RHEINHESSEN: Tierärztliche Notfallversorgung in der Region wird immer schwieriger
„Es müsste an vielen Stellschrauben gedreht werden“
Hilfe für einen „tierischen“ Notfall nachts oder am Wochenende zu bekommen wird immer schwieriger. Foto: pixabay
VON VERA BEIERSDÖRFER - Viele Tierbesitzer kennen das wahrscheinlich – der geliebte Vierbeiner erkrankt oder hat ausgerechnet in den Abendstunden oder gar am Feiertag einen Unfall. Für einen „tierischen“ Notfall nachts oder am Wochenende wird es jedoch immer schwieriger, Hilfe zu bekommen. Nahe gelegene Tierarztpraxen haben geschlossen und auch bei Tierkliniken / Tiergesundheitszentren gibt es immer öfter Engpässe, sodass die nächtliche Versorgung ausgesetzt werden muss. Wohin nun mit der kranken Fellnase?
Schwund an Tierkliniken
Bis zur nächsten Tierklinik müssen Tierhalter mittlerweile Wege bis Gießen, Hofheim am Taunus oder Bretzenheim zurücklegen. „Das kann im Notfall natürlich auch brenzlig werden“, weiß Dr. Heike Axmacher.
„Der Schwund an Tierkliniken in der Region – aktuell noch fünf in ganz Rheinland-Pfalz – hat mehrere Gründe“, erläutert die Tierärztin, die eine Praxis in Leiselheim führt.
Einen ständigen Notdienst anzubieten sei für die Kliniken fast undurchführbar geworden. Um die vorgeschriebenen Ruhezeit von 11 Stunden zwischen den Schichten gewährleisten zu können, müssten eigentlich mehr Tierärzte eingestellt werden.
„Allerdings sind die offenen Stellen kaum zu besetzen“, bedauert Axmacher. Seit vielen Jahren sei die Zahl der Studienabsolventen zwar gleich geblieben, der Wunsch nach Teilzeitstellen, um Familie und Job unter einen Hut zu bringen, würde jedoch immer größer und somit die Bereitschaft zum Schichtdienst in den Kliniken immer geringer. „Da spielt es auch keine Rolle mehr, dass sich die Gehälter der Assistenzärzte in den letzten Jahren langsam an die anderer akademischer Absolventen etwas angeglichen haben“.
Hohe emotionale Belastung
Neben der physischen Anstrengung rund um die Uhr auf Abruf zu sein, spiele ebenfalls die hohe emotionale Belastung eine große Rolle für niedergelassene Tierärzte keine Behandlungen über ihre regulären Sprechzeiten hinaus anzubieten. „Das mentale Stresslevel durch den ständigen Umgang mit kranken und sterbenden Tieren sowie deren leidenden Besitzern ist nicht zu unterschätzen. Das hält kaum jemand aus, der im Dauereinsatz ist“, erklärt Heike Axmacher.
Das Dilemma würde obendrein durch das Anspruchsdenken der Tierbesitzer verschärft. Häufig würde die Nacht- oder Wochenendruhe mit Anfragen, die keine wirklich bedrohlichen Notfälle sind, gestört. „Während wir niedergelassenen Tierarzt früher oft durchschlafen konnten und das Telefon nur bei tatsächlichen Notfälle klingelte, für die jeder Tierarzt sofort aus dem Bett springt, wird der Notdienst heutzutage oft für Bagatellen genutzt. Ob es der bereits tagelang andauernde Durchfall der Katze ist, der am Sonntagnachmittag plötzlich als beunruhigend empfunden wird oder ob der Notdienst aus rein egoistischen Motiven aufgesucht wird, um lästige Wartezeiten zu vermeiden, all dies sind Rücksichtslosigkeiten, die Notdienstleistende zusätzlich belasten“, weist die Veterinärin hin.
Gerade auch im Notdienst würden Tierärzte dann oft überraschte Kunden sehen, welchen es unerklärlich sei, warum die Leistungen zu nachtschlafender Zeit oder am Wochenende doppelt so teuer sind, wie unter der Woche. „Hier muss man dann schon mal erinnern, dass der Schlüsseldienst um diese Zeit meist noch teurer ist“, so Dr. Axmacher. Glücklich seien in diesem Moment jene Besitzer, welche eine Krankenversicherung für ihre tierischen Familienmitglieder abgeschlossen haben.
Versorgung mittelfristig gewährleisten
Für sich und ihre Kollegen hofft sie, dass sich diese frustrierende Situation künftig nicht noch weiter verschärft: „Wenn es der Politik gelingt, mehr Tierärzte mit spezifizierterer Ausbildung aus den Universitäten zu entlassen, die Kliniken Möglichkeiten bekommen individuelle Dienstpläne zu erstellen und die Gebührenordnung weiterhin den aktuellen Gegebenheiten angepasst und nicht nur alle 20 Jahre überarbeitet wird, dann werden die Kliniken mehr Personal auch für den Schichtdienst einstellen können“.
Um einen flächeneckenden Notdienst aufrecht erhalten zu können wäre es zudem wünschenswert, dass alle niedergelassenen Tierärzte sich dazu bereit erklärten, die Last auf möglichst viele Schultern zu verteilen. Am Ende des Tages sollten nicht zuletzt auch die Tierbesitzer kurz innehalten und überlegen, ob die Situation wirklich lebensbedrohlich ist oder, ob der Besuch in der Sprechstunde am nächsten Morgen nicht auch ausreicht“, resümiert Dr. Heike Axmacher, an welchen Stellschrauben gedreht werden müsste, um die Situation für alle zufriedenstellend zu entspannen und die Versorgung von Notfällen 24/7 in der Region wieder mittelfristig zu gewährleisten.