Mo., 07. Oktober 2013, 11:38 Uhr
Werner Lämmerhirt begeisterte im Gunterblumer Kleinkunstkeller
Ein Konzert der besonderen Klasse
Als begnadeter Gitarrist genießt Werner Lämmerhirt seit mehr als vier Dekaden bescheiden jenen Beifall, der ihm zusteht. Begeistert von ersten Takten an, erlebten Hörer im dicht gefüllten Kulturkeller jedoch weit mehr. Längst wandelte sich der „stilprägende Virtuose“ zum poetischen Geschichtenerzähler und zum authentischen Entertainer obendrein.
Mal angetan dank glücklicher Stunden, bald angewidert von alltäglicher Dummheit, schreibt der mittlerweile 63jährige Berliner sehr persönliche Liedtexte, die doch alle berühren.
Von erfüllter Liebe erzählt der Song „Bedingungslos“. Mutig gesteht ein kritische Geist, dass er am knisternden Kaminfeuer - von der richtigen entfacht – sich hinzugeben vermag. „Klagt mich doch an und stellt mich bloß“, schleudert er Skeptikern entgegen.
Glaubhafter Plauderer
Werner Lämmerhirt plaudert glaubhaft. Unbilden des Lebens zu trotzen. gelingt nur dem, der sich abschotten kann, dabei aber wach bleibt. - Das ist seine Botschaft. Deshalb empfiehlt das Lied „Mach die Toren dicht“, sich zu schützen, „wenn der Wind sich dreht“.
Als Kind der 68er-Generatin bewahrt er indessen auch Wut. Er wettert wider christdemokratische Häme, die Hartz-IV-Empfängern ein erhöhtes Kindergeld verweigert. „Einer wie Du erzählt mir nicht, was gut ist und schlecht.“, deutlich kommentiert er solch verlogene Erfolgsmodelle. Immer plädieren eigene „Sicht-Weisen“, um den Titel einer der zahlreichen Tonträger zu zitieren, für das vergessen Menschliche. Das gelingt, weil Erfahrung von innen nach außen vorgetragen, Zuhörer überzeugt.
Lämmerhirt weiß zu genau, dass er nicht alle „Tassen im Schrank“ hätte, gäbe er bleibenden Gefühle der „Ex-Frau“ beim Wiedersehen freien Lauf. Privates so zu vertonen ist korrekt, zerbricht doch real jede dritte Ehe. Enttäuschungen aufrecht in die Augen zu schauen gelingt dem, der sich treu bleibt.
Betroffen vom Tod seines Freundes, der geniale Instrumente baute, komponiert Werner weder Trauermarsch noch Blues. Feinperlige Klänge und ermunternde Strophen laden zur Tour nach Süden. Im Abschied wächst Aufbruchsstimmung. Weggehen, um neugierig anzukommen.
Wortlos verzaubert „Don’s Boogie“ als filigrane Hommage für das kanadische Gitarren–Genie Don Ross. In F-Dur offen gestimmten Seiten. Lassen das zu. - Auch seine wegen Diabetes nötige Karriere auf dem Rennrad malen Akkorde melodisch nach. „Rückenwind“ heißt die instrumentale Skizze einer Bergtour.
Wunderbar huldigt Lämmerhirt seinem „Vorbild“ Bob Dylan, dessen „Girl of the North“ völlig neu geboren auftaucht aus leisem Spiel und nuschelnder Stimme. Vokale Schwächen stärken, nötigen sie doch zum genauen Hinhören.
Der „Mythos“ Gitarrenheld singt Klartext, ohne Lyrik oder Komposition zu missachten.
Frische Lieder handeln von verlorenen Träumern oder ironisch von Machos, die tausend Gründe für ein Wiedersehen „wimmern“. - Vertraute Emotionen beleuchten Lämmerhirts Sprache sehr genau. Wie Kurzfilme, die mit passendem Soundtrack unterlegt sind, klären die Songs unterhaltsam auf.
Drei Zugaben klagte das Auditorium ein. Nimmer müde, auch neue unbekannte Lieder des „Saiten-Wunders“ zu lauschen. Ein aktueller Tonträger erscheint wohl erst 2014 publiziert. Aber ob lokaler Nachfrage ist es gut möglich, dass zumindest drei Gitarren und zehn fabelhafte Finger noch November diesen Jahres nach Guntersblum zurückkehren.