BAUERN- UND WINZERVERBAND: Landwirte derzeit abseits des Ackers herausgefordert
Ernährungssicherheit und Existenzen gefährdet
Auch bei der Spargelernte ist viel Handarbeit gefragt. Durch den Anstieg des Mindestlohns zunächst auf 10,45 Euro zum 1. Juli und in einem nächsten Schritt auf 12 Euro zum Oktober 2022, werden die Produktionskosten erheblich ansteigen. Foto: pixabay
Von Vera Beiersdörfer › „Die aktuelle Ausrichtung der Agrarpolitik in Berlin und vor allem in Brüssel ist mit Blick auf die globale Lage und die Folgen für die Landwirtschaft nicht zu verantworten“, machte der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd e.V. (BWV), Eberhard Hartelt am Donnerstag deutlich. Besonders kritisierte er die Brachepflicht der Gemeinsamen Agrarpolitik, die massive Ausweitung der Gebiete, in denen nach Düngeverordnung keine bedarfsgerechte Düngung mehr möglich ist und das Ende Juni von der EU-Kommission vorgelegte Naturschutzpaket.
Wenn dieser Weg weiter beschritten werde, gefährde man nicht nur die Ernährungssicherheit in Deutschland und Europa, sondern nehme in Kauf, dass die Anzahl der hungernden Menschen in der Welt weiter zunehme.
Der BWV-Präsident unterstrich, dass es nicht darum gehe, das Rad in der Landwirtschaft zurückzudrehen: „Die Landwirte und Winzer stehen weiterhin zu Klima- und Biodiversitätsschutz.“ Das Jahr 2022 habe erneut gezeigt, dass der Klimawandel mit seinen Folgen erhebliche Auswirkungen auf das Wirtschaften in den Betrieben hat. Daher sei es richtig und wichtig, Maßnahmen zu ergreifen, um den Klimawandel abzumildern und auch um die Artenvielfalt zu erhalten. Die Ernährungssicherung – lokal und global – dürfe dabei allerdings nicht vergessen werden.
Ebenfalls ein besorgniserregendes Thema für regionale Anbaubetriebe ist der Anstieg des Mindestlohns auf 12 Euro zum 1. Oktober. „Vor allem bei Sonderkulturen wie Obst, Gemüse und Weinbau, wo viel Handarbeit gefragt ist, wird sich diese Erhöhung extrem negativ auswirken“, erläuterte Andreas Köhr vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd e.V. im Gespräch mit dem NK.
„Steigender Mindestlohn macht die Situation nicht besser“
„Die landwirtschaftlichen Betriebsmittel sind durch den Ukrainekrieg ohnehin in fast allen Bereichen sprunghaft gestiegen, sei es der höhere Preis für Dünger- und Pflanzenschutzmittel, Treibstoff oder auch Verpackungsmaterialien. Der steigende Mindestlohn macht die Situation gewiss nicht besser.“ Viele Landwirte befürchten, dass sie die höheren Kosten nicht über ihren Preis umsetzen können. Es sei zudem keine Überraschung, dass in der aktuellen wirtschaftlichen Lage die Verbraucher oftmals zu günstigeren Erzeugnissen aus dem Ausland greifen. „Hier sind deutsche Betriebe klar im Wettbewerbsnachteil. Ausländische Ware hat einfach die niedrigeren Produktionskosten durch den niedrigeren Mindestlohn und durch dort geltende geringere Sozialstandards.“
Auf Automatisierung setzen
Viele Obst- und Gemüsebauern überlegten bereits, künftig mehr auf Automatisierung oder gar den Anbau anderer Kulturen zu setzen.
Nur wenn für die ausländische Konkurrenz die gleichen hohen Anforderungsstandards in Sachen Düngung etc. sowie der gleiche zu zahlende Mindestlohn gelten würde, sieht Andreas Köhr eine Chance für regionale Erzeuger, am Markt wettbewerbsfähig zu bleiben. „Auch sollte endlich ein größerer Teil des Ladenpreises beim Landwirt landen“.
Die Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro habe die Betriebe völlig unvorbereitet getroffen. „Unser Wunsch war es, den Mindestlohn stufenweise anzuheben und ausländische Erntehelfer von der Mindestlohnregelung auszunehmen, doch da war mit der Politik nicht zu verhandeln“, bedauert Köhr und betonte gegenüber dem NK, dass sich als Folge höchstwahrscheinlich das Spektrum regional angebauter Erzeugnisse stark verschieben wird.