Interview: NK im Gespräch mit Werner Wölbern / Wie stellt man einen Gott dar?
„Eine Theaterbühne ist nicht die Tagesschau“
Werner Wölbern wird in der diesjährigen Inszenierung Wotan verkörpern. Im Gespräch mit dem NK erläuterte der Schauspieler, dass es das erste Mal für ihn ist, sich in die Rolle eines Gottes hineinzudenken. Foto: Ina Pohl
VON VERA BEIERSDÖRFER | Werner Wölbern, der unter anderem durch seine Engagements am Schauspiel Hannover, am Schauspielhaus Bochum oder auch dem Schauspiel Frankfurt bekannt ist, und der ebenfalls schon öfter mit Roger Vontobel zusammenarbeitete, wird bei den Nibelungen Festspielen 2022 den Gott Wotan vor der Kulisse des imposanten Doms spielen. Der 60-Jährige ist langjähriges Mitglied der Ensembles des Thalia Theaters in Hamburg und des Burgtheaters Wien. Im Gespräch mit dem NK verriet er u.a., welche Wünsche er für seine Zeit in Worms hat.
NK: Herr Wölbern, waren Sie bereits in Worms? W.W.: Ja, 2019 war ich zu einem privaten Besuch hier und habe mir damals auch eine Vorstellung der Nibelungen-Festspiele mit Klaus Maria Brandauer angeschaut. Dabei habe ich erstmals das großartige Ambiente vor dem Dom erfahren und direkt lieb gewonnen.
NK: Sie werden Wotan verkörpern, wie gehen Sie an diese Rolle heran? W.W.: Das weiß ich noch nicht genau, denn ich muss mir zuerst Klarheit darüber verschaffen, wie man einen Gott spielt; da habe ich keine Erfahrungswerte. Wotan ist ja schon ein etwas älterer Herr, eigentlich ein starker Mann, dem im Verlauf der Geschichte immer mehr die Fäden aus der Hand genommen werden, ohne dass er wirklich versteht, was da eigentlich genau passiert.
Aus seinem Selbstverständnis als Gott, als quasi Bestimmer, heraus, ist er es nicht gewohnt, dass irgendwer - in diesem Fall seine Tochter Brünhild - etwas anders macht, als er es plant und anordnet. Er ist einerseits durchaus charismatisch, humvorvoll, eloquent, andererseits aber auch etwas arrogant und selbstherrlich. Das wird ihm vermutlich zum Verhängnis. Also, es wird sich zeigen, wie sich die Rolle für mich noch entwickelt.
NK: Bei der Pressekonferenz wurde häufig darauf verwiesen, dass das Stück „hildensaga.ein königinnendrama“ sehr viel Bezug zur aktuellen weltpolitischen Lage hat. Wie viel Aktualität nimmt man mit auf die Bühne? W.W.: Eine Theaterbühne ist nicht die Tagesschau, allerdings setze ich mich als Mensch und Schauspieler ja mit den Geschehnissen um uns herum auseinander und bringe sie ein.
Das ist ein fortdauernder und notwendiger Prozess. Dies vorausgesetzt, sind es aber letztlich immer die Zuschauer, die am Ende für sich oder mit anderen die Kontroverse weiterführen, ob und welche Parallelen zwischen der fiktiven Geschichte der Nibelungen und der Realität wahrgenommen werden.
NK: Wie viel der eigenen Persönlichkeit steckt in Ihren Rollen? W.W.: Eine Rolle ist niemals identisch mit mir, aber man schöpft natürlich aus den eigenen Erfahrungen und Erlebnissen und aus der Fantasie.
NK: Haben Sie unterschiedliche Herangehensweisen, sich auf eine Film-oder auf eine Theaterrolle vorzubereiten? W.W.: Ich bereite mich auf beides ähnlich vor. Mir macht es Spaß, mich in meine Rollen hineinzudenken, hineinzuspinnen sozusagen. Man bekommt dann zuweilen eine ganz andere Wahrnehmung für Details - z.B. sehe ich bei einem Spaziergang wie ein anderer Mensch spricht, geht, sich bewegt - und denke dann, das könnte interessant für meine Rolle sein usw.
Sobald ich ein Drehbuch oder ein Stück bekomme, fange ich an, ein Gespür für die Rolle zu entwickeln und Witterung aufzunehmen. Dann rede ich auch oft mit mir selbst, egal wo - in der Badewanne oder auch unterwegs. Das ist heutzutage auch viel leichter, da es nicht unüblich ist, dass Leute auf der Straße vor sich hinfaseln, die meisten haben natürlich so einen Handy-Knopf im Ohr. So fallen meine Selbstgespräche gar nicht mehr groß auf. Früher wurde man doch eher schräg angeschaut.
NK: Was wünschen Sie sich persönlich für die Proben und Festspielzeit in Worms? W.W.: Ich wünsche mir eine gute und kreative Zeit mit den Kollegen, mit dem ganzen Team. Ich freue mich darauf, dass wir uns gegenseitig inspirieren und hoffe, dass wir etwas erfinden, das dem Publikum Spaß macht – und vielleicht auch zum Nach- und Weiterdenken anregt. Und dann gibt es nach Feierabend vielleicht auch irgendwo einen schönen Biergarten, wo wir den Arbeitstag gemeinsam noch etwas nachbereiten können.