AUS DEM STADTRAT: Tätigkeitsbericht von 2019 bis 21 offenbart Handlungsbedarf / Nur 23 Prozent Frauen im Wormser Rat
„Eine Lanze für die Gleichstellung brechen“
Die Leiterin der Kinder- und Jugendbücherei Dagmar Jäger-Weinbach und die städtischen Gleichstellungsbeauftragten Melanie Schiedhelm und Gabriele Menrath präsentierten u.a. im März Bücher, die jenseits jeglicher Rollenklischees sind (von links).
VON STEFFEN HEUMANN | Mit einem Anteil von nur 23 Prozent an Frauen im Stadtrat (52 Fraktionsmitglieder, 12 Frauen) bildet Worms das Schlusslicht in den rheinland-pfälzischen Gremien. Bürgermeisterin Stephanie Lohr verwies am Mittwoch auf die enorme Herausforderung für die Zukunft mit Bezug auf das Thema Gleichstellung, das auch für die Stadt enorme Chancen biete, um das Potenzial von jungen Mädchen und Frauen für die Arbeitswelt zu erschließen und damit eine Lanze für die Gleichstellung zu brechen.
Melanie Schiedhelm und Jasmine Olbort, Gleichstellungebeauftragte der Stadt Worms, präsentierten einen von der Pandemie geprägten Tätigkeitsbericht für die Jahre 2019 bis 21. Viele Stimmen aus dem Netzwerk kämen darin zu Wort, so Schiedhelm. Der Bericht verdeutliche die unermüdliche Arbeit. Ob Aufwertung des Pflege- und Erziehungsbereiches, von Beratungsstellen oder Gewaltschutzbereich. Es sei immer eine Frage der Gerechtigkeit, mit der die Themen, die in die Kommune wie in die Gesellschaft hineinwirken, betrachtet werden müssten.
„Die strukturelle Benachteiligung wird wahrgenommen“, betont Schiedhelm. Die Themen seien ein Dauerbrenner, das sei die geteilte Überzeugung von allen. Die Gleichstellungsstelle setze sich daher nicht nur formal, sondern wie alle Mitstreiter mit Kraft und Kompetenz für ein diskriminierungsfreies Worms ein.
Perspektiven berücksichtigen – Barrieren abbauen Es gäbe immer noch Privilegien zu hinterfragen, Bedarfe in den Blick zu nehmen und Aktiven eine Stimme zu geben. Die Kampagne Mädchen stärken Worms oder der Welt-Mädchentag seien im Terminkalender verankert, neue Muktiplikatorinnen wurden gewonnen, aber eine strukturelle Absicherung der Mädchenarbeit sei mehr denn je nötig. Anstöße geben und Impulse zu liefern, reiche jedoch nicht aus. Melanie Schiedhelm plädierte dafür, Perspektiven langfristig zu berücksichtigen und weiterhin Barrieren abzubauen.
„Haltung zeigen Hilfen fördern – gegen Gewalt an Frauen Jasmine Olbort blickte auf die Auswirkungen von Gewalt gegen Frauen. „Alltag, leider nicht nur in Worms und ein erschreckendes Kapitel der Gesellschaft.“ Ebenfalls ein strukturelles Problem, dem man durch den Ausbau von Präventionsmaßnahmen gemäß der Istanbuler Konvention entgegenwirken müsse. Die Problematik stelle sich auch auf kommunaler Ebene. Es gelte daher darauf hinzuwirken, dass sich die Verwaltung einer Umsetzung der Konvention annehme, unterstrich Olbort. „Der Stadtrat müsse als Unterstützer Haltung zeigen“, appellierte Jasmine Olbort. Die Gleichstellungsbeauftragte verwies auf den Aktionstag „Haltung zeigen Hilfen fördern – gegen Gewalt an Frauen“ am 24. Mai am Winzerbrunnen.
Der demographische Wandel werde immer deutlicher spürbar, ein Wandel auch an Erwartungen der Arbeit an die Arbeitgeber, führte Olbort aus. Im Gegensatz zur freien Wirtschaft könne die Verwaltung Frauen nicht durch Gehälter gewinne, aber durch vielfältige Modelle einer sinnstiftenden Tätigkeit. „Nutzen sie die Chancen der Gleichstellungsarbeit und weiten sie den Blick für gewinnbringende Perspektiven“, so Olbort in Richtung Verwaltungsspitze. Fakt sei, dass etwas passiere. Jeder könne in seinem Umfeld ein stückweit kritisch sein und selbst zum Gleichstellungsbeauftragen werden, warb Jasmine Olbort um Unterstützung jedes Einzelnen.
Die Atmosphäre im Rat sei für Frauen zwar attraktiv, fügte Bürgermeisterin Lohr an. „Aber niemand will eine Quotenfrau sein“, ergänzte Stephanie Lohr. Frauen im Rat seien auch deshalb unterrepräsentiert, weil die Belastung hoch sei und das stelle eine hohe Hürde für das Ehrenamt dar. Es müssten gute Bedingungen für Frauen geschaffen werden, aber das gelte für alle Menschen, die für diese Stadt „brennen“. „Jeder ist willkommen, unabhängig vom Geschlecht“, betonte Stephanie Lohr.
Stimmen aus dem Stadtrat „Dank für die konstante und engagierte Arbeit in der Stadt, aber es gibt noch viel zu tun! Mehr Unterstützung hinsichtlich der Gestaltung in der Arbeitswelt wäre wichtig, da das Engagement der Frauen gleichsam dem Wohle der Familie und Gesellschaft gilt. Es ist positiv, dass die Arbeit wertgeschätzt wird. Die Verwaltung muss sich als familienfreundliche Arbeitgeberin positionieren. Packen wir es gemeinsam an, wir sind bereit dazu!“ (Heidi Lammeyer/SPD)
„Girls Day, aber auch ein Boys Day sollte sein. Männliche Erzieher werden ebenfalls dringend benötigt. Frauen in der Politik sind Vorbilder. Die Frauen im Stadtrat haben fraktionsübergreifend beschlossen, gemeinsam etwas zu tun und Frauen Mut zu machen. Es gibt übrigens mehr Frauen als Männer im Jugendparlament. Frauen werden im Stadtrat ernst genommen, weil sie gleichberechtigte Menschen, nicht weil es Frauen sind. Warum sollen Gleichstellungsbeauftragte nur Frauen sein dürfen? Es geht nur gemeinsam!.“ (Astrid Perl-Haag/FWG-Bürgerforum)
Marion Hartmann (CDU): „Nicht nur Scharnier zwischen Bürgern, auch für uns Ratsmitglieder. Wir brauchen Frauen als Führungskräfte in der Verwaltung. Um die strukturellen Probleme mit Blick auf die Vereinbarkeit zwischen Beruf, Familie und Ehrenamt zu lösen, stehen vielfältige Aufgaben vor uns allen.“
„Gleichstellung betrifft alle. Jede 3. Frau erfährt sexuelle Gewalt. Männer sind tendenziell Vergewaltiger. Es gilt mehr Frauen im politischen Ehrenamt zu ermöglichen, das erfordert mehr Vereinbarkeit.“ Leonhard Schmitt (Bündnis90/Die Grünen)
„1972 waren unter 37 Mitgliedern nur drei Frauen im Stadtrat! Vor 40 Jahren waren es 47 Mitglieder und 7 Frauen. Frauen wählen scheinbar nicht Frauen! Erfolgreiche Frauen in Worms gibt es in vielen Berufen. Helga Becker vor war vor 50 Jahren die erste Dezernentin der Stadt. Lucie Kölsch, Elvira Bickel, Marie-Luise Klee, es gibt Vorbilder, man muss sich ihrer nur erinnern.“ (Dr. Jörg Koch/CDU)
„Die neue Fraktion im Wormser Stadtrat hat die Gleichstellung vollzogen.“ (Ursula Bieser/Alternative für Worms)