Mi., 16. Februar 2022, 17:54 Uhr
HOCHHEIM: NABU verärgert über eigenmächtiges Handeln der Stadt / Rückzug aus Projekt an der Bergkirche
„Ehrenamtliches Engagement mit Füßen getreten"
Die Aktiven des NABU sind mächtig sauer und schmeißen hin: Sie hatten mit ihrer AG „Blühender Wonnegau“ eine Fläche vor der Hochheimer Bergkirche naturnah herrichten wollen, nun sei diese Arbeit jedoch durch eigenmächtiges Handeln der Stadt praktisch zerstört worden.
Die Vertreter der Kirchengemeinde und die Pfarrerin wollten im Jahr 2020, dass die große Rasenfläche vor der Kirche naturnah und insektenfreundlich gestaltet wird und fanden im NABU einen Ansprechpartner. Deshalb luden sie im damaligen September die Leiterin der NABU-AG, Waltraud König, zur Sitzung des Kirchengemeinderates ein. Da sich die Fläche im Eigentum der Stadt befindet, fand im Oktober 2020 ein Treffen zwischen Grünflächenamt, Umweltamt, zwei Vertretern des ebwo, Frau Wolf von der Kirchengemeinde und dem NABU statt. „Dabei wurde einvernehmlich vereinbart, wie die Fläche hin zu einer naturnahen Wiese entwickelt werden sollte“, heißt es in einem Schreiben des NABU.
Entwicklung war sehr positiv
Zunächst hätte man nach Angaben des Naturschutzbundes die vorhandenen Pflanzen wachsen lassen, Kartierungen durchführen und gezielt mähen wollen. Weiter sei angedacht gewesen, bei Bedarf Mahdgut von einer renaturierten ortsnahen Blühwiese aufzubringen und Frühjahrsblüher wie Schneeglöckchen, Traubenhyazinthen, Elfenkrokusse, Weinberg- und Wilde Tulpen und Narzissen zu pflanzen. „Die Entwicklung war sehr positiv“, erinnert sich Waltraud König zunächst über den guten Beginn der Aktion „im Frühjahr 2021 sah die Fläche gut aus. Es blühten einige Frühblüher wie Narzissen und Schlüsselblumen, sowie Wiesenpippau, Schafgarbe, Feldehrenpreis, Wiesensalbei und weitere Arten“.
„Um die unerwünschte Ausbreitung der Luzerne zu unterdrücken, wurde einmal durch die Stadt und einmal durch den NABU gezielt gemäht und zusammen mit der Kirchengemeinde und Jugendlichen der Pfadfindergruppe Luzerne per Hand entfernt. Parallel dazu wurde ein Infoschild mit Erläuterungen aufgestellt. Bis dahin lief alles nach Plan“, so der NABU. Doch dann hätte die Stadt im Dezember vergangenen Jahres entgegen jeglichen Absprachen und auf Anordnung von Erich Kulling von der Abteilung Grünflächen die Fläche gemäht und ebenfalls ohne Rücksprache 1.000 Zwiebeln vom sogenannten „Iranlauch“ durch den ebwo einsetzen lassen.
NABU ist fassungslos
„Wir wurden weder darüber informiert noch gefragt, ob diese nicht heimische Pflanze auf eine naturnahe Wiese passt“, ärgert sich Waltraud König über das eigenmächtige Handeln. Auch Pfarrerin Siegel-Körper und der Kirchengemeinderat seien entsetzt darüber. In einer Mail an den Ortsvorsteher von Hochheim erging die Aufforderung, die Zwiebeln sofort wieder zu entfernen. Das sei jedoch von der Stadt mit der Begründung, dass der Lauch toll aussehe, abgelehnt worden. „Es geht aber nicht darum, dass es toll aussieht, sondern wie eine naturnahe, blühende Wiese entsteht. Durch das Eingraben von 1.000 Lauchzwiebeln, die in einer solchen Wiese absolut nichts verloren haben, ist jetzt freier Boden entstanden, auf dem sich die Luzerne wieder gut ausbreiten kann“, empören sich die NABU-Mitglieder.
„Zum Scheitern verurteilt"
„Für uns bleibt die Erfahrung, dass Versuche städtische Flächen naturnah zu gestalten durch Engstirnigkeit von Verwaltungsmitarbeitern von vornherein zum Scheitern verurteilt werden“, bekunden die NABU-Mitglieder in ihrem Schreiben und erklären, sich nun aus dem Projekt an der Hochheimer Bergkirche zurückzuziehen. „Das tut uns für die Kirchengemeinde leid, doch wir können uns nicht mit solch einer Fläche identifizieren und den nun entstandenen Murks weiter bearbeiten“, bedauert Waltraud König das unschöne Ende der geplanten Aktion.
„Grobe Missachtung"
Seit Jahrzehnten weise der Naturschutzverband vergeblich darauf hin, dass z.B. blühende Hochstauden und bunte Wiesen von der Stadt nicht mitten in der Blüte platt gemacht werden sollten. Es habe seitens des NABU häufig Versuche einer naturnahen Entwicklung städtischer Flächen gegeben, die häufig an der Verwaltung gescheitert seien. „Dieses Verhalten haben wir die letzten 30 Jahre immer wieder erlebt“, berichtet Vorsitzender Bösl. „Die Stadt hätte sich einfach heraushalten sollen, schließlich ist die Kirchengemeinde mit gutem Grund an den NABU herangetreten und nicht an die Verwaltung", heißt es abschließend.