste Ursache für mittlere und schwere Behinderungen. Wunderlich gehört zu letzteren Gruppe, hat sich nach eigenen Worten aber „nie gehen lassen“, obwohl er gerade in der Anfangsphase das massive Gefühl der Hilflosigkeit hatte.

    Damals hatte er „Glück im Unglück“, so Wunderlich. Denn sein Haus in Herrnsheim sei bereits behindertengerecht umgebaut worden, weil er hier gemeinsam mit Gattin Angelika schon seine pflegebedürftige Mutter gepflegt habe. Heute wohnt das Ehepaar Wunderlich in einer barrierefreien Wohnung in Pfiffligheim und vor allem er genießt die größere Nähe zur Innenstadt. „Mein Porsche hat ,Saft’ für 35 Kilometer, damit komme ich gut rum“, so Wunderlich augenzwinkernd

    „Ungeduldig und stur“
    „Ich bin so froh, inzwischen keine Hilfe mehr von der Sozialstation zu benötigen“, so Wunderlich, der lediglich beim Duschen die Unterstützung seiner Frau brauche. Anziehen könne er sich nach langem Üben wieder selbst und da seine Frau noch voll berufstätig sei, kümmert er sich zwischenzeitlich um den Haushalt. „Hier kann ich mithilfe meiner Stöcke z.B. Saugen oder Staub wischen“, betont Wunderlich stolz,  damit könne er seiner Frau etwas von ihrer Hilfe für ihn zurückgeben.

    Einem seiner Hobbys dem Basteln, könne er mit Hilfsmitteln wie einem Schraubstock auch wieder nachgehen. Nächstes Projekt sei eine Bronzestatue mit den verschlungenen Händen seiner Frau und sich. Die werde dann im Garten vor einer Sandsteinmauer aufgestellt.

    Dass es ihm jetzt wieder so gut gehe, führt Wunderlich gerade darauf zurück, dass er „ungeduldig und stur wie ein Ochse“ sei. Daher habe er sich mit viel Geduld und Übung „ins Leben zurückkämpfen müssen“. Die Gefahr bestehe, so Wunderlich, dass man sich nach einem Schlaganfall leicht in eine „innere Immigration“ verabschieden. Noppenberger ergänzt, dass es schwierig sei, unmittelbar nach dem Schlaganfall mit den Sprachstörungen und/oder  Lähmungserscheinungen zurecht zu kommen. Da brauche es „sehr viel Einfühlungsvermögen!“.

    Monatliche Treffen
    Der Stammtisch soll ab Samstag, dem 14. November, um 15 Uhr, in der Café Bar Borgnolo im „Haus am Dom“ stattfinden. Danach will man sich dort einmal im Monat treffen. Sonntag sei ein geeigneter Tag, da hier auch die Angehörigen meistens Zeit hätten, erklärt Reinhard Wunderlich. Das Café sei zudem barrierefrei und daher bestens geeignet. Für das erste Treffen gebe es bereits Voranmeldungen. Da die Organisatoren noch nicht wissen, ob und wie das Treffen wegen der Entwicklung der Corona-Pandemie überhaupt stattfinden kann, bitten sie um Anmeldung bei Reinhard Wunderlich unter Telefon 06241/76610, mobil unter 0178/5367139 oder per E-Mail reinhard.wunderlich@mail.de So könne man auch sehr gut in Kontakt bleiben.

    Bei den Treffen sollen Erfahrungen ausgetauscht werden, aber auch Tipps z.B. für die Freizeitgestaltung. So weiß Wunderlich von rollstuhlgerechten Wanderwegen im Schwarzwald oder Reiseveranstaltern, bei denen z.B. die Begleitkraft eines Rollstuhlfahrers ihre Kreuzfahrt-Passage nicht bezahlen muss. Wunderlich und Noppenberger sind offen für Themen, die besprochen werden sollen. Alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind hier eingeladen Vorschläge zu machen.



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