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  • Mo., 23. März 2015, 12:57 Uhr
    Bedrückende Zeitreise: die sechste Heylshofmatinee

    „Es brennt die Stadt am Strom - nur die Kasernen nicht“

    Walter Passian (Bild) und Karl Heinz Deichelmann  verstanden es, mit ihren authentischen Vorträgen zeitgenössischer Texte zu fesseln. Foto: Regina Urbach

    Von Regina Urbach „Sie haben genau den Ton getroffen“- das hörte man im Publikum nach dieser sechsten Heylshofmatinee öfters. Mit minuziös abgestimmter Dramaturgie rahmte der lebensnahe Bericht des Historikers Dr. Jörg Koch die Lesungen zeitgenössischer Texte durch Walter Passian und Karl-Heinz Deichelmann sowie die ernste Darbietung von Mahlers Fünfter auf dem Flügel durch Paul Streich und Preisträger der Jugendmusikschule (Luisa Bodensohn, Jan Yang) ein. Nach knapp zwei Stunden löste sich das Publikum erst allmählich aus dem Bann, in den es diese Zeitreise ganz ohne Bildmaterial entführt hatte. Viele waren gerührt, bei einigen anwesenden Zeitzeugen kamen Erinnerungen hoch. Beeindruckend war, wie Musikpassagen, besonders das Paukensolo (Jan-Micha Bodensohn), die Schilderungen dramatisch unterstrichen. Die ausgewählten Gedichte spannten den Bogen gekonnt von den Bombardierungen selbst über die Gefühle der Überlebenden, das Leben in den Trümmern bis hin zum Übergang in die Nachkriegszeit mit amerikanischer Besatzung und der Ernennung von Ludwig Freiherr von Heyl (Vater der leider verhinderten Elisabeth Klee) kommissarisch zum Stadtoberhaupt.


    Kochs Verdienst war es wieder einmal, Weltgeschichte durch viele mühsame Archiv- und Biografie-Recherchen herunterzubrechen auf das Leben der Wormser Bürger: barsch formulierte Erlasse des Regimes nach der Bombardierung („Wer plündert, wird erschossen!“), blauäugige Durchhalteparolen der Wormser Zeitung noch am 17. März, einen Tag vor der zweiten Bombardierung („Wir fangen wieder an aufzubauen“), Auszügen aus einem britischen Bomberhandbuch ,Aufzeichnungen von Wormserinnen und Wormsern.  In Gedichten und Schilderungen wurde immer wieder Leben und Sterben der Zivilbevölkerung, der Kinder und Mütter akzentuiert. Wurden die Toten des 21. Februar noch pompös als „Gefallene“ beerdigt, so blieb den Toten des 18. März eine richtige Beerdigung wegen der chaotischen Zustände verwehrt. Mucksmäuschenstill blieb es, als Deichelmann Borcherts Trümmergedicht „Dann gibt es nur eins“ verlas - mit dem Appell, Nein zu sagen zu jeder Art von Kriegstreiben und seinen düsteren Visionen vom letzten, dürren Menschen.


    Der Erlös der Veranstaltung soll Kriegsflüchtlingen zugute kommen, was OB Kissel, der neben anderen Prominenten aus Politik und Stadtrat gekommen war, ausdrücklich unterstützte. Die Heylshofmatineen sind mittlerweile halboffiziellen Gedenkveranstaltungen geworden. Die Veranstalter sammeln übrigens noch Ideen für weitere Matineen.


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