Mit dem Schuljahr 2005/2006 führte das Rudi-Stephan-Gymnasium als erstes Gymnasium in Worms das Ganztagsangebot ein
Erfahrungen nach 10 Jahren Ganztagsschule
In der Mittagspause essen die Schüler- und Schülerinnen in der Mensa.
Von Gernot Kirch Mit dem PISA-Schock, der deutschen Schulen im internationalen Vergleich keine besonders guten Noten ausstellte, begann im Jahr 2000 schlagartig das Nachdenken über die Schulstruktur. Ein Ansatz zur Verbesserung des Systems war der Ausbau des Ganztagsschulangebotes, wie es in anderen Ländern üblich ist. Auch in Worms setzten Diskussionen ein.
Intensive Betreuung
Infolge einer entsprechenden Abfrage durch die Stadt beschloss das Rudi-Stephan-Gymnasium im Jahr 2004 seinen Schülern bzw. Eltern ein Ganztagsangebot zu unterbreiten. Mit dem Schuljahr 2005/06 startete das Projekt. Damit besitzt das „Rudi“ als einziges Gymnasium in Worms ein Ganztagsangebot, wobei inzwischen auch die Integrierte Gesamtschule Nelly-Sachs in Worms-Horchheim eine Ganztagsschule ist. Nach über zehn Jahren Ganztagsangebot am Rudi-Stephan-Gymnasium ist es Zeit, ein kleines Resümee zu ziehen. Der Nibelungen Kurier sprach dazu mit der Koordinatorin des Gymnasiums, Uta Lichtermann-Bodensohn.Auf die Frage nach den Vorteilen nannte die Koordinatorin zunächst die Chance der Schüler-Betreuung für berufstätige Eltern oder Alleinerziehende. Ein wichtiger Aspekt sei auch umfassende Fördermöglichkeit für Kinder, deren Eltern ihren Nachwuchs beim Lernen oder den Hausaufgaben nicht in ausreichender Weise unterstützen können. Der Ganztagsbereich gebe zudem Kindern eine feste Tagesstruktur und biete einen familären Rahmen. In der Gruppe der Ganztagsschüler werde das soziale Lernen und Miteinander gefördert, da die Schüler auch die Mittagspause und den Nachmittag zusammen verbringen. Ab 13 Uhr stehe zudem eine pädagogische Fachkraft zur Verfügung, welche die Kinder von Beginn ihrer Schullaufbahn an im Ganztagsbereich kennt. Diese Kontinuität und der Vorteil, dass die pädagogische Fachkraft – anders als Lehrer – keine Noten gibt, mache sie zur Ansprechpartnerin für alle Sorgen und Nöte der Kinder. Am Rudi-Stephan-Gymnasium bestehe der Nachmittag im Ganztagsbereich auch nicht aus einer Hausaufgabenbetreuung, sondern hier fänden zusätzlich von 14.30 bis 16 Uhr Lernangebote durch jene Fachlehrer statt, die auch vormittags den Unterricht hielten.
Fakten und Zahlen
Doch so positiv und zweckmäßig sich die Vorteile des Ganztagsangebot anhören, so zurückhaltend ist dennoch die Nutzung durch die Eltern. Was eigentlich überraschend ist, da doch die Zahl der Eltern zunimmt, bei denen beide Partner berufstätig sind. So hat das Rudi-Stephan-Gymnasium insgesamt rund 763 Schüler, davon nehmen etwa 70 bis 80 das Ganztagsangebot wahr. In den Klassenstufen 5 und 6 sowie derzeit auch in der Klassenstufe 7 ist eine komplette Ganztagsklasse vorhanden, dies sind rund 25 Prozent der gesamten Jahrgangsstärke. Nach der siebten Klasse gehe die Teilnahme am Ganztagsbetrieb zurück, so Uta Lichtermann-Bodensohn. Je älter die Schüler werden, desto mehr wechselten vom Ganztags- in den Halbtagsbereich, berichtete die Koordinatorin.
Mensa als Kernelement
Ein Kernelement des Ganztagsangebots ist die Mittagsverpflegung in der Mensa. Uta Lichtermann-Bodensohn erläuterte, dass alle Ganztagsschüler ab 13 Uhr in die Mensa gehen müssen, sie jedoch die Wahl hätten, ob sie mitgebrachtes Essen verzehren oder eines der beiden Angebote der Mensa nutzen. Auch Halbtagsschüler könnten übrigens in der Mensa essen, allerdings sei eine rechtzeitige Anmeldung hierfür notwendig. Um das Essen stets zu optimieren und möglichst den Geschmack der Kinder zu treffen, gebe es einen Bewertungsbogen, welchen die Kinder nach jeder Mahlzeit ausfüllen können. Die Analyse dieser Schülerbewertung sei die Grundlage für die Erstellung des jeweils neuen Essensplans, der an einem „Runden Tisch“ erstellt werde. Am „Runden Tisch sitzen unter anderem Schüler, Lehrer, Küchenmitarbeiter, Eltern und Mitarbeitern der Firma Apetito, die das Essen liefert. Hier werde darauf geachtet, dass jeweils beide Menüangebote schmackhaft und gleichzeitig gesund seien. Natürlich sei es schwierig, jeden Geschmack zu treffen, weil die Kinder von zu Hause ganz unterschiedliche Geschmacks- und Ernährungserfahrungen mitbringen.
Angebot der Zukunft
Als Fazit bleibt festzuhalten: Ganztagsschulen sind inzwischen ein fester Bestandteil der Schullandschaft, auch bei den Wormser Gymnasien. Die Möglichkeit für Eltern, ihre Kinder den ganzen Tag sinnvoll betreut „unterzubringen“, ermöglicht oft erst eine Berufstätigkeit, gerade wenn man in eine andere Stadt pendeln muss. Allerdings nimmt die Bereitschaft der Kids an der Ganztagsbetreuung teilzunehmen mit steigendem Alter ab. Irgendwann ist es eben „uncool“ nachmittags in der Schule zu sein. Ob die Nachfrage an Ganztagsplätzen in Worms zunimmt, muss man abwarten, vermuten kann man es. Wobei Uta Lichtermann-Bodensohn ergänzte, dass die Beliebtheit des Rudi-Stephan-Gymnasiums nicht nur auf das Ganztagsangebot zurückzuführen sei, sondern dies in erster Linie an der familiären Atmosphäre und der überschaubaren Größe der Schule liege. Wer ans „Rudi“ geht, muss übrigens ab der 5. Klasse Latein lernen, ab der 6. Klasse kommt als zweite Fremdsprache dann Englisch dazu.