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  • Fr., 31. März 2017, 10:50 Uhr
    Teuflische Schikanen neben erbärmlichem Kleingeist

    Erschütternder Vortrag zur Deportation der Wormser Juden

     

    Deportierte Familie „unbekannt verzogen“: Durch Deportation und Tod ließ sich der Amtsschimmel nicht vom gewohnten Trott abbringen. Das Nebeneinander gewollter „Arglosigkeit“ neben lückenloser Planung von Vernichtung und Beraubung durch die Behörden erschütterte das Vortragspublikum. Foto: Regina Urbach.


    Von Regina Urbach. Am Donnerstag gelang Dr. Gerold Bönnen im Raschihaus ein engagierter stadtgeschichtlicher Vortrag anlässlich des 75. Jahrestags der Deportation der Wormser Juden im März und September 1942. Bei seinen akribischen Ausführungen anhand städtischer Dokumente legte er den Finger auf die groteske Perfidität der gleichgeschalteten Behördenarbeit. Neben grausigsten Taten – der Deportation der 200 übrigen, Wormser Juden zwischen 2 und 92 Jahren, von denen nur vier überlebten – zerlegte er förmlich die lächerliche Kleindenkerei von Polizei-, Ordnungs- und Finanzbeamten. Immer wieder warf er Schlaglichter auf Einzelschicksale wie das der Ärztin Dr. Elisabeth Spies, der letzten im Gebiet um Worms: Nachdem ihr die Bezeichnung „Arzt“ und der Doktortitel aberkannt und das Verlassen des Wohnorts und das Benutzen der Reichsbahn verboten worden waren, bat sie um Erlaubnis, Patienten Hausbesuche zu machen. Dies wurde abgelehnt. Mit ihrer alten Mutter wurde auch sie schließlich deportiert und kam ums Leben. Der damalige Oberbürgermeister Bartholomäus rühmte sich, dank der Deportationen für Entspannung auf dem Wohnungsmarkt gesorgt zu haben, wollte aber 1946 an keinen Untaten beteiligt  gewesen sein. Eindrücklich erläuterte Bönnen ausgefuchst formulierte Deportationsbefehle, die noch vor der sicheren Vernichtung für eine systematische Beraubung der Juden Sorge trugen. Die sprachliche Verharmlosung im Melderegister der Stadt ließ schon schwer schlucken: „Unbekannt verzogen“ lauteten die gewollt unwissenden Einträge nach vollzogener Deportation. Wie es zu einem solch absurden, von breiten Teilen der Bevölkerung mitgetragenen Judenhass kommen konnte, konnte auch der Vortrag nicht restlos erklären. Schockierend wirkten die unerschöpfliche Kreativität an teuflischen Schikanen neben pseudo-objektiven Rechtsbegründungen und der Ignoranz des Schicksals der jüdischen Mitbürger. Kein Wunder, das Dr. Bönnen sich vor Fragen und Diskussionen im Anschluss kaum retten konnte. Diese wurden fast eine Stunde weit über die geplante Zeit hinaus und noch auf dem Vorplatz des Raschihauses weitergeführt.

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