
Schüler der Nelly-Sachs-Integrierten Gesamtschule Worms in Horchheim haben in der letzten Woche vom 25. bis zum 29. April ein Projekt zum Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz in Polen durchgeführt. Bereits im Sommer hatten die Schüler des Leistungskurses Geschichte der Jahrgangsstufe 12 im Rahmen der Projektwoche verschiedene Zeitzeugeninterviews gesichtet und sich in den historischen Kontext eingearbeitet. Wiederholt war der Buchautor und Auschwitz-Kenner Reiner Engelmann („Der Fotograf von Auschwitz“) zu Gast, um die Schüler auf die Fahrt vorzubereiten. Anfang April besuchten diese ferner das Wormser Stadtarchiv im Raschi-Haus und sammelten Erkenntnisse um den Umgang mit den Wormser Juden in Zeiten von NS-Herrschaft und Judenverfolgung. Diesem Fundus entstammte auch eine Liste von Wormser Bürgern, die nach Auschwitz deportiert worden waren, über deren Verbleib man aber nichts Weiteres wusste.
Die intensiven Vorbereitungen mündeten dann in die Fahrt an den historischen Ort Auschwitz, um das Erlernte auch räumlich und emotional zu erfahren. Finanziell unterstützt wurde die Schule hierbei vor allem von der Bethe-Stiftung, des Weiteren auch von der Sparkasse Worms-Alzey-Ried, dem Rotary Club Worms, dem Förderverein der Nelly-Sachs-IGS, MdB Marcus Held sowie Herrn Volker Roth.
Die Schülerinnen und Schüler besuchten am Mittwoch, dem 26. April, das Stammlager Auschwitz I, dessen Eingangstor mit dem berüchtigten Schriftzug „Arbeit macht frei“ versehen ist. Neben einschlägigen Quellen wie Deportationslisten, Lazarettberichten oder den Erinnerungen der Nazi-Täter hinterließen vor allem die Berge von Schuhen, Fotos und Haaren bleibenden Eindruck. Auch die Besichtigung der Gefängniszellen und der Gang durch die langen Flure, gesäumt mit den Fotos und Lebensdaten der KZ-Häftlinge ließen die Schülerinnen und Schüler das Ausmaß der Gräueltaten erahnen.
Am Nachmittag stand anschließend ein Archiv-Besuch auf dem Programm, bei dem die Spuren der Wormser Juden weiterverfolgt wurden. Zwei Namen fanden sich tatsächlich in den Krankenlisten der Lazarette wieder, sodass ihre Ankunft in Auschwitz belegt ist. Anschließend verlieren sich jedoch, wie bei so vielen der Opfer des Nationalsozialismus, ihre Spuren.
Am Donnerstag, dem 27. April, besuchte die Gruppe dann das Arbeits- und Vernichtungslager Auschwitz II Birkenau. Trotz oder gerade wegen des strömenden Regens hinterließ auch dieser Ort tiefen Eindruck. Besonders der Ort der sogenannten „Selektionen“, die zwischen Leben und Tod entschieden sowie die Überreste der Gaskammern und Krematorien, gleichsam das Epizentrum des Verbrechens, führten die Gräueltaten der deutschen Besatzer deutlich vor Augen.
Am Nachmittag reflektierten und diskutierten die Schülerinnen und Schüler das Erlebte in einem Workshop in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oswieçim (IJBS).
Am Freitag besuchte die Gruppe die nahegelegene Stadt Krakau und erkundete die Geschichte der Juden in Krakau. Neben dem Besuch der Fabrik Oskar Schindlers stand das traditionelle jüdische Viertel Kazimierz sowie das spätere jüdische Ghetto auf der Tagesordnung. Der Abend wurde durch den Besuch eines israelischen Restaurants abgerundet.
Nach einer kurzen Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung machte sich die Gruppe am Samstag, dem 29. April, wieder auf den Rückweg in die Heimat.
Warum Auschwitz?
Mit dieser Fahrt möchten wir einen Beitrag zur Demokratie- und Friedenserziehung unserer Schülerinnen und Schüler leisten. Wir möchten sie ermutigen, eine eigene demokratiebejahende Haltung zu entwickeln und sie im Aufbau ihres Geschichtsbewusstseins bestärken. Als junge Erwachsene sind sie auf dem Weg zu politischer Teilhabe und aktiver Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen, in welchen ein moralischer Kompass aus Werten unseres Grundgesetzes und der Menschenrechte eine unabdingbare Stütze ist.
Wir als Geschichtslehrer und als Schule sehen es als unsere Aufgabe an, die Schülerinnen und Schüler in ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen und ihnen Angebote zu machen, in denen sie die Möglichkeiten finden, ihr Selbst weiter (aus-) zu bilden. Dazu gehören auch vermeintlich unbequeme oder belastende Ereignisse und Orte, wie sie im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz vorzufinden sind. Wir möchten unsere Schülerinnen und Schüler dazu anregen, sich mit sich selbst und ihrer Geschichte auseinander zu setzen und daraus eine Haltung für die Zukunft zu entwickeln.
Zitate:
Stellungnahmen:
Lehrer:
Die Organisatorin des Projektes, Geschichtslehrerin Sabine Julier betonte, „die buchstäbliche ‚Erfahrung‘ dieses Ortes der Unmenschlichkeit ist für die heutige Generation nicht nur stummes Zeugnis der Geschichte, sondern ein Aufruf zur aktiven Gestaltung einer toleranten und freiheitlichen Gesellschaft. Wir hoffen, mit dieser Fahrt eine Auseinandersetzung nicht nur mit der eigenen Vergangenheit, sondern auch und gerade mit unserer Zukunft angeregt zu haben.“
Martin Stettner, ebenfalls Geschichtslehrer, hob die über den historischen Ort Auschwitz hinausweisende Bedeutung des Themas Entrechtung und Verfolgung hervor: „Ich beobachte mit Sorge die aktuelle Stigmatisierung gesellschaftlicher Randgruppen sowie das Erstarken völkisch-nationalistischen Gedankengutes. Die Schicht zwischen Zivilisation und Barbarei, das ist die eigentliche Lehre aus Auschwitz, ist extrem dünn.“
Schülerinnen und Schüler:
David Ohl Cascante
„Die Fahrt nach Auschwitz war wichtig, da sich dort wichtige Geschehnisse in der Vergangenheit ereignet haben. Man konnte sich die grauenhaften Taten der Nationalsozialisten besser vorstellen und hat sich bewusst gemacht, wie unschuldige Menschen mit dem Tod konfrontiert wurden. Diese Taten zeigen einen Verlust der Menschlichkeit und der Besuch in Auschwitz soll den Besuchern die Augen öffnen und als Beispiel dienen, damit sich so ein Verbrechen nicht wiederholt.“
Jannik Wiechen
„Die Studienfahrt nach Auschwitz war sehr wichtig da Auschwitz einen Teil unserer Geschichte widerspiegelt und verkörpert.
Der Besuch des KZ ist eine Erfahrung, die jeder Mensch gemacht haben sollte um sich klarzumachen, welche Fehler sich in der Welt nie wiederholen dürfen.
Zudem muss man sich durch eine solche Fahrt an all diese Ereignisse erinnern, um keinen der dort gestorbenen Menschen in Vergessenheit geraten zu lassen.“
Ann-Kathrin Meyer
„Der Besuch im Konzentrationslager Auschwitz und die direkte Konfrontation mit dem Ort der Verzweiflung und des Leidens führte bei mir zu unendlicher Fassungslosigkeit.“
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