KONZERTBERICHT: Britische Weltstar gibt zwei fulminante Konzerte in Frankfurt / Hits „reworked“ am laufenden Band
Die Robbie-ness ist zurück!
Der britische Superstar Robbie Williams konnte Hit an Hit reihen. Foto: Rudolf Uhrig
Von Rudolf Uhrig › Aus der Renaissance, dem Barockzeitalter, aber auch von der Neuzeit her kennt man sie, die Sockel und Säulen, die die griechische und römische Antike hervorbrachte. Und auf solch einem Podest hat er Platz genommen. Es ist eher ein schlichter Stein, nicht verziert nach dorischen, ionischen, toskanischen oder korinthischen Anordnungen, aber eben erhöht, wie es wohl einem der größten Popstars unserer Zeit gebührt.
Muskulös und nackt, die Scham verhüllend, fast so wie Auguste Rodins‘ Meisterwerk „Der Denker“, ist er da zu sehen. Und wie man weiß, hat der Franzose, damals vor 120 Jahren, mit vielen Traditionen gebrochen, worüber sich das Publikum stark echofierte. Ganz so wie es der aktuelle Protagonist, Robbie Williams, getan hat. Zumindest in jener Zeitspanne, die man bei Williams mit dem „imperialen“ oder „kaiserlichen“ meint. Diese textilfreie Skulptur des Briten ziert nun das Cover seiner aktuellen CD, und die Tour, die seiner 25-jährigen Solokarriere gewidmet ist und somit die römische Zahl „XXV“ trägt. Keine neue Single wird damit promotet; es ist vielmehr das bisherige gesamte Hitmaterial, das durch Guy Chambers, Steve Sidwell und Jules Buckley neu arrangiert, orchestriert und mit dem niederländischen Metropole Orkest eingespielt wurde.
18 Brit Awards
Robbie Williams ist in seiner Heimat ein nationales Kulturgut, einer der meistverkauften Künstler der Gegenwart. Seine Tonträger wurden weltweit mehr als 77 Millionen Mal verkauft. Er erhielt mit 18 BRIT Awards mehr als jeder andere britische Künstler sowie 2006 einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde für 1,6 Millionen an einem einzigen Tag verkaufte Eintrittskarten für seine Welttournee Close Encounters Tour. Und er hat mit diesem Album als Solokünstler mit den meisten Nr.1-Alben im Vereinigten Königreich Elvis Presley überholt.
Die Pose des Denkers verschwindet in der ausverkauften Frankfurter Festhalle, dem ersten von zwei Konzerten in der Main-Metropole. Robbies Silhouette taucht im blauen Screen hinter der Band auf, eingefroren in einer Elvis-Pose – welch ein Zufall. Dann weicht der Scherenschnitt dem sichtbaren Robbie Peter Williams. Die goldene Paillettenweste von Dolce & Gabbana bringen seine muskulösen und tätowierten Arme zur Geltung. Die leicht ergrauten Haare zu „Spikes“ gegelt, eine Tolle vorne enthüllt dann die „wahre Pracht“ etwas weiter hinten und unten, den französischen Vokuhila. Der 80er-Jahre Look, so sagt man, sei wieder „in“, und somit ist Robbie wohl wieder seiner Zeit voraus.
Rock- und Pop-Bombast
Er trägt silberne und diamantbesetzte Armbänder, am Hals die schon bekannte Kette mit den Buchstaben „fuck off.“ Outet sich der Goldjunge jetzt doch wieder als Bad Guy? „Verpiss dich … lass mich in Ruhe mit deinem Scheiß“. Eher eine Diktion, eine Reminiszenz an die Dämonen vergangener Tage? Denn die, so verspricht er, werden jetzt und heute in dieser Show schonungslos aufgearbeitet. „Happy as fuck“ wie er sagt, so ist er in seinem Element. Die hochoktanige Show aus Rock- und Pop-Bombast beginnt mit – natürlich – „Let Me Entertain You“, gefolgt von einer Interpretation des Wilson Picketts-Hits „Land Of 1000 Dances“ – die „Robbie-ness“ ist zurück. „Aber“, so sagt er, „es wird sehr düster für mich, eine Art Therapie und sehr emotional für euch sein, auf jeden Fall unterhaltend“.
Er schaltet um in den Entertainer-Modes; führt seine siebenköpfige Band und die sechsköpfige Tanztruppe durch eine turbogeladene Darbietung, die bis ins kleinste Detail choreographiert ist. Audicue-Bildschirme sind sogar von den großen Höhen des oberen Rangs zu sehen. Tänzerinnen und Tänzer wechseln ihr Outfit passend zu den Videos und Animationen der Bildschirme. Williams springt in seiner Zeitleiste hin und her. Moderiert, erläutert, erklärt mal selbstironisch oder auch schwadronierend, denn dies ist das Gerüst der Show, die ihn durch eine 32-jährige Odyssee führt, angefangen freilich bei Take That.
Immer wieder setzt er sich hin, mal auf einen Barhocker, mal auf eine Treppe, es sind wohl die Orte wo er am besten sinniert, nachdenkt und meint:
"My Bed's Full Of Takeaways, Of Fantasies Of Easy Lays" und "I Don't Wanna Die, But I Ain't Keen On Living Either", "I'm A star But I'll Fade”, "Youth Is Wasted On The Young", ja, der Star denkt jetzt wie der Denker, den jene Zeilen und Songs hat er nahe an einem Abgrund geschrieben.
Da friert das Video ein, just als da ein knackiger Hintern zu sehen ist … Robbie meint „ich würde ja sagen, das ist meiner, aber ist er nicht, es ist der von Mark Owen.“ Und er denkt an die Zeit, als er 1995 beim Glastonbury-Festival mit Kokain und Champagner ankam, um dreist mit den Brit-Pop-Ikonen schlechthin, Oasis, mithalten wollte. „Don’t Look Back In Anger“ ist seine Reflexion darauf, oder eben – an den Hintern gedacht – die Abrechnung mit Noel Gallagher.
Natürlich, so sagt es Williams, sind einige Stücke „reworked“; Steicher, Klarinette und Hörner sorgen bei Balladen wie „Come Undone“ oder „She’s The One“ für Pathos. Und auch „Angels“ gehört dazu, das so getragene „Eternity“, das dem „Gewürzmädchen“ Gari Halliwell gewidmet ist, „Feel“ intoniert Robbie ganz, ganz fantastisch und auch „No Regrets“ wird mit schmetternden Bläsern zu dem zur treibenden Filmmelodie, einem Bond-Theme. Originell kommen „Rock DJ“ und „Kids“ aus den Anfängen der Nullerjahren daher, freilich kommerziell sehr, sehr erfolgreich.
Tickets ab 100 Euro
Apropos kommerziell: Die Tour die den britischen Superstar bis August durch Europas ausverkaufte Hallen führt, dürfte sich auch auf dem Tagesgeldkonto des Stars bemerkbar machen, denn die Tickets fangen so bei 100 Euro an …! Kein Neid, soweit muss man erst mal kommen. Und außerdem, in Großbritannien ist die Inflationsrate noch mal höher als bei uns. Gut, Mitleid wäre jetzt auch fehl am Platze.
Was passt da besser als „Love My Life“ aus 2016, wo Robbie meint „Ich bin mächtig, ich bin schön, ich bin frei, ich liebe mein Leben“. Übrigens, an dieser Stelle war „Party Like A Russian“ vorgesehen.
Nach zwei Stunden ist mit Zugaben Schluss. Es war ein charmantes und mit Hits vollgepacktes Set, wie man es sich von Superstars auch wünschen und erhoffen kann. So gesehen, darf sich die Fan-Gemeinde auf ein von ihm für nächstes Jahr angekündigtes vollkommen neues Album freuen.