KONZERTBERICHT: „20 Years Of Soul“ Konzert von Joss Stone in der ausverkauften Alten Oper, Frankfurt
Engelsgleiches Wesen mit tiefschwarzer Stimme
Die britische Schauspielerin und Sängerin Joss Stone bewies in Frankfurt, warum sie aktuell als eine der populärsten Soul-Pop-Sängerinnen gilt. Foto: Rudolf Uhrig
Von Rudolf Uhrig › Nun, wer schon einmal ein Konzert von Beth Ditto (Gossip) live erlebt hat, der weiß, was ihn erwartet: am Ende ihrer Show steht die Amerikanerin oft in Unterwäsche auf der Bühne. Ihrer Schuhe entledigt sie sich gleich nach dem ersten Song, aber so, dass es jeder mitbekommt, sie schleudert sie regelrecht über die Bühne. Nicht so Joss Stone, die von Anfang an barfuß zu ihren Auftritten kommt. Sicherlich ein Markenzeichen, aber keineswegs ihre Erfindung. Das tat Sandie Shaw (Puppet on a String), bereits vor knapp 60 Jahren. Viele Sängerinnen tun dies: Belinda Carlisle, Björk, Florence Welch, Morgan Myles, Kelsea Ballerini und auch gelegentlich Joan Baez, um nur einige zu nennen. Einmal damit angefangen – und schon wird es erwartet; insofern steht die Frage voran: Tritt Joss Stone heute wieder barfuß auf? Ja, sie tut es, auch am Dienstagabend im ehrwürdigen Gebäude der Alten Oper in Frankfurt.
Das Konzert – freilich bestuhlt – ist mit rund 3.200 Besuchern ausverkauft. Nach knapp 20-minütiger Verspätung betritt ihre sechsköpfige Band und drei Backgroundsängerinnen die Bühne, alle in Weiß. Dann kommt der Star des Abends im langen, rückenfreien Kleid, in Weiß. Verbeugt sich tief, sodass die langen blonden Haare das Gesicht fast gänzlich verdecken. Fast zaghaft haucht sie in ihr Mikro „Thank you“! Der Mikroständer ist mit einem goldenen, glitzernden Tuch verziert. Sicherlich, es ist nur ein einfaches Accessoire, vielleicht ein Femininum; es wirkt freundlich, gemütlich, schön.
Mit einem Intro Medley startet die Engländerin ihre Show; und die heißt „20 Years Of Soul.“ Sie ist 36 Jahre alt – 20 Jahre!? In der Tat! Während sie sich mit Auftritten bereits an der Seite von James Brown, Herbie Hancock, Stevie Wonder, Gladys Knight, Sting, Van Morrison und Melissa Etheridge in der Gesellschaft musikalischer Berühmtheiten bewegte, war Joss Stone immer dafür bekannt, auch in ihrer eigenen Arbeit mit verschiedenen Stilen zu experimentieren. Ihre Alben, mittlerweile sieben an der Zahl, sind ein Mix verschiedener Einflüsse, die ihre kraftvolle Soulstimme mit Reggae-, Welt-musik- und Hip-Hop-Soundscapes verschmelzen lassen. Dabei sind ihre selbstgeschriebenen Songs die stärksten. „Super Duper Love (Are You Diggin' On Me)“ aus ihrem 2003er Album “The Soul Sessions” ist so ein Song, ihr Debüt-Album, ein Erstlingswerk mit hoher Strahlkraft. Und sie setzt dabei noch ein Highlight obendrauf. Denn das engelsgleiche Wesen, verlässt wie ein Seraphim, die Bühne, begibt sich ins Parkett, tanzt im und mit dem Publikum. Da führt sie doch gleich Ihr „Right To Be Wrong“ als ad absurdum. „Ich habe das Recht, Irrtümer zu begehen. Fehler machen mich stark. Raus aus der häuslichen Enge! Hinaus ins große Unbekannte! Plötzlich spüre ich Flügel, obwohl ich noch nie geflogen bin.“
Ihre Songs, ob „Fell In Love With A Boy”, „Jet Lag”, „Proper Nice”, „Tell Me 'Bout It” kommen aus tief schwarzer Seele, sie sind höchst emotional, hochtourig; es scheint so als ob sie immer neue Schmerzgrenzen auslotet. „4 and 20”, „The Love We Had (Stays on My Mind)” folgen. Und immer kommt ein artiges “Thank You” immer mit dem prüfenden Blick ins Auditorium „…mögen sie es?” Und ja, die Fans sind da und lauschen auch gerne ihren Medleys, denn in zwanzig Jahren hat Joss Stone viel erschaffen, viel erreicht. Mit dem souligen „Karma“ heizt sie noch mal ein, um mit „Some Kind Of Wonderful“ einer lasziven „Rhythm And Blues“-Nummer ihre rund 100-minütige Show zu beenden. 2011 schrieb SZ-Autor Jürgen Schmieder nach einem Konzert die herrlichen Zeilen: „Sie steht barfuß auf der Bühne, singt so naiv wie ein kleines Mädchen und lächelt ständig. Joss Stone ist ein Sonnenschein aus einer längst vergangenen Zeit.“ In 2023 nehmen wir es gerne als Metapher.