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  • Do., 27. April 2023, 14:11 Uhr
    KUNSTRAD: Die Peruanerin Gracia Sotomayor lebt ihren sportlichen Traum beim VfH Worms / Ehrung für südamerikanische Botschafterin des ästhetischen Sports beim 46. Wormser Kunstradsport Cup

    Ein Herz voll Leidenschaft für Kunstradsport

    Tricks auf dem Fahrrad erlernen und andere Menschen in ihrer Heimat Peru und ganz Südamerika für den Kunstradsport begeistern, das ist die Welt von Gracia Sotomayor. Beim VfH Worms hat die lebensfrohe Frau in der Nibelungenstadt eine zweite (Sport-)Familie gefunden. Foto: Marcus Diehl


    Von Jürgen Jaap > Es ist eine der wohl ungewöhnlichsten Geschichten im internationalen Radsport, vielleicht sogar im Sport überhaupt. Vergleichbares könnte man – wenn überhaupt – mit Michael „Eddie the Eagle“ Edwards anführen. Der britische Pionier im Skispringen wollte unbedingt zu Olympia 1988 im kanadischen Calgary, warf dafür alles über Bord, um Skispringer zu werden. Ähnliches gilt für eine junge Frau aus Südamerika. Im Alter von 30 Jahren quittierte Gracia Sotomayor ihren Job. Von einem Tag auf den anderen krempelte die Peruanerin ihr Leben um. Bei einer Zirkus-Veranstaltung wurden Kunststücke auf einem Rad vorgeführt. Das beeindruckte Gracia Sotomayor derart, dass sie einen weitreichenden Entschluss fasste: „Ich wollte mehr über den faszinierenden Sport auf einem Rad wissen und ihn erlernen.“ Problem nur: In Peru und ganz Südamerika ist Kunstradsport kein Begriff. Die sportliche Symbiose aus Körperbeherrschung, Athletik und Anmut zusammen mit einem Fahrrad hat in Europa ihr zu Hause.

    Über Spanien und Ungarn zum VfH Worms

    Das Internet und speziell Instagram halfen Gracia Sotomayor dabei, nähere Informationen über den Kunstradsport zu erfahren. Sie machte sich also zunächst auf nach Spanien, da sie die spanische Sprache spricht. Von dort ging es nach Ungarn, wo Kunstradsport schon etwas mehr Bedeutung als auf der iberischen Halbinsel besitzt. Dort wurde über Martin Schön, den WM-Vierten 2022 und einen der bekanntesten ungarischen Kunstradfahrer, der Kontakt hin zu einer deutschen Hochburg im Kunstradsport, dem VfH Worms, geknüpft. Seit gut vier Jahren lebt die inzwischen 34-jährige Peruanerin in Worms ihren Traum. „Gracia ist ein Teil unserer Radsport-Familie. Sie ist eine Frau, die Kunstradsport wie ein Schwamm in sich aufsaugt, die kein Training auslässt“, sagt Stefan Born, der Vorsitzende des VfH Worms, über die Sportlerin, die einen komplexen Sport binnen kürzester Zeit erlernte, bei dem normalerweise die ersten Schritte im zarten Alter von fünf bis zehn Jahren gemacht werden sollten.

    Unendliche Leidenschaft gepaart mit einem Lächeln

    Gut, für Medaillen bei großen internationalen Events oder gar bei Weltmeisterschaften wird es für Gracia Sotomayor nicht reichen. Aber die heute 34-Jährige war die erste Peruanerin überhaupt, die jemals an einer Weltmeisterschaft teilnehmen konnte. Das Markenzeichen der lebenslustigen Frau ist neben der unendlichen Leidenschaft für den Kunstradsport ihr mitreißendes Lächeln. Bei jedem Tritt in die Pedale, bei jedem Trick auf dem Sattel oder Schwüngen auf dem Lenker funkelt ein Lächeln über das anmutige Gesicht der Frau hoch oben aus den Anden. Genau dort will Gracia Sotomayor den Kunstradsport etablieren. „Ich habe mir das zur Aufgabe gemacht“, sagt sie mit fester Stimme. Bei Reisen zurück nach Peru in die Hauptstadt Lima hat sie ihren Herzens-Sport bereits mehrfach vorgestellt, etliche Anhänger gewonnen. Auftritte in Mexiko folgten. Gracia Sotomayor ist als Botschafterin des Kunstradsports in Südamerika unermüdlich unterwegs.

    UCI-Regelwerk ins Spanische übersetzt

    Eine Mammut-Aufgabe für die Kunstrad-Sportlerin des VfH Worms. Dass sie kein Training, kein Turnier, kein Event ihres Klubs versäumt, erscheint fast selbstverständlich. Um ihrem Sport in Südamerika einen weiteren Kick zu geben, hat Gracia Sotomayor das Regelwerk der UCI (Union Cycliste International, Dachverband von mehr als 200 internationalen Radsport-Verbänden mit Sitz in der Schweiz) 2021 ins Spanische übersetzt und jüngst angepasst. Für eine Teilnahme beim 46. Wormser Kunstradsport Cup blieb für die südamerikanische Botschafterin des Kunstradsports aber selbstverständlich Zeit.

    Ehrung mit nagelneuem Kunstrad

    Die Kür im 1er Kunstradsport Elite Frauen beim Wormser Cup wurde für Gracia Sotomayor eine besondere Darbietung. Nicht etwa, weil die stets freundliche Dame neue Elemente auf das Sportgerät zauberte. Nein, direkt nach dem fünfminütigen Vortrag der Abendveranstaltung gab es eine Ehrung durch den Förderverein Hallenradsport – Indoor Cycling World Wide. Dessen 2. Vorsitzender Stefan Born überreichte ein nagelneues Kunstrad an die 34-Jährige, „als Anerkennung für ihre Bemühungen um den Kunstradsport in Südamerika“. Da rannen beim Gedanken daran, dass ihr neues Sportgerät wohl zahlreiche Runden in den Sporthallen von Peru, Mexiko und wo sonst auch noch immer auf dem südamerikanischen Kontinent drehen würde, ganz gegen ihre Art einmal ein paar Tränchen der Freude über die Wangen. Doch schon bald war das entwaffnende Lächeln wieder im Gesicht von Gracia Sotomayor, der Frau aus Peru, die im fernen Deutschland den grazilen Ritt auf dem Kunstrad erlernte, wieder zurück.
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