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  • Mi., 23. April 2014, 13:41 Uhr
    Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume referierte im prallvoll besetzten Luthersaal

    Evolution und Religion: Charles Darwin als Theologe

    Charles Darwin


    Bis auf den letzten Platz war der Luthersaal der evangelischen Luthergemeinde in Worms gefüllt, so groß war das Interesse für den Vortrag „Evolution und Religion: Charles Darwin als Theologe“ des Religionswissenschaftlers Dr. Michael Blume im Rahmen der Evangelischen Erwachsenenbildung Worms-Wonnegau.

    Der mit einer Arbeit über die sogenannte „Neurotheologie“ promovierte und in Jena lehrende Referent verstand es, sein Publikum auf anschauliche und fesselnde Weise mit den Ergebnissen seiner Forschungen vertraut zu machen. Dabei konnte er nachweisen, dass das Zerrbild von Darwin als Religionsfeind und Gottesleugner, als Vorreiter von populären Religionskritikern wie Ernst Haeckel und Richard Dawkins der historischen Wirklichkeit nicht gerecht wird.

    Zu Natur, Kultur und Geist empirisch gearbeitet
    Der einzige Studienabschluss, den Charles Darwin nach Abbruch eines Medizinstudiums jemals erzielte, war der eines Bachelors in anglikanischer Theologie. In Cambridge lernte Darwin Theologie im Zeichen interdisziplinärer Studien und eines wissenschaftlichen Aufbruchs kennen. Er selbst arbeitete empirisch und evolutionär gerade nicht nur zur Natur, sondern auch zu Kultur und Geist. Mit der „Abstammung des Menschen“ von 1871 und dem „Ausdruck der Gemütsbewegungen bei Tieren und Menschen“ von 1872 befassen sich gleich zwei seiner bedeutendsten Werke mit der Evolution von Gefühlen, Sprachen, Ästhetik, Psyche und Selbstbewusstsein, Empathie, Moral, Gottesglauben und sogar Gebets- und Meditationserfahrungen.

    „Goldene Regel“ in Philosophie wie in Religion
    So vertrat er im fünften Kapitel in seiner „Abstammung des Menschen“ die Ansicht, „dass der Mensch, wenn auch mit langsamen und unterbrochenen Schritten, sich von einem niedrigeren Zustande zu dem höchsten jetzt in Kenntnissen, Moral und Religion von ihm erlangten erhoben hat“. Die sich evolutionär ausbildende Moral ziele auf Mitgefühl und Kooperation bis zur „Goldenen Regel“, die sowohl in den Religionen – so etwa in der Bergpredigt Jesu – als auch Philosophien begegne. Darwin hat nach dem Urteil des Referenten keinen Zweifel daran gelassen, dass diese Höhe der Moralität nicht von der Natur alleine, sondern nur im Zusammenspiel mit Kultur, Verstand und Religion erreicht werden konnte.

    Vielzahl von Beobachtungen zur Evolution des Gottesglaubens
    Der Evolution des Gottesglaubens widmete Darwin – so Blume – in seinen Arbeiten eine Vielzahl von Beobachtungen. Die im Natur- und auch Kulturzustand noch rohe und zum Aberglauben tendierende Religion müsse verständig und wissenschaftlich durchdacht und veredelt werden: Hier begründete der studierte Theologe Darwin also evolutionär die Notwendigkeit von akademisch-wissenschaftlicher Theologie.

    Was Darwins persönlichen Glaubensweg betrifft, habe er selbst in Briefen und auch in seiner Autobiografie dargelegt, wie er aus einem religiös eher skeptischen Familienumfeld in eine zeitweise intensive Bibelfrömmigkeit hineingewachsen sei. Seine Abschlussprüfung in Theologie bestand er über das Werk des Naturtheologen William Paley (1743–1805), von dem er später schrieb: „Ich glaube nicht, dass ich je ein Buch mehr bewunderte als Paley’s Natürliche Theologie: Ich konnte es fast auswendig aufsagen.“ Doch mit wachsendem Alter wuchsen seine Glaubenszweifel, und er bezeichnete sich zunehmend als „Agnostiker“.

    Beschäftigung mit  religiösen Fragen im letzten Lebensjahr
    In seinem letzten Lebensjahr wandte sich Charles Darwin noch einmal intensiv religiösen Fragen zu. Auslöser war das Buch des Philosophen William Graham „The Creed of Science“ („Das Bekenntnis der Wissenschaft“), in dem ein evolutionärer Theismus vertreten wird. Graham entwarf das Bild einer aufsteigenden Entfaltung der Materie von der Physik und Chemie über die Biologie bis zu den Kultur- und Geisteswissenschaften. Der dahinter stehende, göttliche Wille werde stets nur unvollkommen erkannt, aber durch bedeutende Religionsstifter wie Buddha, Mohammed und insbesondere Jesus Christus verkörpert und vorangetrieben.

    Korrespondenz mit Graham
    Bewegt schrieb Darwin dem Autor: „Es ist sehr lange her, dass mich irgendein Buch so sehr interessiert hat.“ Graham habe seine „innerste Überzeugung ausgedrückt, allerdings viel lebendiger und klarer als ich es hätte tun können, dass das Universum kein Resultat des Zufalls ist. Dann aber steigt in mir immer der furchtbare Zweifel auf, ob die Überzeugungen des menschlichen Geistes, der aus dem Geist niedriger Tiere entwickelt worden ist, irgendeinen Wert hätten oder überhaupt vertrauenswürdig wären.“ Graham antwortete umgehend und es entspann sich eine Korrespondenz. Zu dem vereinbarten Gespräch kam es aber wegen Darwins Gesundheitszustand leider nicht mehr.

    Grahams Glaubensbuch und Darwins Begeisterung dafür gerieten in Vergessenheit. Das reduktionistische und autoritäre Bild, das Kritiker wie Anhänger des gängigen „Darwinismus“ zeichnen, hat mit dem lebenslang interdisziplinär forschenden, suchenden und aufrichtig fragenden Charles Darwin wenig bis nichts zu tun. Blume äußerte die Hoffnung, dass wir in Fragen rund um Evolution und Religion die Chance nutzen, über Disziplinen und Weltanschauungen hinweg am echten Charles Darwin zu wachsen.

    Werner Zager

     

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